02.01.2016

LeitkulturWertekrieger

von Alexander Osang
Vor gut 15 Jahren habe ich einmal versucht herauszufinden, wie sich deutsche Medien auf einen Krieg einstimmen. Damals ging es in den Kosovo. Ich besuchte verschiedene Berliner Zeitungsredaktionen, traf eine ratlose "taz"-Chefredakteurin in einem gläsernen Büro und jede Menge entschlossene Krieger. Bei der "Welt" haben sie in der Redaktionskonferenz darüber beraten, die Erlebnisse des tapferen Wehrmachtsoldaten Steiner als Fortsetzungsroman abzudrucken, kein Quatsch, und der Chefredakteur der "B. Z." schloss sich mit seinem Stellvertreter im Chefzimmer ein und versuchte nachzuempfinden, wie sich Adolf Hitler Ende April 1945 gefühlt haben mochte, als der Feind vor der Tür stand. Die beiden wollten die angeschlagenen serbischen Kriegstreiber Milošević und Karadžić verstehen. Später war ich noch bei einem Tennisdoppel zugegen, bei dem sich zwei Kollegen in einer Spielpause darauf einigten, dass die russische Regierung für Milošević sicher schon eine Villa auf der Krim hergerichtet hatte.
Damals ist mein Vertrauen in die Leute, die mir Kriege erklären, erschüttert worden.
Ich war am 11. September 2001 in New York und hatte mir kaum den Staub aus den Kleidern gebürstet, als ich auf dem Titelbild des SPIEGEL las, dass ich mich ab sofort im Krieg des 21. Jahrhunderts befände. Der Krieg forderte in den letzten 15 Jahren mal mehr Einsatz vom deutschen Volk und mal weniger. Im Moment wieder mehr. Oft wird er damit begründet, dass unsere Werte in Gefahr seien. Gerade ist das in Syrien der Fall. Über Syrien kann ich nicht viel sagen, aber ich habe mir den Irak und Afghanistan angesehen, wo seit vielen Jahren meine Werte verteidigt werden. Es hat mich nicht überzeugt.
Über Weihnachten war ich für zehn Tage in New York, wo man schnell vergessen kann, wie stark unsere westlichen Werte eigentlich bedroht sind. Es war 20 Grad warm, und es nieselte, aber an jeder Ecke stand ein Weihnachtsmann, auf den Bürgersteigen New Yorker Geschäftsleute mit Weihnachtskrawatte, Pappbecher mit Starbucks-Weihnachtskaffee in der Hand, aus jeder offenen Tür wehte Mariah Carey oder Bing Crosby. Wer einen islamistischen Gotteskrieger in den Wahnsinn treiben will, sollte ihn zur Vorweihnachtszeit in ein amerikanisches Einrichtungshaus schicken. Alles ist grün, rot, gülden, überall Kugeln, Kränze, Sterne, und John und Yoko singen: Happy Xmas. War Is Over. Ein LSD-Weihnachtstrip.
Bei Crate & Barrel in SoHo stand in all dem Irrsinn unser Mann auf Wache. Ein Nussknacker. The German Soldier. Ein bisschen steif und nicht besonders gut gelaunt, aber zuverlässig, aus Holz und in kleiner Auflage. Eher Scharping als Steiner. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er beim Nüsseknacken "99 Luftballons" von Nena spielt. Ein deutsches Friedenslied. Der Nussknacker erinnerte mich seltsamerweise an den Auslandseinsatz der Bundeswehr in Syrien. Vielleicht, weil er so komplett in der Fremde herumstand, ein Holzmann aus dem Erzgebirge, mitten in New York. Auch der anständigste Nussknacker kann in unüberschaubare Zusammenhänge geraten.
Ein paar Stunden später besuchte ich einen Freund im World Trade Center Nummer eins. Er arbeitet beim "New Yorker", der wie andere Zeitschriften aus dem Verlag Condé Nast ins höchste Haus der westlichen Welt gezogen ist. Der "New Yorker" ist eine wunderbare Zeitschrift, weswegen deutsche Zeitschriftenneugründungen oft so etwas werden wollten wie der "New Yorker" beziehungsweise eine Mischung aus "New Yorker" und "Vanity Fair". Ich lief ehrfürchtig durch die Redaktion wie durch ein Gotteshaus, las die Namen der großen Kollegen, der lebenden und der toten, und bewunderte die Cartoons von James Thurber, die er in dem alten "New Yorker"-Gebäude an die Wand gemalt hatte, wie Höhlenzeichnungen. Die Journalisten sind fast die einzigen Mieter im Gebäude. "Anchor tenants" nennt man das in der Sprache der Immobilienwelt. Ankermieter. Die Verlagsleute selbst sehen sich vermutlich eher als Pioniere.
Das Haus, in dem sie jetzt arbeiten, ist 1776 Fuß hoch, weil die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 geschrieben wurde. Das hat sich Daniel Libeskind ausgedacht, der so was ist wie der Leitartikler unter den Weltarchitekten. Das Haus sollte den Terroristen antworten: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Es sollte aus der Asche des alten World Trade Center auferstehen. Höher und stärker als je zuvor. Die Büros des "New Yorker" allerdings sind sehr schmal geworden, sie schlängeln sich um einen dicken Betonkern. Der doppelt ummantelte Kern ist für den Fall wichtig, dass noch mal ein großes Passagierflugzeug in den Turm fliegt. Allerdings wirkte der dicke Kern, verglichen mit den schmalen Büros, nun wie der eigentliche Zweck des Gebäudes. Ein Monument eher als ein Haus. Es erinnerte mich an die immer imposanter aussehenden Sicherheitsschleusen, in denen ich viel Zeit verbringe.
Vor ein paar Monaten, noch vor den Pariser Anschlägen, musste ich an einer dieser Schleusen auf dem Flughafen Charles de Gaulle ein Fläschchen mit ziemlich teurer Creme wegwerfen, weil es 20 Milliliter zu groß war. In jenem ganz konkreten Moment hatte ich das Gefühl, dass mich der Kampf für die Werte der westlichen Welt mehr Werte kostet, als er einbringt. Das Gebäude, das unsere Werte am besten verteidigt, dachte ich, während ich wie ein weiterer, deutscher, journalistischer Kriegsbeobachter aus dem 34. Stock auf die wimmelnde amerikanische Weihnachtswelt sah, wäre komplett aus Stein. Ein einziger Betonkern.
Ein Bunker.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 1/2016
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