02.01.2016

VinylEndlosrille

Eine tot geglaubte Industrie lebt auf: Schallplatten werden gekauft wie lange nicht mehr. Doch es gibt zu wenige Pressmaschinen.
Sie läuft 24 Stunden am Tag. Ein Geruch wie von verbrannten Reifen hängt in der Luft, Geräusche wie bei einem Zahnarzt. Toolex Alpha saugt schwarze Kügelchen aus PVC-Granulat auf, spuckt einen Puck aus, presst ihn unter dem Druck von hundert Tonnen zu einer Scheibe. Sie wiederholt den Vorgang mehr als 2800-mal täglich. Toolex Alpha presst Schallplatten aus Vinyl. Eine der letzten Maschinen ihrer Art.
30 Pressmaschinen stehen in den Hallen von Optimal Media, dem größten Arbeitgeber in der Kleinstadt Röbel an der Mecklenburger Seenplatte, einer der fünf verbliebenen Vinylfabriken in Europa. Hier lebt eine Industrie weiter, die man vor knapp drei Jahrzehnten fast begraben hat.
Neben den Maschinen stehen Eimer mit dem Öl, das aus den Schläuchen tropft. Die letzte Toolex Alpha lief 1984 im schwedischen Sundbyberg vom Band, ein Relikt aus einer Zeit, als "digital" noch ein rein technischer Begriff war. Lange war es egal, ob neue Maschinen produziert wurden. Heute ist es ein Problem – weil die Schallplatte zurück ist.
Platten werden so oft gekauft wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. 2014 waren es in Deutschland 1,8 Millionen Stück, rund 30 Prozent mehr als im Vorjahr. In den Neunzigern und frühen Nullerjahren waren es wenige Hunderttausend. Aber auch heute noch bestimmen CD-Verkäufe zwei Drittel des Musikmarkts, fast 90 Millionen Stück, die Vinylplatte liegt bei knapp drei Prozent. CDs aber werden immer weniger gekauft, Schallplatten immer mehr.
Weltweit stieg 2014 der Vinylabsatz sogar um über 50 Prozent. Das "Wall Street Journal" sprach vom "Musik-Comeback des Jahres". In einer Zeit, in der Rapper wie Jay-Z und Konzerne wie Apple Streaming-Dienste gründen, setzen Kollegen wie der Rockstar Jack White lieber auf alte Pressmaschinen: Er und sein Label Third Man Records arbeiten eng mit dem Presswerk United Pressing zusammen.
Neben Klassikern wie der Anthologie "The Beatles in Mono", von der in Röbel 700 000 opulent verpackte LPs produziert wurden, erscheinen Neuveröffentlichungen gern auch auf 180-Gramm-Vinyl, das klanglich nicht nachweislich besser ist, aber hochwertiger wirkt, oder als farbige Pressungen in kleinen Auflagen, als limitierte Sammlereditionen, versehen mit einem Download-Code, damit der Käufer die Musik nicht nur auf dem Plattenspieler, sondern auch über den Laptop oder das Smartphone hören kann.
Die Vinylplatte hat ein Update hinter sich, obwohl sie unpraktischer ist als eine CD. Ihre Fertigung ist komplizierter, teurer und anfälliger für Fehler. Die vielen Arbeitsschritte erfordern Apparate und Fachleute, die es kaum noch gibt: von der Galvanik, einem elektrochemischen Verfahren, bei dem ein wenige Millimeter dünnes Negativ für die Pressungen erstellt wird, über eine Qualitätskontrolle erster Abzüge, die von einem sogenannten Mutterstecher unter dem Mikroskop durchgeführt wird, hin zum Prüfen der gepressten Platten. Das Pressen einer Vinylplatte dauert 30 Sekunden, bei einer CD sind es 3. Kostet eine Vinyl in der Herstellung einen Euro, sind es bei einer CD 20 Cent.
"Viele haben nicht geglaubt, dass sie je wiederkommt", sagt Peter Runge, Produktionsleiter bei Optimal Media, in deren Hallen mehr als 650 Mitarbeiter neben Schallplatten auch Cover, Bücher und digitale Datenträger herstellen.
Als die Schallplatte abgeschrieben wurde, wandte sich die Firma gegen den Trend und baute in den Neunzigern ihr Presswerk. Hier pressen Indie-Labels ihre kleinen Auflagen, hier werden die Kataloge von Größen wie Kraftwerk, David Bowie oder Led Zeppelin ausgewertet. Allein in diesem Jahr sollen es 18 Millionen Schallplatten werden. Plattenfirmen müssen sich längst schon auf lange Presszeiten einstellen, weil die Kapazitäten der Maschinen dem Bedarf nicht nachkommen können.
"Die Pläne für neue Maschinen haben wir in der Schublade", sagt Runge, "aber keiner nimmt einen sechs- bis siebenstelligen Betrag in die Hand, wenn er nicht weiß, ob sich das je wieder einspielt." Niemand kann einschätzen, wie lange das Comeback anhält. Und jeder spekuliert, warum es gerade jetzt kommt.
Dominik Bartmanski, Kultursoziologe mit Yale-Abschluss und Koautor des Buchs "Vinyl. The Analogue Record in the Digital Age", sagt: Wenn der digitale Musikkonsum zum Alltag geworden sei, werde das Kaufen und Auflegen von Schallplatten zu einem Ritual, das Kultur schafft. Ein Ritual, für das man sich Zeit nehmen muss und Expertise braucht. "Du kannst heute niemanden damit beeindrucken, dass du 100 000 Songs auf deinem Computer hast", so Bartmanski. "Mit 1000 Platten geht das schon." Das Konkrete an der Vinylplatte – in ihrer Klobigkeit, mit ihren Knacksern – übt einen Reiz auf eine Generation aus, die es gewohnt ist, perfekte Produkte im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit vorzufinden.
Von Jurek Skrobala

DER SPIEGEL 1/2016
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