24.12.2015

BildungDicke Luft auf der Burg

Die Krise der Internate hat die prominenteste deutsche Schule erfasst: Auf Schloss Salem wird darum gestritten, wie die Zukunft der traditionsreichen Einrichtung zu sichern ist.
Es gibt sie noch, die schöne Internatswelt: lachende Schüler vor großem Schloss in grüner Au, beim Joggen oder Seifenkistenrennen oder Musizieren. Sie trimmen die Segel der Boote auf dem Bodensee, üben mit der Feuerwehr, schlendern durch die Gänge der altehrwürdigen und der modernen Gebäude. Die jüngeren Schüler, in Pullover mit V-Ausschnitt gekleidet, toben sich im Wald aus. Um 20.30 Uhr ist für sie Silentium.
Stimmen die Werbefilme der Schule Schloss Salem, kommt auch das Lernen allerbestens an. "Der Unterricht gefällt mir sehr, sehr gut, weil: Wir sind ganz wenig Schüler, und wir können einfach so mehr zusammenarbeiten", sagt eine Zehnjährige. Ein Mitschüler schwärmt: "Man ist Teil von etwas Großem."
Doch die Welt des bekannten Internats ist längst nicht mehr heil. Hinter den alten Mauern gibt es einen handfesten Konflikt um die Ausrichtung Salems. Intern werden Brandbriefe verschickt und Kompetenzen angezweifelt. Und über die Frage, was der angemessene Ton an der Eliteschule nahe dem Bodensee sein soll, setzt es Abmahnungen und Ausschlussanträge.
Der Trägerverein plant in Abstimmung mit der Schulleitung, Standorte aufzugeben. Die Burg Hohenfels etwa, sie diente als Vorlage für die Jugendbuchreihe "Burg Schreckenstein" (Band 21: "Dicke Luft auf Schreckenstein") und beherbergt bislang die Unterstufe. Auf dem Hohenfels, einige Kilometer vom Stammhaus entfernt, sollten die Kleineren in Ruhe und Abgeschiedenheit das Internat kennenlernen. Offen ist die Zukunft von Schloss Spetzgart nahe Überlingen, Sitz der Oberstufe.
Stattdessen will die Schule zusätzliche Räume vom Markgrafen von Baden und vom Land Baden-Württemberg anmieten und damit den Hauptstandort vergrößern. Anfang November segnete der Trägerverein mit Mehrheit die Pläne ab, im Dezember passierte der Bauantrag den Ausschuss der Gemeinde Salem. Doch die Kritiker verstummen nicht – und sie sind zahlreich. Große Teile der Lehrerschaft und eine Vielzahl ehemaliger Schüler stellen sich gegen die Pläne.
Sie fragen sich, ob die Maßnahmen die richtige Antwort auf die wirtschaftlichen Herausforderungen sind, die selbst Deutschlands größtes Internat fürchten muss – trotz stattlicher Jahresgebühren von rund 35 000 Euro für Kost, Logis und Unterricht pro Kind. Die Zahl der Schüler ist von rund 700 auf knapp 600 gesunken.
Nach dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ist es aus der Mode gekommen, seine Kinder in fremde Hände zu geben. Die Reformpädagogik, früher ein Markenzeichen, hat an Ruf verloren. Dazu kommt der Ausbau der staatlichen Ganztagsschulen, die eine harte Konkurrenz für Internate darstellen. Um die verbleibende Kundschaft buhlen zudem Anstalten in Großbritannien.
Unter der Krise haben besonders die konfessionellen Internate zu leiden, die katholischen Einrichtungen verloren binnen zehn Jahren knapp ein Fünftel ihrer Schüler. Das Jesuiteninternat St. Blasien im Schwarzwald nimmt seit einigen Jahren auch mangels Nachfrage keine Fünft- und Sechstklässler mehr auf. Doch auch anderswo bleiben Betten leer.
Viele Internate versuchen, die Rückgänge zu kompensieren, indem sie verstärkt Schüler im Ausland rekrutieren. Andere arbeiten mit Jugendämtern zusammen und nehmen Kinder aus Problemfamilien auf – eine Strategie, die bei der Kundschaft Salems nicht gut ankäme.
Salem hatte von Anfang an einen besonderen Status. Die Internatsschule versteht sich als verschworene Gemeinschaft, die auch die Ehemaligen einschließt. Wenn es in Deutschland ein Alumni-Netz einflussreicher Abgänger nach angelsächsischem Vorbild gibt, dann in Salem.
Der Schulgründer Kurt Hahn, Reformpädagoge in der Weimarer Republik, gab als eines seiner Sieben Salemer Gesetze die Losung aus: "Befreit die Kinder der Reichen und Einflussreichen von dem lähmenden Bewusstsein ihrer Bevorzugung." In den Internatsverein werden gern Prominente aus Wirtschaft und Politik berufen. Auf der Liste der 42 Mitglieder finden sich Florian Langenscheidt, Annette Schavan und Hildegard Hamm-Brücher.
Salem verbindet von jeher zahlreiche Annehmlichkeiten, vom Hallenbad bis zum Bootsanleger, mit pädagogischem Ethos und Reputation. Als die Schulleitung im vergangenen Jahr beschloss, zur Daddel-Prävention jüngeren Schülern über Nacht ihr Handy abzunehmen, machte das bundesweit Schlagzeilen.
Doch weil Salem keine Schule wie viele andere in Deutschland ist, wird hier auch anders gestritten. An Selbstbewusstsein und Wortgewalt scheint es keinem der Beteiligten zu mangeln.
Einen Protestbrief unterzeichneten neben dem langjährigen Schulleiter Bernhard Bueb die ehemaligen Vorsitzenden des Internatsvereins Clemens Börsig und Eberhard von Kuenheim, einst Topmanager bei der Deutschen Bank und BMW. "Statt dass Salem gemeinsam in die Zukunft geführt wird, droht eine Spaltung der für die Zukunft Salems wichtigen Institutionen und Gruppen." Und: "Eine Mehrzahl der engagierten Altsalemer kritisiert das autokratische Vorgehen des Aufsichtsrats."
Dessen Vorsitzender Robert Leicht, ehemals Chefredakteur der "Zeit" und Ratsmitglied der Evangelischen Kirche, versucht von Hamburg aus, die Geschicke der Schule zu steuern. Leicht und seine Kollegen vom Vereinsvorstand antworteten den Kritikern pikiert: "Ihre Darstellung geht davon aus, dass da eine Art Despot in Hamburg sitzt, dem offenbar alle anderen geknechtet folgen." Dies lasse Internatsverein und Schulleitung "in nahezu herabsetzender Weise als willenlose, folgsame Subjekte erscheinen".
Als Spitze gegen Bueb, der mehr als 30 Jahre lang als Schulleiter amtierte, setzte der Vorstand hinzu: "Wer nach Spuren ,autokratischer' Herrschaft sucht, wird in der vorausgegangenen Salemer Geschichte wahrlich fündiger werden."
Der Streit droht die Schule weiter zu schwächen. Zwei Stifter, die Henning-Winter-Stiftung und die Familie Cetto, haben angekündigt, Gelder zu streichen. Auch in der Dornier Stiftung überlegt man, ob die Zuwendungen unverändert weitergezahlt werden sollen. Einen Grund benennt Carl-Jochen Winter, ehemals Vorstandsvorsitzender des Fördervereins: "Die Schule strahlt keine Harmonie mehr aus, Missmut und Disharmonie herrschen vor."
Zudem haben einige profilierte Pädagogen die Schule verlassen. Von den Verbleibenden schreibt einer, er fürchte "Repressalien", wenn man "eine andere Meinung als von der Leitung/Vorstand vorgegeben vertritt". Auch in der Altsalemer Vereinigung (ASV) herrscht Streit, die Mehrheit der Ehemaligen sprach sich in einer internen Abstimmung gegen die Pläne der Leitung aus. Das diesjährige Treffen der Altsalemer endete mit Streitereien.
Die Schulleitung unter Bernd Westermeyer und der Trägerverein führen an, man müsse die Schule künftig kostenbewusster betreiben. In Bezug auf die historischen Gebäude sagt Westermeyer: "Ich bin nicht in erster Linie ein Museumsdirektor."
Leicht argumentiert zudem, das "Zusammenleben von Schülern, Lehrern und Erziehern auf einem gemeinsamen Campus" entspreche "dem Modell sämtlicher hervorragender Internate auf der ganzen Welt". Die Lehrer hätten mehr Zeit pro Schüler und könnten jahrgangsübergreifend unterrichten, Fahrten entfielen.
Allerdings prognostiziert eine Wirtschaftlichkeitsberechnung für den Internatsverein zunächst hohe Kosten. Die Schule muss Kredite in Millionenhöhe aufnehmen; ob sich die Investitionen rechnen, ist unklar.
Das kritisiert auch der ASV-Ehrenpräsident Niko Becker. "Wir wären als Mieter beim Land und dem Badischen Haus eine dinglich vermögenslose, abhängige Schule", schreibt Becker an die Mitglieder des Internatsvereins und zeichnet ein düsteres Bild: "Die Spendenbereitschaft geht auf null. Die Eltern nehmen vermehrt ihre Kinder aus dem Bestand der Schule." Und an die Adresse des Vorstands: "Spender werden beschimpft. Die Tonart von Robert Leicht nimmt hässliche Formen an."
Ein Exschüler, Gründer einer Kette italienischer Restaurants, begründete seinen Austritt aus dem Alumni-Netzwerk: Wer Widerspruch "nicht aushält und sich hinter Paragrafen und hausmeisterlichen Ordnungsrufen verschanzt, der hat Salem aus meiner Sicht umsonst besucht".
Ein Ehemaliger forderte gar, Leicht wegen "Unzuträglichkeiten für die Schule" aus der ASV auszuschließen. Ein Rechtsanwalt erhielt nach meinungsstarken Beiträgen im ASV-Forum eine Abmahnung: Er habe "Präsidiumsmitglieder mit unzutreffenden Tatsachenbehauptungen, Schmähkritik und/oder nicht sachgerechten Darstellungen gezielt diskreditiert", schrieb ihm der Präsident der Vereinigung.
Im Herbst änderte das Präsidium die Nutzerrichtlinien für das Internetforum der Ehemaligen. Angriffe gegen andere Mitglieder oder die Gremien der Schule "werden nicht geduldet", heißt es dort, ebenso wenig "vermeintliche Wahrheiten, die nicht durch Fakten gedeckt sind oder in den Bereich der Kolportage fallen". Bei Verstoß behalte sich die Vereinigung unter anderem vor: "Löschung oder Abänderung von Inhalten, die der Nutzer eingestellt hat".
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 53/2015
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