02.01.2016

LiteraturkritikVom Blitz besoffen

Wenn sich die Menschen doch auszögen, statt Bücher zu lesen: Martin Walsers „Ein sterbender Mann“
Ein Mann gerät in eine Lichtexplosion und verlässt sein Leben. Seine Frau, die ihn so verzaubert davoneilen sieht, denkt noch, es handle sich um einen Schlaganfall, und will ihm helfen. Aber der Mann will keine Hilfe, schon gar nicht von seiner Frau. Er will dem Licht folgen, das er gesehen hat. Dem Licht? Was kann das sein? Wir sind in einem Walser-Roman. Dieses Licht ist das Leuchten einer Erscheinung. Dieses Licht ist – das Leuchten einer Frau.
Viele, viele Helden in Walsers Romanen werden von plötzlicher Liebe erleuchtet. Je später das Werk, desto erleuchteter. Der neue Held heißt Theo Schadt, 72, Firmenchef, Gebrauchsschriftsteller, Ehemann einer Iris, seit vielen, vielen Jahren. Zunächst geschieht ihm ein Verrat. Sein bester Freund, der Dichter der Unverständlichkeit, Carlos Kroll, hat ihn verraten. Dieser Verrat kostet Schadt seine Firma und soll ihn, nach seinem eigenen Willen, auch das Leben kosten. Er ist ein Drama-King, er ist so tief enttäuscht vom Freund, ja von den Menschen überhaupt, dass ihm kein Grund zu leben mehr ausreichend erscheint: "Wenn das menschenmöglich ist, dann will ich, kann ich kein Mensch mehr sein."
Er meldet sich bei einem Suizidforum im Internet an, sucht nach Leidensgenossen, nach sicheren Methoden, das Leben zu beenden. Und begegnet aber hier einer lebensmüden Briefpartnerin, die sich Aster nennt und die ihn durch ihre Wortwahl bezaubert. Zum Beispiel das von ihr gewählte Wort "irreversibel" hat es ihm sehr angetan. Es braucht nicht viel, um diesen Theo in einen Anziehungstaumel zu versetzen. Aster also, mit den schönen Wörtern.
Doch noch bleibt er dabei. Er will Schluss machen mit allem. Unter diesen Menschen, die den schlimmsten Verrat begehen können, will er nicht leben. Er schreibt an die Todesblume aus dem Forum: "Ich habe nichts als meinen Fall, und das Problem: Wie kriege ich die Kurve. Die letzte."
Solange er diese letzte Kurve aber noch nicht kriegt, hilft er bei seiner Frau Iris in ihrem Tango-Laden aus. Er sitzt an der Kasse, lauscht den Tango-Fachgesprächen, die Iris mit den kauffreudigen Tänzerinnen führt, er schaut nicht hin, er hört nur zu, dieser Theo an der Kasse. Bis Sina, das Licht, erscheint: "Als sie bezahlte, wurde ihm schwindlig. Das durfte er nicht merken lassen. Iris hatte schon eine neue Kundin. Was war passiert? Eine Explosion. Nur noch Licht. Grellste Helle. Nichts mehr erkennbar, der ganze Laden ein Chaos."
Es ist, auch wenn man schon viele, viele Walser-Liebesszenen gelesen hat, eine der lustigsten, tragischsten, sonderbarsten seines Werkes. Wie dieser Theo, vom Liebesblitz getroffen, hinausstürmt zu seinem Stammlokal, dem Atzinger, Weißbier sofort auf seinem Tisch, wie seine Iris ihn endlich findet, das Schlimmste befürchtend: "Sie nahm ihn an der Hand wie einen Behinderten. Das ließ er sich nicht gefallen. Seiner Bedienung winkte er noch zu, dass sie verstand: Er werde entführt!"
Doch Theo bleibt im Licht. Er muss nur die Augen schließen, schon ist er wieder erfüllt vom Leuchten dieser Sina. Und der alternde Held entdeckt nun, wie fast alle späten Walser-Helden, als letztes Glück, das das Alter schenkt: die absolute Rücksichtslosigkeit. Das Leben endet ohnehin bald, also gilt es, wie ein kleines Kind, alle Rücksichten fahren zu lassen, keine Angst zu haben vor der Lächerlichkeit, vor dem Sturz, vor dem Gerede der Leute: "Von allen üblichen Gefühlen sei doch das Verantwortungsgefühl das unangenehmste, lästigste, lächerlichste", schreibt Theo Schadt. "Ob sie es auch spüre, dass sie mit der Schwere den ganzen damit verbundenen Quatsch los seien." Ja, spürt sie auch, aber kein Zweiter spürt es so sehr wie dieser Theo. Er ist frei. Er verlässt seine Iris, nach tausend Jahren Ehe, nicht ohne ihr zu versichern, dass er, sobald er unter der Erde liege, wieder ganz zu ihr gehöre.
Es ist eine lächerliche Figur, tragisch und radikal, von deren Leben Walser, 88, hier schreibt. Wie Schadt sich die Welt unterwirft, mit Worten. Wie er ständig selbstmitleidig von Verrat faselt und dabei selbst all die Menschen verrät, die ein Leben lang zu ihm hielten, seine Frau, seine Tochter, wie er die ganze Zeit seinen Selbstmord ankündigt, während um ihn herum ein geliebter Mensch nach dem anderen aus dem Leben scheidet. Theo bleibt allein zurück, in seinem Illusionstheater der Worte. Er träumt von U-Bahn-Fahrten, bei denen sich die Menschen aller ihrer Kleider entledigen, "die U-Bahn blüht", dichtet er. Er träumt davon, den Menschen in der U-Bahn das Lesen zu verbieten. Jeder solle jeden studieren. Jeder Mensch ein Abenteuer, jeder Mensch eine große Geschichte. Seht! Euch! An!
Bloß Theo sieht nur sich selbst. Wahre Tragik kennt nur er. Er kann gar nicht verstehen, warum seine Tochter, nach dem Selbstmord ihrer übertreuen, unendlich duldsamen, betrogenen Mutter Iris, nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Er wollte doch ein wenig dem Ehediktat entkommen. Einem Blitz folgen. Doch seine Tochter überzeugt er nicht. Seinen letzten Brief an sie schließt er beleidigt: "Den Wörtern kündige ich. Sie haben nicht geholfen. Dein früherer Vater."
Was all die Wörter, denen da gekündigt wurde, nun wohl tun? Wer schreibt sie jetzt auf, wenn Theo Schadt beleidigt ist? Die Wörter sind nun frei für neue Geschichten, neue Romane. Zum Beispiel für Romane wie diesen herrlich leichten, selbstironischen, tragisch-schönen Roman des Theo-Erfinders Martin Walser.

Martin Walser
Ein sterbender Mann
Rowohlt Verlag, Reinbek; 288 Seiten; 19,95 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 1/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Literaturkritik:
Vom Blitz besoffen

  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp
  • Historische Bestmarke: Marathon in unter zwei Stunden