02.01.2016

Markus FeldenkirchenDer gesunde MenschenverstandLiebe „besorgte Bürger“,

kurz vor Ablauf der Nominierungsfrist habe ich Euch für das "Unwort des Jahres" vorgeschlagen. Es ist völlig okay, dass Ihr gern mit Fackeln durch ostdeutsche Innenstädte stapft und das Internet mit Eurer Wut verstopft. Die Bezeichnung "besorgte Bürger" aber scheint mir "euphemistisch" bis "irreführend" zu sein, was sie laut Regularien für das "Unwort des Jahres" qualifiziert. Ich denke, dass "uninformierte Bürger" treffender wäre, "Opfer von Missverständnissen" ginge notfalls auch. Das weiß ich aus den viele Zuschriften "besorgter Bürger", die mich zuletzt erreichten. Obwohl die Anrede ("Judensau", "Dschihadist", "Ochsenpimmel", "Volksverräter") und die Wünsche für mein frühes Ableben nicht allzu bürgerlich waren, habe ich versucht, die drängendsten Sorgen aus all den Mails herauszufiltern. Das Ergebnis stimmt zuversichtlich: Oft ist der Grund nur ein Informationsdefizit, das behoben werden kann.
Zu den größten Sorgen zählt, dass "die Regierung" einfach macht, was sie will, und "das Volk" jeden Tag neu "verrät". Weit verbreitet ist die Annahme, wir lebten in einer Diktatur. In Deutschland, und hier scheint das Missverständnis zu liegen, gibt es jedoch eine repräsentative Demokratie. Das heißt, dass man sich vor Wahlen informieren kann, welche Partei am ehesten zu den eigenen Neigungen passt. Wenn man sich vertan hat, etwa weil man dachte, die Union sei noch immer ausländerfeindlich, kann man beim nächsten Mal etwas anderes ausprobieren. Zwischen den Wahlen aber hat die Regierung das Recht, Entscheidungen zu treffen, die sie für richtig hält, ohne ständig um Erlaubnis bitten zu müssen. Auch der von vielen "besorgten Bürgern" geschätzte Wladimir Putin führt meines Wissens nur ungern Referenden durch. Außer auf der Krim natürlich.
Eine weitere Sorge gilt uns, den Medien. Viele "besorgte Bürger" unterliegen dem Missverständnis, dass guter Journalismus haargenau die eigene Meinung wiedergeben müsse. Das ist menschlich, aus ähnlichen Motiven haben die Nazis ihren "Stürmer" gehabt. In Demokratien aber war die Idee von Journalismus bislang eine andere. Aus dem Feedback der "besorgten Bürger" geht zudem die Angst hervor, wir könnten fremdfinanziert sein. Ein Herr aus Zeulenroda hat mir schon viermal geschrieben, dass er sein Abo gekündigt habe, weil wir alle gekauft seien – mal von Angela Merkel, dann wieder vom "Islamischen Staat". Abgesehen davon, dass der SPIEGEL vermutlich noch nie einen Abonnenten in Zeulenroda hatte, sind die Zeiten, in denen zufriedene Leser gleich vier Abos besaßen, tatsächlich leider vorbei. Wir beim SPIEGEL gehören uns übrigens größtenteils selbst, was auch nicht immer leicht ist, aber die Frage, mit wem wir "unter einer Decke stecken", übersichtlicher macht.
In der Hoffnung, dass ich ein paar der drängendsten Sorgen nehmen konnte, drücke ich für die Jurysitzung am 12. Januar nun alle Daumen. Verdient wäre es!
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 1/2016
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