24.12.2015

FebruarHEMD AUS DER HOSE

Ein selbstverliebter Finanzminister tanzt über die Politbühne Europas. Von Alexander Neubacher
Der 5. Februar war ein harter Tag für Griechenlands neuen Finanzminister Yanis Varoufakis: erst der Antrittsbesuch bei Wolfgang Schäuble ("Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind"); und dann warteten im Büro des griechischen Botschafters auch noch zwei SPIEGEL-Journalisten zum Interview und stellten "unverschämte, falsche Fragen", wie Varoufakis zornig anmerkte. Nach einer halben Stunde hatte er die Nase voll und verließ grußlos den Raum, um sich der Zerstörung der Eurozone zu widmen.
Varoufakis sah nicht nur aus wie ein launischer Superstar, er war es auch. Er bepöbelte Gesprächspartner und machte via Twitter seine Gegner nieder. Einen ihm unbekannten Journalisten begrüßte er mit "you son of a bitch" ("Du Hurensohn"). Und wann hatte es je einen Finanzminister gegeben, der sich das Hemd aus der Hose zog, bevor er unter die Leute ging?
Kurzum: Der Mann war fantastisch.
Varoufakis sorgte dafür, dass sich plötzlich die halbe Welt mit den Finanzproblemen eines monetär unbedeutenden Landes beschäftigte, als hinge die Weltwirtschaft davon ab. Das lag zum einen daran, dass sich Varoufakis traute, endlich mal wieder die Systemfrage zu stellen: Markt oder Marx? Und zum anderen daran, dass seine radikal verrückte Finanzpolitik das Zeug hatte, das kleine Griechenland tatsächlich zu einer Gefahr für die Weltwirtschaft zu machen.
Gerade wir Wirtschaftsreporter haben Varoufakis dafür geliebt, dass er uns mit Themen versorgte, die weit über den Wirtschaftsteil hinausstrahlten und für heftige Diskussionen in den Redaktionskonferenzen sorgten, auch beim SPIEGEL. Für viele von uns, die über Target-Salden und Quantitative Easing sonst nur recht kurze Beiträge leisten dürfen, war das eine beglückende Erfahrung. Nach wenigen Monaten im Amt trat er im Juli zurück. Ich vermisse ihn.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 53/2015
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