02.01.2016

AbenteuerGeisterschiff in der Eishölle

Eine Londoner Ausstellung zeigt erstmals hochaufgelöste Antarktis-Bilder des Fotografen Frank Hurley, der eine zentrale Rolle bei der legendären Shackleton-Expedition 1914 bis 1916 spielte.
Was für ein Drama: 28 Mann gehen auf Entdeckungsfahrt in die Antarktis. Ihr extrem stabiles Segelschiff wird eingeschlossen im Packeis. Über Monate hoffen die Männer, dass der Sommer sie befreien werde – doch was passiert? Das Eis zermalmt das Holz, das Schiff versinkt, und die Männer retten sich auf eine Eisscholle mit einem entscheidenden Nachteil: Sie schmilzt.
Düsterer konnten die Aussichten dieser Seefahrer am Ende der Welt kaum sein. Doch sie alle überlebten – weil ihr Kommandant Mut hatte und natürlich auch Glück und er die Kunst der Menschenführung meisterhaft beherrschte.
Das Antarktis-Abenteuer des Briten Ernest Shackleton vor 100 Jahren ist längst Legende. Großen Anteil daran haben die brillanten Aufnahmen, die der Expeditionsfotograf Frank Hurley in schweren Kisten hat retten können. Eine Londoner Ausstellung zeigt jetzt über 90 seiner Eisbilder in bisher unbekannter Qualität.
Die meisten von Hurleys Negativen lagern heute in den klimatisierten Kellern der Royal Geographical Society, die damals Shackletons Expedition mitfinanzierte. Weil die Negative so fragil sind – fünf Millimeter dicke Fotoplatten aus Glas und Zelluloid –, hat die Gesellschaft beschlossen, sie von einer niederländischen Spezialfirma aufwendig digitalisieren zu lassen.
Das hat sich gelohnt: Die bisher in Bildbänden erschienenen Fotos hatten eine Größe von zumeist rund vier Megabyte. Die neuen Bilddateien bestehen hingegen aus bis zu 1,5 Gigabyte, sie speichern also das 375-Fache an Information.
So frisch, so lebendig wie jetzt haben Hurleys Bilder noch nie ausgesehen. Sie zeigen das Shackleton-Epos teilweise großformatig mit mehr Kontrast, mehr Tiefe, mehr Details denn je. Viele der Bilder wirken, als wären sie mit modernen Kameras aufgenommen – dabei hantierte Hurley mit kruder, schwerer Apparatur unter widrigsten Bedingungen, zum Teil entwickelte er seine Bilder bei minus 20 Grad Celsius.
Für Alasdair Macleod, Hüter der Sammlungen bei der Royal Geographical Society, ist Hurley ein unterschätztes Ausnahmetalent. "Er reicht fast an den großen US-Landschaftsfotografen Ansel Adams heran", urteilt Macleod. Die Ausstellung, die bis zum 28. Februar in London, danach in Kanada und den USA zu sehen sein soll, werde helfen, Hurleys Reputation zu heben.
Damalige Expeditionsfotografen verstanden sich häufig als nüchterne Dokumentare – sie wollten für die Nachwelt festhalten, was wann geschehen war. Der Australier Hurley ging anders zu Werke und wurde deshalb auch von Shackleton ausgewählt. Er inszenierte seine Bilder, um ihren dramatischen Gehalt im Auge des Betrachters zu maximieren. "Er war bereits ein sehr moderner Fotograf", sagt Macleod.
Einige der eindrucksvollsten Aufnahmen zeigen das Expeditionsschiff "Endurance" so, als hätte Hurley sich vom deutschen Romantiker Caspar David Friedrich inspirieren lassen: die Natur übergroß, das Schiff der Menschen klein und zerbrechlich. In der langen Polarnacht baute Hurley komplexe Ketten von bis zu 20 elektrisch auszulösenden Blitzen auf, die das in Finsternis und Eis gefangene Schiff gespenstisch aufhellten. So gelangen ihm Fotos, die auch heute noch das Gefühl von dauerndem Überlebenskampf, totaler Isolation und Verlorenheit auf beklemmende Weise vermitteln.
Eigentlich wollte Shackleton als erster Mensch den antarktischen Kontinent durchqueren und so als Entdecker Weltruhm erlangen. Doch seine Expedition scheiterte früh – heute ist Shackleton vor allem als Krisenmanager berühmt. Psychologen, Historiker, Managementtrainer und Unternehmensberater preisen seinen Führungsstil in einer kaum versiegenden Flut von Büchern.
Wie mies die Lage der Männer auch war, Kämpfer Shackleton hatte geschworen, sie heil nach Hause zu bringen. Es gelang ihm, selbst im schlimmsten Moment Kraft und unbedingte Zuversicht auszustrahlen. Er hatte ein feines Gespür für die Stimmung der Gruppe und wusste, dass Zweifel, Pessimismus, Lethargie oder auch Widerstand riskanter sein könnten als Eis und Kälte.
Wie also hielt er seine Mannschaft bei Laune? Hurleys Bilder geben Aufschluss über manche seiner Tricks. Shackleton ordnete an, dass jeder stets der Routine wegen Arbeit verrichte, selbst dann, wenn es nicht viel Sinnvolles zu tun gab. Hurley fotografierte, wie die Männer ihre mehr als 60 Schlittenhunde geflissentlich jede Woche wogen und wie auch die Wissenschaftler im Team die Böden schrubbten.
Der Expeditionschef verwendete viel Mühe darauf, auch unter Extrembedingungen den ordnungsgemäßen Ablauf der Dinge zu wahren. Als die Männer ohne Schiff, aber mit drei Rettungsbooten und umfangreicher Ausrüstung auf dem Eis kampierten, machte Hurley ein scheinbar spontanes Gruppenbild der Gestrandeten.
Wer genau hinsieht, erkennt: Hier ist nichts spontan. Die Aufnahme ist inszeniert, und sie spiegelt Shackletons Führungswillen. Er, "der Boss", wie er genannt wurde, steht zusammen mit seinem Vize links im Vordergrund. Weiter hinten die Offiziere und Wissenschaftler, ganz hinten die Handwerker und Matrosen. Fast alle blicken direkt in die Kamera.
Dem Betrachter heute und den Beteiligten damals vermittelt das Bild die Botschaft: Hier nimmt jeder seinen Platz ein, auch und gerade jetzt; hier herrscht Disziplin, nicht Chaos. "Shackleton", so sieht es Macleod, "nutzt Hurley, um das soziale Gefüge der Gruppe aufrechtzuerhalten."
Als die tauende, driftende Eisscholle zu brüchig wird, befiehlt Shackleton, 42, seine Männer in die Boote. Die Hunde werden getötet, manche gegessen. Fünf Tage lang fahren die Abenteurer rudernd und segelnd durch ein stürmisches Eismeer. Dann landen sie auf der von Eishagel gepeinigten Elephant Island, die kaum mehr ist als ein nackter Fels. Erstmals seit fast anderthalb Jahren betritt die Gruppe festen Boden.
Shackleton wies den Schiffszimmerer an, eines der Boote zu verstärken. Dann wählte er vier weitere Mann aus, und gemeinsam segelten die sechs Ende April 1916 los, ohne den Fotografen. Über zwei Wochen lang kämpften sich die Männer durch die tosende See. Auf wundersame Weise erreichten sie nach 1300 Kilometern die Insel Südgeorgien, die Shackleton bereits ganz zu Beginn seiner Unternehmung angesteuert hatte.
Zu Ende war seine Odyssee aber noch immer nicht. Ehe er eine rettende Walfangstation erreichte, musste Shackleton noch anderthalb Tage lang mit zwei Begleitern über Berge und Gletscher klettern.
Hier endlich konnte er Hilfe holen – und wenig später von den Falklandinseln aus ein Hurley-Foto per Post nach England schicken. Nun passierte etwas Eigentümliches. Die Rettung der Männer auf Elephant Island verzögerte sich, weil die Schiffe der Helfer immer wieder kehrtmachen mussten. Hurleys Foto aber kam in London an. Und am 10. Juli 1916, als der 30-jährige Fotograf mitsamt seinen Negativen noch frierend auf seinem Polarfels saß und nicht wusste, ob er jemals lebendig gefunden werden würde, da druckte der "Daily Mirror" bereits das erste spektakuläre Bild seiner Shackleton-Saga: die "Endurance" im Eis in furchterregender Schieflage.
Wochen später wurden auch die Männer von Elephant Island von ihrem Martyrium befreit, alle körperlich unversehrt außer einem, dem fünf abgestorbene Fußzehen amputiert werden mussten. "Ich habe es geschafft", schrieb Shackleton sogleich an seine Frau. "Kein Menschenleben verloren, und wir sind durch die Hölle gegangen."
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 1/2016
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