02.01.2016

Mindestlohn II„Schreckensszenarien im Vorfeld“

Joachim Möller, 62, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, über falsche Prognosen und Sonderregelungen für Flüchtlinge
SPIEGEL: Herr Möller, noch vor einem Jahr prophezeiten viele Ökonomen, der Mindestlohn werde Hunderttausende Jobs vernichten. Nun zeigen auch Auswertungen des IAB, dass das nicht stimmt. Warum lagen so viele Wissenschaftler daneben?
Möller: Auch in anderen Ländern wie Großbritannien, in denen der Mindestlohn eingeführt wurde, gab es im Vorfeld Schreckensszenarien, die sich nicht bewahrheitet haben. In Deutschland zeigt sich: Unter dem Strich hat der Mindestlohn der weiterhin guten Arbeitsmarktentwicklung offenbar nicht entgegengestanden.
SPIEGEL: Experten wie etwa die des Ifo-Instituts hatten befürchtet, es könnten bis zu einer Million Jobs verloren gehen. Waren solche Prognosen ideologisch geprägt?
Möller: Manche meiner Kollegen haben ein einseitig negatives Bild von Lohnuntergrenzen, weil sie einige Besonderheiten des Arbeitsmarkts außer Acht lassen. Sie gehen davon aus, dass zwangsläufig Beschäftigung verloren geht, wenn ein Preis gesetzt wird, der über dem Gleichgewichtsniveau des Markts liegt.
SPIEGEL: Warum ist das falsch?
Möller: So funktioniert der Arbeitsmarkt nicht. Es gibt viele Effekte, die der Mindestlohn auslöst, die aber von der klassischen Theorie nicht abgebildet werden: Personen, die besser bezahlt werden, sind motivierter und wechseln nicht so oft den Job. Auch Unternehmen können daher profitieren, wenn sie ihre Leute besser bezahlen. Deswegen sind die Mindestlohneffekte andere, als man es erwartet, wenn man ein schlichtes Preismodell im Kopf hat.
SPIEGEL: Die Wirtschaftsweisen und andere Experten fordern, den Mindestlohn für Flüchtlinge zeitweise auszusetzen. Wäre das klug?
Möller: Ich halte solche Sonderregelungen für Flüchtlinge nicht für sinnvoll. Wer in Deutschland zunehmend fehlt, sind qualifizierte Fachkräfte – und nicht etwa billige Hilfskräfte. Es gibt schon heute viele arbeitsmarktpolitische Instrumente, die gut für Flüchtlinge passen. Man muss sie nur nutzen. Bei einer Einstiegsqualifizierung etwa kann der Mindestlohn für ein Jahr ausgesetzt werden. Das ist ein guter Weg, um junge Flüchtlinge auf eine duale Ausbildung vorzubereiten. Mit generellen Ausnahmen vom Mindestlohn würde man nur gefährliche Vorbehalte schüren.
Von Cos

DER SPIEGEL 1/2016
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