02.01.2016

KunstmarktDolce Vito

Er ist der Sohn des großen Malers Julian Schnabel, vielleicht auch der Freund von Heidi Klum. Jetzt hat Vito Schnabel in St. Moritz eine Galerie eröffnet.
Ein Abend in St. Moritz, wenige Tage vor Silvester. Bruno Bischofberger, ein legendärer Kunstverkäufer, ohne den Warhol nicht zu Warhol geworden wäre und der in einem Film vom Künstler Dennis Hopper dargestellt wurde, sitzt auf einem Stuhl in seiner ehemaligen Galerie. Er sieht dabei zu, wie sein maßstabgetreues Ebenbild aus Wachs angezündet wird und wie die kleine Flamme eine erste Delle auf der Kopfdecke erzeugt. Auch eine Paraffinfigur, die seine Frau darstellt, brennt vor sich hin. Das Publikum ist begeistert, es zückt die Smartphones und knipst los.
Ansonsten schielen die Gäste lieber zu Heidi Klum. Die steht da drüben – und zwar in echt, wenn auch in sehr dünn – an dem verspiegelten Pfeiler, neben ihr ihre Eltern Erna und Günther. Selbst durch die Fenster der Galerie wird sie fotografiert, ein ganzes Kamerateam wartet draußen.
Bischofberger sagt derweil, er hege keine nostalgischen Gefühle, weil er die Galerie nun einem anderen überlasse, auch das mit dem lodernden Ebenbild mache ihm nichts aus, letztlich gehe es da nicht wirklich um ihn.
Um was aber geht es an diesem Abend? In erster Linie um einen eher unscheinbaren, aber ambitionierten Amerikaner namens Vito Schnabel, 29 Jahre alt. Die Galerie gehört jetzt ihm. Sein Name ist draußen zu lesen, die Lettern sind weithin sichtbar, und allein das empfinden viele in St. Moritz als Bereicherung, als Werbung fürs ganze Engadin. Schnabel, obwohl noch jung, handelt schon länger mit Kunst, in New York hat er bereits eine kleine Galerie, aber nun will er beweisen, dass ihm die ganze Kunstwelt offensteht.
Wem, wenn nicht ihm. Er ist der Sohn des bekannten Künstlers Julian Schnabel, der wie kaum ein anderer den großen Auftritt mag, der sonst in der Öffentlichkeit gern im Pyjama herumläuft, heute aber knittrige Hose, knittriges Hemd und Hut gewählt hat. Vito Schnabel ist außerdem Bischofbergers Patenkind, er hat noch andere einflussreiche Mentoren.
In erster Linie ist Schnabel junior aber der Vielleicht-noch-Freund von Heidi Klum. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, eigentlich. Doch beschleicht einen bald das Gefühl, dass diese Vernissage auf dem wackligen Beziehungsstatus der beiden aufgebaut ist.
Man lernt in gut drei Stunden viel darüber, wie der Kunstmarkt von heute funktioniert, wo er sich hinbewegt, wie er entgleitet, weil da so viel Soap ist. Klum ist sozusagen der Cliffhanger in Schnabels Karriere. Seit es sie in seinem Leben gibt, ist er selbst zu einer Berühmtheit geworden. Früher blieben Galeristen einigermaßen im Hintergrund, sie wollten ihre Künstler bekannt machen, und im besten Falle wollten sie das, weil sie von der Kraft der Werke überzeugt waren.
Heute ist das so: Wenn Heidi Klum vormittags ein Foto ins Netz stellt, auf dem ihr Hotelzimmer in St. Moritz und ein Strauß roter Rosen abgebildet sind, und sie "Good morning" dazu schreibt – dann interessiert sich, wie man den Kommentaren auf ihrer Instagram-Seite entnehmen kann, die halbe Welt dafür, ob das was zu bedeuten hat. Und das ist immer auch Werbung für ihn, den Galeristen. So funktioniert es tagsüber, so läuft es auch sonst. Wen kümmert es da am Abend, wen soll es überhaupt kümmern, was an den Galeriewänden hängt? Viele Werke sind es ohnehin nicht, was auch ein Hinweis darauf sein könnte, dass dieser Abend vielem gewidmet ist, aber am wenigsten der Kunst.
Außer der flackernden Skulptur sind noch drei Bilder zu sehen: Drucke auf Aluminium, die übermalte Augen zeigen. Die Augen scheinen in den Raum zu blicken, keiner guckt zurück. Und es ist auch zu voll, um die Werke zu betrachten. Unglaublich viele Menschen, junge und ein paar nicht mehr ganz so junge, sind zugegen, Milliardäre befinden sich darunter. Viel Pelz wird getragen, trotz des warmen Winters.
Vorhin mussten alle vor der Tür Schlange stehen, zumindest ein paar Minuten lang. Man hat es den geladenen Gästen nicht einfach gemacht, hier hereinzukommen, was für die meisten eine neue Erfahrung sein dürfte. Doch dafür ist Vito Schnabel eben da, das ist seine Aufgabe: Er soll das Gefühl vermitteln, dass in St. Moritz noch etwas Besonderes passieren kann und es nicht zu Ende ist mit der glamourösen Aura dieses Winterurlaubsorts. Hier feiern die Menschen ja noch immer im Dracula Club, der in den Siebzigerjahren von dem Lebemann und Kunstliebhaber Gunter Sachs eingerichtet worden war. Dessen Sohn Rolf Sachs betritt an diesem Abend übrigens auch die Galerie.
Vorbeigekommen ist außerdem Marc Spiegler, der Chef der weltweit wichtigsten Kunstmesse, der Art Basel, denn auch die Protagonisten des Markts setzen ihre Hoffnungen in Vito Schnabel. Dass jemand wie Brad Pitt ab und an eine Kunstmesse besucht, haut keinen mehr um. Der Branche droht allmählich Überalterung, Ermattung, Langeweile – also der Untergang. Schnabel dagegen ist die Zukunft. Seine Jugend, seine Kontakte, der Reichtum und die Unternehmungslust seiner Jetset-Freunde wirken vielversprechend. Er könnte es sein, der eine neue, globale Generation zum Sammeln bringt.
Gegenüber der Galerie breitet sich das prachtvolle Kulm Hotel aus, ein Fünfsternehaus, das mehrheitlich der griechischen Reederfamilie Niarchos gehört. Sie nennt man die Könige von St. Moritz, und das Hotel und ihre eigenen Bergbahnen sind das Hobby dieser Könige. Die jungen Familienmitglieder zählen zu Schnabels Kumpels, deshalb darf einer seiner Künstler im Garten des Hotels zwei Skulpturen aufstellen – das sind überdimensionierte schwarze Öfen. Die Clique der Niarchos ist groß, von ihnen ist es nicht mehr weit zum monegassischen Fürstenhaus oder zu Paris Hilton.
Schnabel hat eigens eine Agentur in New York beauftragt, die dafür sorgen soll, dass er heute als ernsthafter Galerist wahrgenommen wird. Diese Agentur bat eindringlich darum, sich in der Berichterstattung auf das Thema Kunst zu konzentrieren. Das würde man auch gern machen. Doch Schnabel selbst ist wortkarg, er freue sich über dieses Fest, wie er sagt, und wünsche einem alles Gute.
Bruno Bischofberger sagt, er habe Vito Schnabel einmal den Rat gegeben, ein Galerist müsse zu jedem Menschen freundlich sein. Am Tag nach der Galerieeröffnung beantwortet Schnabel dann in zuvorkommendem Ton doch noch schriftlich Fragen. Neben seiner Galerie wolle er sich um Projekte weltweit kümmern. In St. Moritz werde er im Februar eine Ausstellung mit Arbeiten seines Vaters eröffnen. Und Heidi Klum? "Eine unglaubliche Frau." Er sei stolz auf sie.
Ein Gast meinte am Abend der Eröffnung, die beiden Künstler, Sterling Ruby und Urs Fischer, hätten so etwas Ähnliches doch schon bei Larry gezeigt. Gemeint war Larry Gagosian, einer der mächtigsten Galeristen der USA. Es stimmt. Vito Schnabel zeigte keine Neuentdeckungen, keine Leute seines Alters, die er groß gemacht hat oder noch herausbringen könnte. Von seinen zwei Künstlern war dann zuerst nur einer zu sprechen. Der andere war schwer aufzutreiben, er hatte sich in einen Seitenraum verzogen, vor dem wiederum ein Aufpasser stand, und erstaunlich früh die Galerie verlassen – wie übrigens auch Schnabel und Klum.
Lange bevor die Vernissage zu Ende war, zogen sie zu Fuß los, verfolgt von einem Kameramann und rennenden Reportern, die nach Heidi Klum riefen. Irgendwo warteten Autos, die ausgewählte Gäste zu einer Skihütte bringen sollten. Und Schnabels Vater Julian, der sich bis vor Kurzem als der Berühmteste und Coolste seines Clans fühlen durfte, tapste mit einer Art Strandtasche an der Hand in der Dunkelheit hinterher. Hinter seinem Sohn, hinter Heidi Klum. Sie hängten ihn aber ab. Keine Kamera für ihn. Keine Fragen. Eine nicht mehr ganz junge Dame sprach ihn an, sie wolle ein Selfie mit ihm machen, und er sagte netterweise nicht Nein.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 1/2016
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