02.01.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteBong

In Linz streitet ein Mann mit der Kirche darüber, ob Tradition die Gesundheit gefährden darf.
Vielleicht versteht man Wolfgang Lassy am ehesten, wenn man ihm in sein Schlafzimmer folgt. Hinauf in den ersten Stock, der Raum liegt nach hinten raus, hier oben, sagt er, werde klar, was ihn krank mache. Der Dom ist auf der anderen Seite des Hauses, aber das spielt keine Rolle. Schall werde reflektiert, sagt Lassy.
Wolfgang Lassy, Jahrgang 1957, ist Architekt. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin bewohnt er eine großzügige Wohnung in Linz, direkt am Mariendom. Er stellt sich ans Fenster, die Uhr zeigt 6.57 Uhr. Draußen ist es noch dunkel.
Lassy hat das Haus 2004 gekauft, ein Stadtpalais, 1840 errichtet. Er mag das Viertel, den Schuhmacher um die Ecke, ihm gefiel die Vorstellung, vom Fenster aus auf den Dom zu blicken.
Um sieben Uhr donnern vom Dom vier Schläge herüber. Es folgen, in einer anderen Tonhöhe, sieben weitere Schläge und, leicht abgesetzt, noch einmal sieben Schläge, lauter, dröhnender als die vorangegangenen. Woran sich, nach einer Pause, das Angelusläuten anschließt, der Ruf zum Morgengebet.
Jeden Morgen wird Wolfgang Lassy von den Glocken geweckt, sofern er nicht ohnehin schon wach ist. Denn vom Dom schlägt es durchgehend herüber, alle 15 Minuten: um Viertel nach einmal, um halb zweimal, um Viertel vor dreimal, zur vollen Stunde viermal. Dazu kommt, zu jeder vollen Stunde, der Stundenschlag und schließlich der Stundennachschlag. Das heißt also: Um elf Uhr schlägt es zunächst viermal. Dann elfmal, das ist der Stundenschlag. Dann noch einmal elfmal, das ist der Stundennachschlag. Lassy lässt dieses Schlagen nicht schlafen, er verzweifelt daran und an der Kirche gleich mit, weil er nicht einsehen will, dass nächtliches Läuten wichtiger ist als Rücksichtnahme, als Nächstenliebe.
Am Anfang, sagt er, hätten ihn die Glocken nicht gestört. Ein Dom muss läuten, sonst ist er kein Dom. Irgendwann stellten sich allerdings Schlafstörungen ein, Lassy fühlte sich morgens "wie gerädert". 222 Schläge zählte er, zwischen neun Uhr abends und sieben Uhr morgens. Anfangs versuchte er, in der Viertelstunde nach Mitternacht einzuschlafen, "die Stille zu erwischen". 28-mal schlägt die Glocke um Mitternacht, um 0.15 Uhr schlägt sie nur einmal, diese Lücke, sagt er, sei seine Chance.
Eine Chance nutzen zu müssen verursacht Stress. Meist lag Lassy wach und ärgerte sich. Er wartete auf den nächsten Glockenschlag, was den Ärger vergrößerte und das Einschlafen erschwerte. Bald störte ihn das Läuten auch am Tage; das hatte noch zugenommen, seit Linz 2009 Kulturhauptstadt geworden war. Der Liturgieausschuss der Pfarrei habe damals zusammengesessen, so erinnert sich Pfarrer Maximilian Strasser, und auf einem Metallofon Harmonien ausprobiert – wenn man sieben großartige Glocken habe, wollte man sie auch zum Klingen bringen. Man fand, unter anderem, einen Moll-Dreiklang für die Fastenzeit und einen hellen Dur-Dreiklang für die Osterzeit.
Strasser, seit 18 Jahren Pfarrer am Dom, wirbt dafür, das Glockengeräusch differenziert zu betrachten. Einerseits gebe es das Läuten. Die Glocke wird bewegt, der Klöppel schlägt gegen die Bronze. Die Glocken läuten zum Frühgebet, zum Mittags- und zum Abendgebet, jeden Sonntag künden sie fünf Heilige Messen an. Geläutet wird am Freitag um 15 Uhr (Todesstunde Jesu) und täglich um 19 Uhr (Totengedenken), geläutet wird an Feiertagen oder wenn der Bischof kommt.
Vom Läuten zu unterscheiden, sagt Strasser, sei das Schlagen. Ein Hammer, motorgetrieben, schlägt dabei gegen die Glocke, die Schläge zeigen die Zeit an: zuerst der Stundenschlag, danach der Stundennachschlag. Der Stundennachschlag, sagt Strasser, strukturiere die Nacht für Leute, die nicht schlafen können.
Leider, sagt Wolfgang Lassy, strukturiere das Schlagen auch die Nacht für Menschen, die gut schlafen würden, wenn die Glocken nicht wären.
Pfarrer Strasser beruft sich auf die Religionsfreiheit. Der Stundenschlag, sagt er, gemahne an die Vergänglichkeit alles Irdischen.
Er müsse nachts schlafen, sagte Lassy, wie übrigens andere Menschen auch.
Kirchenglocken hätten schon geläutet, bevor Lassy das Haus gekauft habe, sagt Strasser.
Das Haus habe bereits gestanden, als es den Dom noch nicht gegeben habe, sagt Lassy. Was zuerst da gewesen sei: die Glocken – oder das Bedürfnis des Menschen auszuruhen?
Für Lassy sind die Glocken eine "Lärm-Maschine". Das Läuten, sagt Strasser, sei "ein gleichbleibendes Klanggeräusch, ähnlich einem vorbeifließenden Bach".
2012 stieß Lassy auf eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Glockenschlagen führe zu "Aufwachreaktionen", das Läuten könne einen Schläfer aus der Tiefschlaf- in die Leichtschlafphase holen, Lärm sei überdies gesundheitsgefährdend, es drohe Erschöpfung, Bluthochdruck, Herzinfarkt. Lassy ließ ein Gutachten fertigen. Er maß die Dauer des Geläuts, lernte manches über Schalldruckpegel, Ton- und Impulshaltigkeit, auch über Schallspitzen. Und er begriff, dass es auf Dezibelwerte allein nicht ankommt. Lärmempfinden ist subjektiv. Was für den einen Lärm ist, ist für den anderen göttlicher Klang.
2014 klagte Lassy. In Wien, argumentierte er, werde seit 1962 nachts nicht mehr geschlagen, aus Rücksicht auf die geänderten Lebensverhältnisse. Lassy sieht im Linzer Schlagen einen Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, er beruft sich auf sein Recht auf körperliche Unversehrtheit.
Zwei Gerichtsverfahren hat Lassy verloren, mittlerweile liegt der Fall beim Obersten Gerichtshof in Wien. Seit Februar 2015 verzichtet Pfarrer Strasser zwischen 22 und 6 Uhr auf den Stundennachschlag, ohne Rechtsanspruch, aber Lassy reicht das nicht. Er will nachts einfach nur Ruhe.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 1/2016
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