02.01.2016

KinoSchlachthaus Amerika

Der Regisseur Alejandro González Iñárritu ist einer der großen Wahnsinnigen Hollywoods. Er erzählt, wie er Leonardo DiCaprio für den grandiosen Western „The Revenant“ gequält hat.
War das nun eine Premierenfeier oder ein Veteranentreffen? Als der Regisseur Alejandro González Iñárritu Mitte Dezember in Los Angeles seinen Film "The Revenant" vorstellte, redeten die Schauspieler über die Dreharbeiten wie über eine Schlacht, die sie unter schweren Verlusten gewonnen hatten.
Leonardo DiCaprio erzählte Journalisten, er sei mitten im kanadischen Winter bei minus 20 Grad in einen Fluss gesprungen, immer und immer wieder. Für eine andere Szene habe er in einen Tierkadaver kriechen müssen. "The Revenant" sei der härteste Film seiner Karriere gewesen.
Als "Hölle auf Erden" beschrieben Mitglieder des Teams die Dreharbeiten. Er habe monatelang trainiert wie ein Boxer, um sie durchstehen zu können, sagt der 52-jährige Regisseur.
Niemand, der an diesem Film beteiligt war, will offenbar auch nur den geringsten Zweifel daran lassen, dass er aus Blut, Schweiß und Tränen gemacht ist. Das mag Teil der Wahrheit sein, ebenso sicher aber ist es auch Teil der Werbung.
"The Revenant – Der Rückkehrer" ist ein grandioses Epos des Leidens über einen Trapper, gespielt von DiCaprio, der Anfang des 19. Jahrhunderts in den Rocky Mountains bei einem Bärenangriff schwer verletzt und von seinen Weggefährten halb tot zurückgelassen wird.
Über ein halbes Jahr lang zogen sich die Dreharbeiten hin, fernab der Zivilisation, erst in Kanada, dann in Argentinien. Einige Mitglieder des Teams gaben entnervt auf. Das Budget stieg auf 135 Millionen Dollar, "The Revenant" ist einer der teuersten Western der Kinogeschichte.
Iñárritu ist stolz wie ein Entdecker, der eine neue Welt erobert und von dort niemals zuvor gesehene Bilder mitgebracht hat, als er seinen Film auf dem Gelände der Universal Studios vorführt. Ihm sind Totalen von erhabener Schönheit gelungen.
"So einen Film kannst du nicht im gut geheizten Studio mit einer Tasse Kaffee in der Hand drehen", sagt er. "Du musst raus in die Wildnis." Iñárritu zieht an seiner E-Zigarette und grinst. "Du solltest dir vorher allerdings gut überlegen, ob du wirklich mit einem irren Mexikaner in die Eiswüste ziehen willst."
Iñárritu ist einer der großen Wahnsinnigen des Gegenwartskinos. Immer müssen es für ihn die ganz besonders schwierigen Herausforderungen sein. In seinem Film "Babel" verknüpfte der in Mexico City geborene Regisseur 2006 die Schicksale von Menschen in Japan, den USA, Mexiko und Marokko miteinander. Die ganze Welt in einem Film, das war sein Ziel.
Der ganze Film in einem Stück, das war 2014 die Idee bei "Birdman", einer schwarzen Komödie über einen alternden Hollywoodstar, der sein Glück am Broadway versucht. Iñárritu drehte die Geschichte so geschickt, dass der Zuschauer den Eindruck gewann, der Film sei fast komplett in einer einzigen Einstellung entstanden.
Iñárritus Kino hat immer etwas von Kraftmeierei. Es ist vom lateinamerikanischen Machismo durchdrungen. Iñárritu will Filme mit "cojones" machen, Filme, die sich sonst niemand zu machen traut. Wenn er ins Schwadronieren kommt, wenn er aufspringt und wild mit den Armen fuchtelt, vermittelt er den Eindruck, er wäre in Hollywood allein unter Weicheiern.
2015 war sein Jahr. Im Februar gewann er mit "Birdman" insgesamt vier Oscars. Als er die Trophäe für die beste Regie in Empfang nahm, steckte er schon mitten in der Arbeit an "The Revenant", einem Projekt, das er nach fünf Jahren Vorbereitung endlich realisieren konnte.
Der Film geht auf den 2002 erschienenen Roman "Der Totgeglaubte" von Michael Punke zurück, dem US-Botschafter bei der Welthandelsorganisation. Das Buch rekonstruiert den Weg des Trappers Hugh Glass, der sich 1823 durch die nordamerikanische Wildnis kämpft. Wer dieses Buch liest, denkt: Hiob war ein Glückspilz.
Mit etwas streberhafter Pedanterie trägt Punke die Ergebnisse seiner Recherchen vor, einen Schlangenbiss beschreibt er auf fünf Seiten in allen Details. "Das meiste von dem Buch haben wir weggeschmissen", sagt Iñárritu und schüttelt seine Lockenmähne. "Wenn du einer Vorlage treu bleibst, machst du einen miesen Film."
Die Legende von Hugh Glass sei von einer Generation an die nächste weitererzählt worden, sagt er. "Das Einzige, was von ihm geblieben ist, ist ein Brief, den er mal verschickt hat." Punke erzählt vom Durchhaltewillen eines weißen Pioniers. Iñárritu hat anderes im Sinn.
"Das ist offenes Land", sagt er. "Jeder darf es betreten." Er meint damit das Nordamerika des frühen 19. Jahrhunderts, über das es so wenig gesicherte Kenntnisse gibt, dass immer wieder neue Interpretationen möglich sind. Iñárritu will so weit wie möglich in dieses Land vordringen, es mit den Augen eines Mexikaners erkunden und auf seine eigene Art deuten.
Punkes Roman beschreibt die Indianer, denen der Held auf seiner Odyssee begegnet, überwiegend als blutrünstige Krieger. Iñárritu sagt, wer aus einem Land wie Mexiko komme, in dem die Mehrheit der Bevölkerung indianische Wurzeln habe, könne diese Sicht nicht teilen.
Im Film gibt er seinem Helden eine indianische Frau und einen Sohn. Er macht Hugh Glass zu einem Grenzgänger zwischen den Ureinwohnern und den Einwanderern. Irgendwann wird Glass' Sohn von Weißen erschossen. Nur weil er ihn rächen will, hat er die Kraft, in der Wildnis zu überleben, behauptet der Film.
"Die Einwanderer haben alles niedergemetzelt", sagt Iñárritu. "Ob Büffel oder Ureinwohner." Im Film findet er ein starkes Bild für diesen Raubzug: Tierschädel, die zu einer meterhohen Pyramide aufgetürmt sind und wie ein Mahnmal wirken.
"Das waren die Anfänge des amerikanischen Kapitalismus", so Iñárritu. "Es gab Sklaverei und Leibeigenschaft, das menschliche Leben zählte weniger als der Profit." Der Trapper, von klassischen amerikanischen Autoren wie James Fenimore Cooper zum edlen Pionier verklärt, ist in "The Revenant" von Gier zerfressen.
Glass ist der Scout einer Expedition, die von einer gerade gegründeten Pelzhandelsgesellschaft finanziert wird und am Missouri River entlangzieht, um neue Jagdgründe zu erschließen. Nachdem Glass verwundet worden ist, kommen die Männer kaum noch voran. Der Captain der Expedition lobt eine Prämie aus für jeden, der zurückbleibt, um den vermeintlich sterbenden Glass zu bewachen. Zwei Männer erklären sich bereit. Doch sie töten den Sohn von Glass, nehmen dem Verletzten Messer und Flinte ab und lassen ihn in einem schon ausgehobenen Grab liegen.
Es gehört zu den identitätsstiftenden Mythen der USA, dass die Eroberung des Westens nur durch großen Opfermut möglich war, durch die Bereitschaft des Einzelnen, sein Leben für die Gemeinschaft hinzugeben. "The Revenant" zeigt eine Gesellschaft, die sich schon im Gründungsstadium zerfleischt: Kugeln und Pfeile sirren durchs Bild, rechts und links gehen Männer zu Boden, Hälse werden durchgeschnitten, Blut spritzt in die Kamera.
"Dieser Film verschafft dem Publikum eine einzigartige Erfahrung", glaubt Iñárritu. "Er ist eine Reise in den Wahnsinn, in die Finsterns, ein gewaltiger Survival Trip." Die Augen sollen dem Zuschauer übergehen, vielleicht sogar der Magen.
"The Revenant" ist von einer Schönheit, die zu Tränen rühren, und einer Drastik, die Übelkeit erregen kann. Genau darum geht es Iñárritu: Er will physische Reaktionen auslösen. Wer diesen Film sieht, soll ihn in jeder Faser seines Körpers spüren.
"Was bleibt von dir übrig, wenn du nackt bis auf die Knochen bist? Das wollten wir wissen", erzählt Iñárritu. "Und dafür mussten wir uns ähnlichen Herausforderungen stellen wie unser Held im Film."
Oft wartete Iñárritu mit seinem Kameramann Emmanuel Lubezki stundenlang, bis alles stimmte, die Formation der Wolken, die Richtung des Windes, der Einfall des Lichts. Das Team, 200 Leute vor und 200 hinter der Kamera, musste in der Kälte ausharren. Viele Szenen hätten ihn an die Grenze seiner Belastbarkeit getrieben, erzählte DiCaprio einem Interviewer. Wie sein Regisseur betont er etwas zu deutlich, wie unglaublich hart und männlich das ganze Unternehmen war.
Im Film kriecht er durch Matsch und Schnee und saust über Stromschnellen. Sein Gesicht ist von einem struppigen Bart zugewuchert, sein Körper ist mit künstlichen Narben verunziert. Noch nie sah der schöne Leo so hässlich aus.
Schon fünfmal war DiCaprio im Laufe seiner Karriere für den Oscar nominiert, immer ging er leer aus. Sollte er die Trophäe im kommenden Februar endlich erhalten, hätte er sie wohl nicht nur verdient, sondern redlich erlitten.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 1/2016
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