02.01.2016

SPIEGEL-Gespräch„Nie vergessen, nie vergeben“

Die Geigerin Vanessa-Mae wehrt sich gegen den Verdacht, sie habe sich den Start bei den Olympischen Spielen 2014 erkauft. Sie erklärt, warum sie die Berge liebt, und wirft dem Internationalen Skiverband Rufschädigung vor.
Vanessa-Mae hat Ermittlungsakten mitgebracht, Protokolle, Ergebnislisten, E-Mails. Sie sitzt in einem Hotel in London und redet zum ersten Mal über einen der seltsamsten Skandale, die es im alpinen Skisport je gegeben hat: Sie spricht über ihren Start bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi.
Vanessa-Mae wurde 1978 in Singapur als Vanessa-Mae Vanakorn geboren, die Mutter stammt aus China, der Vater aus Thailand. Sie ist keine professionelle Athletin, Skifahren ist ihr Hobby. Weltberühmt wurde Vanessa-Mae mit ihrer Musik. Sie war fünf Jahre alt, als sie begann, Geige zu spielen. Mit neun trat sie mit dem Londoner Philharmonia Orchestra auf, nach drei klassischen Platten veröffentlichte sie 1995 "The Violin Player", ihr erstes Crossover-Album. Sie spielte Bachs "Toccata und Fuge in d-Moll" in Hotpants. Bis heute hat sie mehr als zehn Millionen Tonträger verkauft, ihr Vermögen wird auf 40 Millionen Euro geschätzt.
In Sotschi nahm Vanessa-Mae als erste Thailänderin an Olympischen Winterspielen teil und fuhr im Riesenslalom auf Platz 67. Im November 2014 sperrte der Internationale Skiverband (Fis) sie für vier Jahre, weil er überzeugt war, dass Vanessa-Mae vier Rennen in Slowenien manipuliert hatte, mit denen sie sich für Sotschi qualifizierte. Die ganze Welt berichtete darüber: ein Showstar, der sich zu Olympia gemogelt hatte.
Im Juni hob der Cas, der Internationale Sportgerichtshof, das Urteil überraschend auf. Vanessa-Mae darf wieder an Skirennen teilnehmen und will nun juristisch gegen die Fis vorgehen. Trotzdem bleiben Zweifel. Drei Stunden dauert das Gespräch, in dem Vanessa-Mae schwere Anschuldigungen gegen den Weltverband erhebt. Sie unterbricht es einmal, um sich zu schminken.
SPIEGEL: Vanessa-Mae, wie kommt eine Thailänderin zum Skifahren?
Vanessa-Mae: Ich war drei, als ich mit meiner Mutter nach London zu meinem Adoptivvater gezogen bin. In Suffolk, an der englischen Ostküste, habe ich zum ersten Mal Schnee gesehen – ein faszinierender Moment. Ein Jahr später sind wir zum Skiurlaub in die Schweiz gefahren, in die Nähe von Arosa. Ich habe es geliebt.
SPIEGEL: Warum?
Vanessa-Mae: Ich habe früh mit dem Geigen angefangen, und es wurde ziemlich schnell ernst. Beim Skifahren konnte ich loslassen. Einmal musste ich aber auch da heulen.
SPIEGEL: Wieso das?
Vanessa-Mae: Weil ein Skilehrer ganz schön streng war. Nichts im Vergleich zu dem, wie ich an der Geige gedrillt wurde, aber trotzdem. Ich habe das nicht erwartet, weil ich im Urlaub war. Ich habe darum auch Langlauf ausprobiert. Einmal musste ich unterwegs in der Loipe dringend Pipi, aber weit und breit gab es keine Toilette. Ich habe mir in die Hose gemacht. Da stand für mich fest: Du bleibst bei Alpin, da kannst du schneller zum Klo fahren. Mit 14 habe ich davon geträumt, für immer in den Bergen zu leben. Später hat mir meine Mutter das Skifahren verboten.
SPIEGEL: Was hatte Ihre Mutter dagegen?
Vanessa-Mae: Sie hat mich wie eine Porzellanfigur behandelt, ich war ein Einzelkind, dann die Musik, ich durfte kein Brot schneiden, weil ich meine Finger mit dem Messer hätte verletzen können. Ich durfte mit 20 noch nicht allein über die Straße gehen. Sinngemäß hat meine Mutter gesagt: Wenn du auf dem Weg zu einem Konzert mit dem Flugzeug abstürzt, könnte ich das akzeptieren, aber ich könnte es nicht tolerieren, wenn du nicht mehr geigen kannst, weil du dir beim Skifahren das Handgelenk gebrochen hast. Zu der Zeit habe ich nachts meine Ski mit ins Bett genommen. Sie haben mich näher zu den Bergen gebracht – dort wollte ich sein, nicht in London.
SPIEGEL: Haben Geigen und Skifahren etwas gemein?
Vanessa-Mae: Ich habe lange gedacht, fürs Skifahren brauchst du einfach Eier. Stimmt nicht. Auch Koordination und Gleichgewicht, Kraft und Ausdauer sind nicht genug. Du brauchst vor allem Gefühl. Es ist wie beim Geigen: Nicht die Geige bringt jemanden zum Weinen, die Geige ist nur ein Instrument, jeder kann lernen, es zu spielen. Ein guter Musiker braucht Kreativität, Talent, Charisma, dieses gewisse Etwas, das dir kein Lehrer beibringen kann. Mein Skiheld war immer Bode Miller, eine große Persönlichkeit, unkonventionell, er hat den Lehrbüchern getrotzt.
SPIEGEL: Wann hatten Sie die Idee, an den Olympischen Spielen teilzunehmen?
Vanessa-Mae: Das war 2010. Im Jahr davor war ich als Zuschauerin bei der Ski-WM in Val d'Isère, im Riesenslalom fuhren drei Frauen aus Iran mit. Und bei den Olympischen Spielen in Vancouver habe ich dann den Slalomläufer aus Ghana gesehen. Wow, dachte ich, wenn die zu solchen Events dürfen – dann könnte ich doch für Thailand an den Start gehen! Mein Büro hat dann Kontakt zur Fis aufgenommen.
SPIEGEL: Was hat man dort gesagt?
Vanessa-Mae: Oh, da waren sie noch freundlich. Sie haben uns erklärt, dass ich einen Fis-Code brauche. Was in aller Welt ist das? Wir hatten keine Ahnung von irgendwas. Ich hätte auch nie gedacht, dass es so kompliziert ist, einen Trainer zu finden.
SPIEGEL: Was war das Problem?
Vanessa-Mae: Viele wollten, dass ich sie schwarz bezahle.
SPIEGEL: Und?
Vanessa-Mae: Ich habe geantwortet: Es ist illegal, ich zahle Steuern, und wenn du Probleme kriegst, hänge ich mit drin. Am Ende bin ich sogar ohne Trainer nach Sotschi geflogen.
SPIEGEL: Sie haben sich allein auf die Olympischen Spiele vorbereitet?
Vanessa-Mae: Über tausend Ecken hat sich der Manager eines finnischen Skiresorts bei mir gemeldet, und ich habe entschieden, dort zu trainieren. Die haben mir vorab einen Stundenplan geschickt, da stand dann drauf: Hundeschlittenfahrt, Helikopterflug, Massage – die dachten, ich will bei denen ausspannen. Niemand hat mich ernst genommen, niemand hat geglaubt, dass ich ein anderes Leben ausprobieren möchte, um mich auf Sotschi vorzubereiten. Mir hat schließlich ein Trainer aus Slowenien geholfen. Wirklich ernsthaft angefangen, mit ihm zu trainieren, habe ich aber erst im Frühjahr 2013. Unter seiner Leitung bin ich mein erstes Rennen gefahren, aber danach war er zu beschäftigt, um sich weiter um mich zu kümmern.
SPIEGEL: War es bei den Rennen für Sie von Vorteil, dass Sie als Musikerin die große Bühne kennen?
Vanessa-Mae: Nein. Vor einem Konzert entspanne ich mich, ich versuche, meinen Puls zu senken. Die Sportler sind ganz anders. Die brüllen, die rennen rum, die versuchen, ihren Puls nach oben zu jagen. Ich habe ein paar Mädchen gefragt: Warum verschwendet ihr eure Energie? Sie sagten: Mit Aggression im Bauch fahren wir besser. So war ich auch mal, als Kind. Ich mochte die "Rambo"-Filme, und in einem Teil gibt es dieses Zitat, es lautet ungefähr: "Let's go and f(**)k them!" So habe ich gedacht, als ich zwölf war und Tschaikowski vor einem Klassikpublikum spielen sollte.
SPIEGEL: Sie haben mit dem Skizirkus erst mal gefremdelt.
Vanessa-Mae: Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass es nicht darum geht, den Moment zu genießen. Bei den ersten Rennen haben mir Zuschauer zugerufen: "Viel Glück, Vanessa!" Ich habe geantwortet: "Danke sehr!" Während der Fahrt! Ich war das von meinen Shows so gewohnt.
SPIEGEL: Maria Höfl-Riesch, die deutsche Olympiasiegerin, meinte, Sie seien so zerbrechlich, man müsse sich Sorgen machen, wenn Sie gegen eine Torstange fahren.
Vanessa-Mae: Das hat sie doch nicht böse gemeint. Ich habe Tina Maze getroffen, Anna Fenninger, Marcel Hirscher und Felix Neureuther – niemand hat etwas Gemeines zu mir gesagt. Mit den Athleten hatte ich nie ein Problem.
SPIEGEL: Aber?
Vanessa-Mae: Bei einem Rennen in Italien stand ein Rennorganisator am ersten Tor, er hatte eine Schaufel in der Hand, führte sie zum Hals und tat so, als würde er damit Geige spielen. Der hielt sich wohl für lustig.
SPIEGEL: Wie hat man Sie in Sotschi behandelt?
Vanessa-Mae: Alle waren reizend. Thomas Bach hat mich zum Dinner des IOC-Präsidenten eingeladen. Wladimir Putin war da, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, der chinesische Staatspräsident Xi Jinping. Und ich.
SPIEGEL: Nicht schlecht. Bei Ihrem Rennen sind Sie aber Letzte geworden, Sie waren fast eine Minute langsamer als die Siegerin. War Ihnen das nicht peinlich?
Vanessa-Mae: Klar, aber es war auch das erste Rennen mit zwei Stangenpaaren pro Tor, das ich gefahren bin.
SPIEGEL: Im Ernst?
Vanessa-Mae: Sonst gab es bei meinen Rennen immer nur ein Paar Stangen, um das ich herumfahren musste. Jetzt standen da zwei Paare, und ich wusste nicht, welches ich nehmen muss. Am Vorabend saß ich mit meinem Manager zusammen, ein Blatt Papier auf dem Schoß, und wir haben einen Kurs aufgezeichnet. Ich sollte ihn mit dem Stift abfahren und bin ständig um die falschen Stangen herum. Wie gesagt, ich hatte keinen Trainer.
SPIEGEL: Waren Sie nervös?
Vanessa-Mae: Direkt vor meinem Start kam eine IOC-Funktionärin zu mir ins Starthäuschen und hat ein Selfie mit mir gemacht. Das fördert nicht unbedingt die Konzentration.
SPIEGEL: Nehmen wir mal an, die Londoner Symphoniker geben das wichtigste Konzert des Jahres, und plötzlich kommt ein Straßenmusiker und sagt: Ich kann auch geigen, ich spiele bei euch mit. Gute Idee?
Vanessa-Mae: Wenn sie ihn einladen, warum nicht?
SPIEGEL: Es würde nicht funktionieren.
Vanessa-Mae: Wäre aber unterhaltsam. Und die Olympischen Spiele sind die größte Sportshow der Welt.
SPIEGEL: Ihre Show war gut?
Vanessa-Mae: Ich denke, sie hat dem IOC gut gepasst. Es sieht ja demokratisch aus, wenn man Sportler aus exotischen Ländern mitmachen lässt. Das IOC wollte von mir anschließend ein Souvenir für sein Museum in Lausanne haben, einen Handschuh oder einen Ski.
SPIEGEL: Ach ja?
Vanessa-Mae: Sie nannten meine Teilnahme einen der größten Momente in der olympischen Geschichte. Ich würde sagen, es war einer der langsamsten. Aber, hey: 22 Fahrerinnen sind ausgeschieden. Ich nicht.
SPIEGEL: Neun Monate nach Sotschi hat der Internationale Skiverband Sie für vier Jahre gesperrt. Die Fis hielt Sie für schuldig, bei der Qualifikation zu den Olympischen Spielen betrogen zu haben. Wie haben Sie davon erfahren?
Vanessa-Mae: Ich war für ein Konzert in Prag. Zwei Stunden bevor ich auf die Bühne musste, hat mir eine Bekannte eine SMS geschickt, sie schrieb: Es tut mir so leid. Ich wusste gar nicht, was sie meint. Ich habe meinen Namen gegoogelt und dachte: Was in aller Welt soll das? Ich war natürlich geschockt. Wegen der Sperre und der Dreistigkeit, die Medien vor mir zu informieren.
SPIEGEL: Wann haben Sie sich entschlossen, gegen die Sperre juristisch vorzugehen?
Vanessa-Mae: Sofort. Die Fis hat mich als Betrügerin gebrandmarkt. Sie hat mich verspottet. Selbst wenn ich dabei draufgegangen wäre: Ich wollte meine Unschuld beweisen.
SPIEGEL: Let's go and fuck them?
Vanessa-Mae: Yeah! Ich hätte auch einfach umkippen und sterben können. Aber damit hätte ich der Fis einen Gefallen getan. Ich wollte ihr zeigen, dass sie mich nicht einschüchtern kann. Ihr Anwalt hat das, was ich getan haben soll, bei der Verhandlung vor dem Cas als Krebsgeschwür bezeichnet. Ich werde das nie vergessen, und ich werde das nie vergeben.
SPIEGEL: Reden wir über die Anschuldigungen. Weil Ihnen die nötigen Punkte fehlten, um sich für Sotschi zu qualifizieren, organisierten Ihr Manager und das Nationale Olympische Komitee von Thailand zusammen mit der Fis noch schnell vier Rennen in Slowenien. Richtig?
Vanessa-Mae: Richtig. Ich habe übrigens 6055 Euro für die Durchführung der Rennen bezahlt, für die Zeitmaschine, die Fangnetze, die Liftpässe; das Olympische Komitee Thailand hat die Kosten dafür übernommen, dass die Rennen in den Rennkalender aufgenommen werden. Ich habe nichts zu verbergen. Nur nebenbei: Der Deutsche Skiverband hat einmal in Chile zwei Qualifikationsrennen extra für Maria Höfl-Riesch auf die Beine gestellt.
SPIEGEL: Ein Rennen in Krvavec war die thailändische Meisterschaft im Riesenslalom, ein anderes die thailändische Juniorenmeisterschaft. Sie waren die einzige Thailänderin am Start und damals 35 Jahre alt. Im Ernst?
Vanessa-Mae: Das ist wirklich schräg, ich weiß, und ich konnte selbst nicht glauben, dass so etwas geht. Aber die Regeln der Fis lassen es zu. Wir haben später herausgefunden, dass Hubertus von Hohenlohe, ein Liechtensteiner, der auch die mexikanische Staatsbürgerschaft besitzt, im April bei den mexikanischen Juniorenmeisterschaften im Slalom gestartet ist. Das Rennen war in Bulgarien. Hohenlohe ist 56. Er war der einzige Mexikaner im Feld. Fragen Sie mich nicht, warum die Fis das gestattet. Sie tut aber so, als wäre es nur in meinem Fall verdächtig.
SPIEGEL: Die Fis sagte, Sie hätten beim Start geschummelt.
Vanessa-Mae: Falsch! Die Fis hat versucht, mir die Worte im Mund zu verdrehen, es sollte klingen, als hätte ich den Betrug zugegeben.
SPIEGEL: Die Fis berief sich auf Fahrerinnen, die in Slowenien dabei waren. Eine sagte, Sie hätten ein Rennen neben dem Starthäuschen begonnen, auch eine andere meinte, Sie seien außerhalb des Häuschens losgefahren.
Vanessa-Mae: Wie ich auch der Fis und dem Cas gesagt habe: Ich bin genau dort losgefahren, wo alle losgefahren sind.
SPIEGEL: Im Starthäuschen?
Vanessa-Mae: Klar. Wenn ich beim Start geschummelt hätte – warum hat dann niemand protestiert? Die Richter hatten am Ende auch keinen Zweifel an meiner Unschuld.
SPIEGEL: Die Fis warf Ihnen auch vor, Sie hätten andere Fahrerinnen aufgefordert, langsamer zu fahren, damit Sie besser abschneiden.
Vanessa-Mae: Noch ein Märchen. Ich habe das nicht getan. Und niemand aus meinem Team.
SPIEGEL: Wie gelangen dann die ganzen Vorwürfe in die Welt?
Vanessa-Mae: Was weiß ich? Spekulation. Aber du kannst nicht jemanden sperren, weil du denkst: Mensch, das ist aber alles komisch, was man sich da angeblich so erzählt.
SPIEGEL: Warum sollte die Fis etwas gegen Sie haben?
Vanessa-Mae: Im Juli 2013 traten die neuen Antikorruptionsregeln der Fis in Kraft, und im November 2014 hat man mich gesperrt. Ich denke, die Fis hat nach einem Fall gesucht, um ihre neuen Regeln zu feiern. Sie wollte ein Exempel statuieren. Die Fis dachte wohl, da nehmen wir mal die Vanessa-Mae, die ist prominent, die ist kein Profi, ihre Karriere hängt nicht davon ab.
SPIEGEL: Das klingt nach einer Verschwörungstheorie.
Vanessa-Mae: Die Vorwürfe der Fis sind an den Haaren herbeigezogen. Sie hat nicht vernünftig ermittelt, bevor sie mich sperrte. Sie hat vor Gericht nicht mal die Aufnahme der elektrischen Zeitmessung als Beweis angefordert. Die Fis hat auch erst angefangen, Zeugen zu befragen, nachdem klar war, dass ich in Berufung gehe. Und dabei hat sie wohl nur das gehört, was sie hören wollte.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Vanessa-Mae: Die Fis hat sich die Zeugenaussagen zurechtgebogen. Die meisten waren sogar ohne Unterschrift. Vor dem Cas haben die Fahrerinnen erzählt, ja, uns wurde gesagt, wir sollen langsamer fahren. Aber nicht von Vanessa, sondern von unseren Trainern. Und nicht wegen Vanessa, sondern wegen des schlechten Wetters. Ein großer Unterschied, wie ich finde.
SPIEGEL: Die Fis kritisiert, die Bedingungen seien so schlecht gewesen, dass die Rennen überhaupt nicht hätten stattfinden dürfen.
Vanessa-Mae: Bin ich Gott? Bin ich für das Wetter verantwortlich? Treffe ich die Entscheidung, ob ein Rennen durchgeführt wird? Nein. Nein. Nein. Wie bei jedem Rennen war auch in Krvavec ein technischer Delegierter der Fis vor Ort. Er hätte alles abblasen können. Hat er aber nicht.
SPIEGEL: Über allem schwebt doch der Verdacht, dass Sie die Rennen in Slowenien komplett gekauft haben.
Vanessa-Mae: Dass das alle denken, liegt an der Fis. Vielen Dank dafür! Wie ich anfangs schon erwähnt habe: Schwarzgeld gibt es von mir nicht.
SPIEGEL: Und von Ihrem Management?
Vanessa-Mae: Auch nicht. Sehen Sie, vielleicht haben mir ein paar Fahrerinnen aus eigenem Antrieb einen Gefallen getan, weil es meine letzte Chance war, mich für Sotschi zu qualifizieren. Wenn es so war, ist das nicht meine Schuld. Ich habe nichts und niemanden manipuliert, und ich habe niemanden bestochen. In Krvavec hat sich auch eine Skifahrerin aus San Marino für Sotschi qualifiziert. Und eine aus Litauen. Aber für die zwei hat sich die Fis nicht interessiert. Keine andere Fahrerin wurde bestraft. Der Fis ging es nur um mich. Der Prozess hat mich viel Geld gekostet.
SPIEGEL: Wie teuer war er?
Vanessa-Mae: Etwa 200 000 Schweizer Franken. Dazu kommen noch die Zeit und die Nerven, die ich investiert habe. Die Fis hat nicht erwartet, dass ich mich wehre. Und als klar war, dass ich vor den Cas ziehe, wurde es richtig hässlich. Wie meine Anwälte den Richtern sagten: Die Macht der Fis hat Zeugen eingeschüchtert, die für mich aussagen wollten.
SPIEGEL: Wie bitte?
Vanessa-Mae: Es gibt einen bekannten Trainer aus Österreich, der vorhatte, für mich auszusagen. Er wollte bestätigen, dass ich das fahrerische Können hätte, um mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Wir haben ihn auf unsere Zeugenliste gesetzt. Ein paar Wochen später telefonierten wir, er sagte: Die Fis hat sich bei mir gemeldet; wenn ich euch helfe, wird sie meinen Namen zerstören. Er ist abgesprungen.
SPIEGEL: Haben Sie dafür Beweise?
Vanessa-Mae: Ich habe es selbst gehört. Es war eine Konferenzschaltung: dieser Trainer, mein Manager und ich. Es gibt erschreckende Beweise in einem anderen Fall: Ein Coach aus San Marino, der auch in Krvavec war, wollte uns helfen. Er hatte eine Zeugenaussage unterschrieben, in der stand, er habe gesehen, dass ich nicht außerhalb des Starthäuschens losgefahren bin. Später schrieb er uns eine E-Mail: Ihr dürft meine Aussage auf keinen Fall verwenden, zum Schutz meiner Familie. Ich kann Ihnen die E-Mail gern geben.
SPIEGEL: Was für einen Eindruck macht die Fis auf Sie?
Vanessa-Mae: Die Fis übt eine Diktatur aus. Damit wiederhole ich, was Ted Ligety gesagt hat, der zweifache Olympiasieger aus den USA. Die Fis hat Angst, die Kontrolle zu verlieren. Sie wollte einmal eine Regel formulieren, wie sie Athleten bestrafen kann, die sie auf Facebook oder in Blogs kritisieren. Die Fis sprach von "Blasphemie in den sozialen Netzwerken". Was ist das für eine Organisation, die Kritik als Blasphemie bezeichnet? Ich wünsche niemandem, dass ihm das Gleiche widerfährt wie mir, aber ich befürchte, es könnte passieren. Zwei Wörter habe ich für die Fis übrig, sie klingen so ähnlich wie "Thank you".
SPIEGEL: Wir verstehen.
Vanessa-Mae: Kann ich Sie etwas fragen?
SPIEGEL: Natürlich.
Vanessa-Mae: Habe ich gegen die Fis gewonnen?
SPIEGEL: Der Cas ist zu dem Urteil gekommen, dass Ihnen nichts vorzuwerfen oder nachzuweisen ist. Ihre Sperre ist aufgehoben. Also: ja.
Vanessa-Mae: Ich werde aber den Gedanken nicht los, dass der Sieg sinnlos war. Mein Ruf ist demoliert. Wenn die Leute einmal im Kopf haben, dass ich eine Betrügerin sein soll, dann kriegt man das nicht wieder heraus.
SPIEGEL: Die Cas-Richter waren der Meinung, die Umstände in Krvavec seien so seltsam gewesen, dass die Entscheidung der Fis richtig war, die Ergebnisse zu annullieren. Demzufolge hätten Sie nicht bei den Olympischen Spielen starten dürfen, und Ihr Ergebnis aus Sotschi müsste gestrichen werden.
Vanessa-Mae: Die Richter haben aber auch klargemacht, dass niemandem Manipulation oder Korruption nachzuweisen ist. Was Sotschi betrifft, habe ich gute Nachrichten: Der Chefjurist des IOC hat meinem Manager per E-Mail mitgeteilt, dass ich nicht rückwirkend disqualifiziert werde. Ich bleibe also olympische Athletin, was mir sehr viel bedeutet. Mein Manager hat den Anwalt gefragt, ob er mir eine Bestätigung auf einem offiziellen IOC-Briefbogen schicken könne, aber er meinte, aus Respekt vor der Fis wolle er das nicht an die große Glocke hängen. So tickt die Sportwelt.
SPIEGEL: Jetzt, wo Sie es dürfen: Werden Sie wieder bei Skirennen starten?
Vanessa-Mae: Ich habe es vor, noch diesen Winter. Die Fis hat immer behauptet, ich hätte meine Karriere nach Sotschi beendet. Das habe ich aber nie gesagt. Was soll das überhaupt heißen? Ich bin kein Profi, welche Karriere soll ich beenden? Ich fahre aus Spaß, und den lasse ich mir von der Fis nicht nehmen.
SPIEGEL: Heißt das etwa, Sie werden versuchen, bei den Olympischen Spielen 2018 zu starten?
Vanessa-Mae: Vielleicht. Warum nicht? Ich könnte versuchen, Vorletzte zu werden. Das wäre cool.
SPIEGEL: Vanessa-Mae, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Die Fis äußert sich nicht zu den Anschuldigungen. Der Verband teilt mit: "Wegen der rechtlichen Ansprüche, die Frau Vanakorn nach der Entscheidung des Cas vor Kurzem geltend gemacht hat, wurde die Fis von ihren Anwälten angewiesen, Fragen zu diesem Thema nicht zu beantworten."
Das Gespräch führten die Redakteure Lukas Eberle und Maik Großekathöfer.
Von Maik Großekathöfer und Lukas Eberle

DER SPIEGEL 1/2016
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