02.01.2016

JubiläenWovon brummt Ihnen der Kopf, Herr Wesseloh?

Oliver Wesseloh, 42, Weltmeister der Biersommeliers 2013, zum 500. Jahrestag des Deutschen Reinheitsgebots
SPIEGEL: Herr Wesseloh, seit fünf Jahrhunderten besteht die Vorschrift, deutsches Bier nur mit den immer gleichen Zutaten zu brauen. Geht Ihnen so ein Einheitsbräu überhaupt noch runter?
Wesseloh: Wenn es sein muss, schon. Auf Partys weigere ich mich nicht, aber das schmeckt dann grottenlangweilig. Zu Hause würde ich so ein Bier nicht anrühren.
SPIEGEL: Das Reinheitsgebot gilt als die älteste Lebensmittelverordnung der Welt.
Wesseloh: Zu Unrecht. Den Herzögen von Bayern war es 1516 herzlich egal, ob auch mal ein Fliegenpilz im Bier ihrer Untertanen war. Es ging ihnen nicht um Reinheit, sondern darum, Steuern zu sichern auf Rohstoffe wie die Gerste.
SPIEGEL: Hopfen, Malz, Hefe und Wasser – Traditionalisten sagen, dies sei die DNA der Deutschen.
Wesseloh: Das ist lange überholt. Schon in der bayerischen Landesverordnung von 1616 tauchen Zutaten wie Kümmel, Salz oder Wacholder auf. Und der Begriff "Reinheitsgebot" wurde überhaupt erst 1918 genannt, als Marketingsiegel, um sich gegen den Import englischer Biere zu wehren. Dem Verbraucher wird damit bis heute vorgegaukelt: Deutsche Biere sind rein, die anderen nicht.
SPIEGEL: Bringt nicht jedes Bier den gleichen Kater?
Wesseloh: Einen dickeren Schädel bekomme ich jedenfalls nicht, nur weil Himbeeren oder Koriander verbraut wurden.
SPIEGEL: Wie wird man Biersommelier?
Wesseloh: Das Thema Bier floss mir immer schon durchs Blut. Als Brauer war ich drei Jahre in den USA, um die Kreativbierszene in Amerika zu verkosten. Das war, als hätte ich das Licht gesehen. Seitdem nehme ich an Wettbewerben teil, um Biere nicht bloß zu schmecken, sondern liebevoll zu umschreiben.
SPIEGEL: Und welches Bier trinken Sie am liebsten?
Wesseloh: Ein kaltgehopftes Lager, untergärig, mit Böhmischem Tennenmalz, handgeschaufelt. Schmeckt moderat bitter, mit Maracujanote und Litschiaroma. Selbst gebraut.
Von Rel

DER SPIEGEL 1/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jubiläen:
Wovon brummt Ihnen der Kopf, Herr Wesseloh?

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz gegen Blockade bei Klimademo
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben