02.08.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsExotik des Verfalls

Das Moskauer Modell auf Kuba / Von Carlos Widmann
Bongotrommeln dröhnten seit dem Morgengrauen, Lastwagen voller Zuckerrohrschneider strömten in die Hauptstadt: 16 Monate nach seinem triumphalen Einmarsch in Havanna ließ der Comandante Fidel Castro die Kubaner den 1. Mai im neuen Geist feiern. Eine trotzig klingende, bedeutungsschwere Parole wurde bei dieser Massenkundgebung 1960 unter die Leute gebracht. "Elecciones para qué?", skandierten die Stimmungsmacher des Regimes: "Wahlen - wozu?"
Noch mochte Castro, wie ihm bis heute zugute gehalten wird, nicht gewusst haben, welche Richtung er der kubanischen Revolution geben wollte. Erst die frontale Gegnerschaft des übermächtigen Nachbarn USA, so ist plausibel argumentiert worden, habe ihn in die Arme der Sowjetunion getrieben.
Offenkundig wusste der gelernte Rechtsanwalt Dr. Fidel Castro Ruz aber von Anfang an genau, was er nicht wollte: Er zeigte eine tiefe Abneigung gegen demokratische Spielregeln und die Abhaltung von Wahlen. Seine "direkte Demokratie", schwärmte Castro in jener Mai-Rede, sei tausendmal sauberer als die des Westens.
Damit erntete er viel Zustimmung zumindest auf der Ehrentribüne: Dort saßen zum ersten Mal Delegationen aus der Sowjetunion, der Volksrepublik China und einigen Ostblockstaaten. Den Anfang hatte wenige Wochen vorher eine historische Figur gemacht: Anastas Mikojan, ein Kampfgefährte Lenins und Stalins, Vizepremier der Sowjetunion.
Diese Besucher wirkten als Sensation, da Kuba zum Ostblock nicht einmal diplomatische Beziehungen unterhielt. Doch nach Moskau hatte Castro einen guten Draht - über Kubas kleine kommunistische Partei. Von ihrer Hilfe hatte Fidel schon als 20-Jähriger profitiert, 1947, als er zum Vizepräsidenten der Jurastudenten avancierte.
Graue Eminenz der Partei war der in Polen geborene Komintern-Agent Yunger Semiovich, der in Kuba Fabio Grobart hieß und für strenge Linientreue sorgte. Als Castro und seine Freunde 1953 versuchten, in bewaffneter Opposition zum Diktator Batista eine Kaserne zu stürmen, wurden sie von der KP-Führung als "kleinbürgerliche Putschisten" verurteilt. Castros jüngerer Bruder Raúl, heute sein Stellvertreter in Staat und Partei, wurde damals zur Strafe aus der kommunistischen Jugend verstoßen.
Dennoch wies Castro den prominenten Altgenossen Carlos Rafael Rodríguez nicht zurück, als der im Sommer 1958 in der Sierra Maestra auftauchte: Die wählerschwache KP hatte die Machtchancen des revolutionären Guerrilla-Führers noch rechtzeitig erkannt.
Was Castro seinerseits an den Kommunisten reizvoll gefunden haben dürfte, waren wohl ihre guten Beziehungen zur "anderen" Weltmacht - wie auch ihr chronisch schlechtes Gewissen: Durch Zusammenarbeit mit dem von Castro gestürzten Diktator Batista hatte die KP sich schwer kompromittiert.
Eine Kaderpartei von reuigen Sündern konnte Castro nach seinem Sieg gut brauchen. Außerdem waren die Kommunisten die einzige politische Organisation auf Kuba, die sich der Errichtung des Sozialismus nicht widersetzen würde.
Anfang Januar 1959, wenige Tage nach dem Sturz der alten Diktatur und seinem Einzug in Havanna, gab Castro beiläufig bekannt, dass die Kommunistische Partei legalisiert worden sei. Bald machte er sie zur allein herrschenden Staatspartei - wobei er ihre alte Führungsriege entmachtete und Schritt um Schritt durch seine eigenen Leute ersetzte.
Die KP erwies sich fortan als nützliches Instrument der kubanischen Revolution. Und diese ist - nun schon seit 40 Jahren - identisch mit der Person Fidel Castros.
Ein abservierter Altkommunist fand das Spiel, das Fidel mit Kubas KP getrieben hat, einer "Reinkarnation Machiavellis" würdig. Im Rückblick nimmt sich leicht als Teufelei eines berechnenden Strategen aus, was in Wirklichkeit Ergebnis intuitiver Entscheidungen und kühler Menschenkenntnis war: ein Brettspiel zwischen Guerrilleros und Genossen, in dem Castro auf beiden Seiten stand und keine der Figuren wissen ließ, welches Schicksal ihr zugedacht war.
Den Kommunisten verschaffte er schon 1959 die Kontrolle über Kubas Gewerkschaften sowie die ideologische Schulung der Streitkräfte. In der Wirtschaft trieb Fidel die Sozialisierung allerdings viel weiter, als die Kommunisten damals für vernünftig hielten.
Dafür machte er die Zusammenarbeit mit der KP zum Prüfstein, an dem er die Loyalität seiner Mitkämpfer maß: Wer sich als Antikommunist entpuppte, fiel in Ungnade, kam vor ein Revolutionsgericht und oft für Jahrzehnte ins Arbeitslager.
Die enge Verbindung Castros mit den Kommunisten war somit ein entscheidender Faktor bei der Hinwendung Kubas zum Sozialismus sowjetischen Typs. Der andere war die aggressive Haltung der Amerikaner. Die entsprang freilich zum Teil einer alptraumhaften Befürchtung, die sich bald als nur allzu begründet erweisen sollte: Die Sowjetunion könne auf Kuba, vor Amerikas Haustür, Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen stationieren.
Gewiss hätten die Russen das kostspielige Experiment eines karibischen Sozialismus nicht so entgegenkommend finanziert, wenn Castro sie nicht mit der strategischen Trumpfkarte gelockt hätte.
Aber auch der neue US-Präsident John F. Kennedy hätte sich von der CIA im April 1961 kaum zu dem katastrophalen exilkubanischen Invasionsversuch in der Schweinebucht verleiten lassen, wäre nicht ständig die Gefahr geheimer russischer Raketenbasen auf Kuba beschworen worden.
Als schließlich Nikita Chruschtschow im Jahr darauf mit Castros Zustimmung die Bedrohung wahr machte und tatsächlich Raketen nach Kuba verschiffte, sah Castro sich schnell zur Schachbrettfigur degradiert: Die Supermächte einigten sich über seinen Kopf hinweg, das Zeitalter der Entspannung einzuleiten.
Von da an hatte die Insel für die Russen vor allem Schaufensterwert. Die Dritte Welt sollte sehen, dass das sowjetische Modell in einem Entwicklungsland funktionierte. Und Castro durfte in Afrika und Lateinamerika vorführen, dass seine Revolution exportierbar sei.
Kubas "Internationalisten" - Soldaten, Ärzte, Lehrer, Ingenieure - befriedigten das Nationalgefühl der Kubaner, errangen Prestige in der Dritten Welt, wurden zu Hause als neue Elite gefeiert.
Der Schiffbruch sozialistischer Experimente in Chile und Nicaragua, Angola und Mosambik hat freilich auch kubanische Revolutionäre demoralisiert, zumal da es im eigenen Lande bergab ging: Sozialistische Misswirtschaft und der Boykott der USA taten ihre Wirkung. Und in Moskau zeigte Michail Gorbatschow keine Lust, den karibischen Ableger der Weltrevolution weiterhin mit Milliarden Dollar pro Jahr zu beatmen.
"Dann wurde uns auch noch die Sonne abgeschaltet": So empfanden es viele in Havanna, als die Sowjetunion implodierte, ihr Imperium und sich selbst auflöste. Der Planet Kuba verlor nicht nur eine ideologische Lichtquelle: Er verdunkelte buchstäblich, weil sowjetische Öllieferungen zum Vorzugspreis aufhörten, Treibstoff Mangelware wurde, Maschinen, Düngemittel und Ersatzteile nur noch gegen Devisen zu haben waren.
Seither dümpelt die Revolution vor sich hin. Ohne Devisen geht nichts, und Devisen kommen nur vom Zuckerexport, von Überweisungen der exilkubanischen Emigranten aus den USA und vom früher viel geschmähten Tourismus - dem einzigen Wirtschaftszweig der Insel, der gesunde Wachstumsraten aufweist.
Ein notwendiges Übel nennt Castro die Reisenden aus Kanada und Deutschland, Italien und Spanien, für die eine Privilegienwelt geschaffen wurde. Zu ihr haben - wie in vorrevolutionärer Zeit - gewöhnliche Kubaner keinen Zutritt.
Von dort dringen Dollars belebend in den Kreislauf der privaten Markt- und Mangelwirtschaft ein, in dem die Kubaner - da sie sonst kaum etwas erwerben oder erzeugen können - den Fremden und den Nachbarn das Naheliegende anbieten: Sie vermarkten ihr altes Auto, ihr Essen, ihre Schlafzimmer, manche auch ihre Körper. Sie verkaufen oder tauschen ihre Kleider, ihre Bücher, ihre Schallplatten, ihre Haustiere, ihre Möbel.
Von der Trostlosigkeit anderer Überreste des versunkenen Sowjetreichs hebt Kuba sich durch sein subtropisches Klima und die rhythmisch pulsierende Lebenslust der Nachkommen afrikanischer Sklaven ab. Und vor dem schlimmsten Elend der Dritten Welt wird das Land durch seine stabile Bevölkerungszahl bewahrt: Die hat Kuba den USA zu danken, die seinen Flüchtlingen jahrzehntelang politisches Asyl boten, sowie der energischen Abtreibungspraxis des Regimes.
Dass die Säuglingssterblichkeit in Havanna geringer sei als in Washington D. C. - wie unlängst noch in internationalen Jahrbüchern zu lesen war -, muss als unwahrscheinlich gelten. Die hohe Alphabetisierung und umfassende Gesundheitsfürsorge der Kubaner hingen allzu sehr von sowjetischen Subventionen ab - und die Krankenhäuser leiden mehr denn je unter dem Handelsembargo der USA.
Viele stolze Errungenschaften der Revolution schwinden dahin - ebenso wie das Charisma ihres Führers. Daran änderte auch nichts, dass der Papst dem Revolutionär die Ehre gab und 1998 Kuba besuchte. Der "Líder Máximo" Fidel Castro hat im letzten Jahrzehnt offenkundig auch intellektuell abgebaut; von rabulistischem Rundum-Geschimpfe abgesehen, fällt ihm in seinen stundenlangen Reden seit langem nichts mehr ein.
Frei vom Schlendrian, der alles auf der Insel prägt, ist nur der Polizeiapparat. Die Ausbilder der ostdeutschen Stasi fanden in Kuba gelehrige Schüler. Menschenrechtler und Regimegegner werden heute gründlicher verfolgt denn je. Fernsehen und Zeitungen sind fest im Griff der Apparatschiks, Castro selbst umgibt sich mit Jasagern. Das Überleben des einzigen Regimes, das neben China und Nordkorea am alten Kommunismus festhält, ist ein Kuriosum, aber kein Wunder.
Dafür behielt die gestrandete Revolution ihren Charme für Nichtkubaner: mit verwitterten Wandparolen wie "Sozialismus oder Tod!", mit greisen, medaillenbehängten Guerrilleros und der allgegenwärtigen Exotik des Verfalls.
Carlos Widmann, 61, ist SPIEGEL-Reporter in Paris.
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. DAS JAHRHUNDERT DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. DAS JAHRHUNDERT DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 31/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Spiegel des 20. Jahrhunderts:
Exotik des Verfalls

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock