24.12.2015

TechnikFoto-Fast-Food

Der Siegeszug der Smartphones setzt die Kamerabranche unter Druck. Erst hat die Digitalisierung den Markt verändert, jetzt verdrängen Handys die klassischen Fotoapparate. Das Fotografieren mit den Telefonen ist schnell, billig und gut – das führt zu einem Epochenwandel.
Florian Meissners Karriere begann mit einem Verlust. Der junge Deutsche kam 2009 in New York an, wo er als Fotograf arbeiten wollte. Kurz nach seiner Ankunft entrissen ihm zwei Typen in der U-Bahn die Tasche, ausgerechnet mit seiner Kameraausrüstung. "Das war ein Schock", sagt er. Aber es war auch der Beginn seiner Gründergeschichte. Denn das einzige Gerät, das Meissner nach dem Raub in der L-Line blieb, war ein gebrauchtes iPhone 3G, das ihm sein Bruder geschenkt hatte.
Aus heutiger Sicht war das ein Glücksfall. Denn Meissner merkte, dass er seinen Traum vom Fotografendasein in der Metropole auch ohne teure Ausrüstung leben konnte – mit nichts als dem Smartphone. "Das iPhone 3G hatte schon eine ganz vernünftige Kamera", sagt der heute 31-Jährige. Im Netz stieß er auf andere Mobilfotografieenthusiasten, mit denen er bald erste Ausstellungen organisierte – um dann mit drei Mitstreitern das Start-up "EyeEm" zu gründen, seine persönliche Wette auf eine neue Epoche in der Geschichte der Fotografie.
Inzwischen residiert Meissner mit seiner Firma in einer Fabriketage in einem Kreuzberger Hinterhof. Vor eineinhalb Jahren ist er mit 18 Mitarbeitern eingezogen, nun sitzen 75 junge Leute mit Kopfhörern vor Großbildschirmen und bauen an einer internationalen Fotoplattform. War EyeEm anfangs noch eine Art Instagram made in Germany, also eine Galerie mit angeschlossener Community, planen Meissner und Co. nun, zur Bildagentur der neuen Generation aufzusteigen. Amateure wie Profis können ihre Fotos hier nicht nur präsentieren, sondern auch verkaufen.
Fast 60 Millionen Fotos werden über EyeEm inzwischen angeboten, und fast alle haben etwas gemeinsam: "Mehr als 90 Prozent stammen von einem Smartphone", sagt Meissner.
Nie war Fotografieren einfacher, schneller, bequemer und billiger – dank der Smartphones. Die schlanken Alleskönner sind immer dabei, mehr als 45 000 Foto-Apps bieten inzwischen nicht nur lustige Filter, sondern jede erdenkliche Art der Bildbearbeitung. Längst ist das Mobiltelefon damit zur Digitalkamera geworden, und Handyschnappschüsse sind Teil der Alltagskultur. Sie lassen sich problemlos posten und verschicken – via Facebook, Flickr oder Twitter, in einer E-Mail oder per WhatsApp.
Das Ergebnis sind Bilderorgien, Fotofluten nie gekannten Ausmaßes. Wurden in Analogzeiten die 36 Motive eines Negativfilms noch sorgsam ausgewählt, gilt heute das Motto "point and shoot". Rund zwei Milliarden Fotos werden jeden Tag im Netz hochgeladen, etwa 350 Millionen davon allein bei Facebook, das damit nebenbei zum gewaltigsten Fotoarchiv der Menschheitsgeschichte aufgestiegen ist.
Tatsächlich liefern die Kameramodule hochwertiger Smartphones inzwischen verblüffend gute Ergebnisse – insbesondere auf den hochauflösenden Handybildschirmen, aber selbst als großformatige Papierabzüge. Wie wichtig die Kamerafunktion für die Smartphone-Hersteller geworden ist, lässt sich schon an den Kampagnen für ihre aktuellen Topmodelle ablesen: Marktführer Apple hat in der Werbekampagne für das iPhone 6 die Kamera in den Mittelpunkt gestellt, sie zeigt Fotomotive, die Nutzer mit dem neuen Spitzenmodell aufgenommen haben: "Fotografiert mit dem iPhone 6". Sony bewirbt sein Xperia Z5 mit dem Slogan "Die weltweit beste Kamera in einem Smartphone".
Es ist ein radikaler Wandel, dem sich die Fotobranche ausgesetzt sieht. Etwa 21 Milliarden Euro setzt sie jährlich weltweit allein mit Kameras um – nun verändern sich Angebote, Zubehör und Geschäftsmodelle. Und egal, ob man im Siegeszug der "Telefonografie" eine weitere Demokratisierung des Mediums sieht oder ihn für beklagenswert und bedrohlich hält: Ignorieren kann man den Wandel nicht.
Derzeit verändert sich nicht nur der Markt, sondern auch die Fotografie an sich. Das "Immer und überall"-Aufnahmegerät Smartphone gebiert Motivtrends wie "Selfies" und "Groufies" (Gruppen-Selfies), eine neue Bildsprache und Ästhetik. Vor allem aber wandelt sich die Art, wie die Bilder entstehen. Auf den Moment der Belichtung des Films folgte in mehr als 150 Jahren der Fotogeschichte ein chemischer Prozess der Entwicklung. Heute wird aus dem, was die digitalen Sensoren speichern, mittels Algorithmen ein Ergebnis errechnet. Fotografieren ist Datenverarbeitung, ein Rechenprozess, in der Fachsprache ist von "Computational photography" die Rede.
All das spielt sich in einer Branche ab, die den letzten Umbruch gerade erst überstanden glaubte, den vom analogen Film zur Digitalfotografie. Die Möglichkeit, digital zu fotografieren, krempelte den Markt in den vergangenen 15 Jahren von Grund auf um und fegte dabei die Ikonen des damaligen Fotomarkts hinweg – oder zumindest ihre bisherigen Geschäftsmodelle: Agfa trennte sich bereits 2004 von der Filmproduktion. Photo Porst, Deutschlands älteste und bekannteste Fotohandelskette, verschwand aus den Innenstädten. Der Kamerahersteller Rollei wurde aufgespalten, unter dem Markennamen vertreibt eine Handelsgesellschaft inzwischen Selfiesticks und Actioncams aus Asien. Der einstige Weltkonzern Eastman Kodak, dessen Ingenieure die erste Digitalkamera patentieren ließen, musste 2012 Insolvenz anmelden.
Nun stellt der Siegeszug der Smartphone-Kameras selbst diejenigen vor neue Herausforderungen, die den Schritt von der analogen zur digitalen Fotografie erfolgreich gemeistert haben. Seit Jahren geht der Absatz digitaler Kameras zurück, in manchen Sparten sogar massiv. Laut dem Marktforschungsinstitut GfK sank der Umsatz mit Digitalkameras und Objektiven im ersten Halbjahr 2015 um 10 Prozent, besonders dramatisch sind die Einbußen bei den günstigeren Kompaktkameras – bei minus 35 Prozent.
In dieser Klasse ist Apple längst der größte und wichtigste Digitalkamerahersteller der Welt – das iPhone ist bei den mehr als 110 Millionen Nutzern des Fotodienstes Flickr derzeit mit Abstand die beliebteste Kamera, Samsung folgt auf Platz zwei. Die Kameraspezialisten von Canon und Nikon liegen dahinter.
Steffen Grosch ist einer, der mit daran arbeitet, dass Smartphones bald auch hochwertigere Kameramodelle herausfordern. Grosch ist Produktmanager bei Sony. Er ist 43 und so lange dabei, dass er sich noch gut an das erste Sony-Handy mit Farbdisplay erinnern kann, bei dem die Kamera eine wichtige Rolle spielte – das T68i, Markteinführung 2002. Damals kam die Kamera noch als Zubehör, zum Aufstecken.
Während die Handysparte der Japaner zuletzt schwächelte, wird Sonys Bedeutung für die Smartphone-Fotografie unterschätzt. Der Konzern produziert in einem separaten Unternehmenszweig Kameramodule und Sensoren und ist mit einem Anteil von rund 40 Prozent vor Omnivision und Samsung weltweit Marktführer. Sonys Smartphone-Fotosensoren werden unter anderem in Apple-Geräten und Samsung-Galaxy-Modellen verbaut. Wer mit dem iPhone fotografiert, tut dies also gewissermaßen mit einer Sony-Kamera.
Dafür, dass in den Augen der späteren Betrachter ein möglichst gutes Bild entsteht, sorgen Sonys Softwareingenieure in Japan. Sie schreiben die Programme, die aus den Rohdaten unsere Porträts, Strandfotos und Partybilder errechnen. Weil sich der Geschmack weltweit durchaus unterscheidet, werden die Smartphones je nach Verkaufsort mit unterschiedlicher Software ausgeliefert. Diese Fotoalgorithmen sind Geheimrezepte, auch Apple, Samsung und Co. entwickeln sie selbst.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Motivprogramme, die erkennen, was die Nutzer gerade fotografieren. Relativ neu beispielsweise sei ein Algorithmus für Nahrung, erzählt Grosch, eine Reaktion auf den Trend, das eigene Abendessen zu fotografieren und dann bei Facebook oder Instagram zu posten ("Foodporn"). Das Programm erkenne nun nicht nur einen Burger, es setze ihn auch optimiert in Szene. Was das heißt? "Er sieht am Ende einfach leckerer aus", sagt Produktmanager Grosch. Manche der Aufnahmetrends haben sogar Rückwirkungen auf die Hardware: Weil neben den Selfies jetzt Groufies angesagt sind, hat Sony die Frontlinsen seiner Handys weitwinkliger gemacht.
Es sind längst nicht nur die Kamerahersteller, die die veränderte Nutzung zu spüren bekommen. Das lässt sich gut in Oldenburg beobachten, am Hauptsitz von Cewe. Der Wandel hin zur Digitalfotografie habe mit einigen wenigen Maschinen in einem Nebengebäude angefangen, erzählt der für Transformation zuständige Finanzvorstand Olaf Holzkämper. Dann hätten sich die neuen Maschinen für das digitale Fotofinishing Etage um Etage ins Haupthaus gefressen. "Wir wurden glücklicherweise zwangsdigitalisiert", sagt Holzkämper. Die Kunden schickten einfach immer weniger Negative zur Vergrößerung, dafür aber immer mehr Dateien. Cewe reagierte und nutzte die Krise, um durch Übernahmen weiter zu wachsen. Heute sind die Oldenburger europaweiter Marktführer, sie produzieren an zwölf Standorten, 96 Prozent der eingehenden Vorlagen sind digital. Etwa jede fünfte stammt von einem mobilen Endgerät, Tendenz steigend.
Klassische Abzüge dagegen sind immer weniger gefragt. Seine großen Digitalprinter hat Cewe deshalb schon von 70 auf 39 fast halbiert, das frühere Kerngeschäft macht nur noch 20 Prozent des Umsatzes aus. Stattdessen sind auch in Oldenburg inzwischen Softwareentwickler gefragt, rund 120 Leute programmieren eigene Apps und entwickeln die Fotobuchsoftware weiter.
Bei EyeEm in Berlin spielen Papierabzüge sowieso keine große Rolle, im Eingangsbereich hängen Mitarbeiterporträts – allerdings nur, damit angesichts des Kollegenzuwachses alle den Überblick behalten. In Kreuzberg setzt man ganz auf Daten, auch jene, die Fotodateien neben den eigentlichen Bildinformationen mitliefern – etwa über Ort und Zeit der Aufnahme.
Mit Stolz demonstriert Meissner das neueste Werk seiner Entwickler, ein System, das hochgeladene Fotos automatisch auf Inhalte prüft und eigenständig verschlagwortet. Der EyeEm-Gründer demonstriert das anhand privater Reisebilder aus Teheran. Wie von Geisterhand laufen die Bildbeschreibungen ein. Das Programm kann bei Menschen die Ethnie ("Kaukasier") genauso bestimmen wie ihre Position ("Blick zur Kamera"), selbst der Gesichtsausdruck wird analysiert. "Wir erkennen sogar, ob sie lächeln oder traurig sind", sagt Meissner. Bisher werde das Verschlagworten bei Bildagenturen noch von Menschen erledigt, das koste viel Zeit und rund 50 Cent pro Bild. Ihm schwebt deshalb eine Welt der unbegrenzten Fotoangebote vor, eine Armee mobiler Smartphone-Fotografen aus der EyeEm-Community, immer und überall einsatzbereit für neue Aufträge. Statt teure Lizenzen und Rechte zu kaufen, könnte die Gemeinschaft bei einem entsprechenden Auftrag die gewünschten Motive einfach neu fotografieren, "on demand" sozusagen.
In Kreuzberg wird derweil längst über die nächste Evolutionsstufe der Kulturtechnik Fotografie nachgedacht: über eine Fotowelt, die nicht mehr mal das Smartphone als Aufnahmegerät braucht, ja überhaupt keine Optik und Linsen mehr. "Warum sollten künftig nicht einfach Algorithmen selbst Fotos schreiben?", fragt Meissner, etwa für Werbezwecke. Spätestens dann wäre das Foto nicht mehr nur in Teilen errechnet, es wäre gar kein Abbild der Realität mehr. Sondern nur noch das Ergebnis eines Rechenprozesses, einer Kalkulation – "Computational photography" in Reinform.
Eine Vorstellung, die bei Hans-Michael Koetzle Stirnrunzeln auslöst. Der Mann ist eine Art Widerstandskämpfer, ein Hüter der klassischen Fototradition. Er war mal Chef der Zeitschrift "Leica World" und hat die Ausstellung "Augen Auf! – 100 Jahre Leica Fotografie" kuratiert, die nach Stationen in Hamburg und Berlin gerade in Wien zu sehen ist. Anders als die anderen großen Namen der analogen Ära ist Leica nur fast pleitegegangen. Es fand sich ein fotobegeisterter Investor, das Unternehmen zog voriges Jahr in eine neue, 60 Millionen Euro teure Firmenzentrale am alten Stammsitz in Wetzlar und bringt neben Klassikern neue Modelle auf den Markt. Gefertigt werden sie in eigenen Werken in Deutschland und Portugal – zuletzt die spiegellose Leica SL, für 6900 Euro, ohne Objektiv.
Es ist, wenn man so will, der Gegenentwurf zur iPhone-Kamera.
Beim Rundgang durch seine Ausstellung wählt Koetzle einen Vergleich aus dem Genussbereich. Natürlich habe auch die Smartphone-Fotografie ihre Berechtigung, sagt er, aber sie sei für ihn wie Fast Food. Eine hochwertige Kamera dagegen sei wie ein Menü und habe an sich schon einen Effekt auf die Ergebnisse: "Das Werkzeug formt das Denken und den Gebrauch, eine gute Kamera ruft nach Bildkomposition und einer gewissen Selbstdisziplin."
Koetzle hat auch ganz praktische Bedenken, zum Beispiel, wenn es um die Haltbarkeit der Aufnahmen geht. Für seine Ausstellung fuhr er zu hochbetagten Fotografen, die jahrzehntealte Originalabzüge und Negative heraussuchten. "Bei den aktuellen Speichermedien habe ich Zweifel, dass sie die nächsten 20 Jahre überstehen", sagt Koetzle, das Aufnahmegerät Smartphone veralte noch schneller. Dann zeigt er auf die erste in Serie gebaute Leica von 1925: "90 Jahre alt, voll mechanisch, und wenn ich sie aus der Vitrine nehme, kann ich damit noch perfekte Fotos machen."

Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 53/2015
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