09.01.2016

LiteraturSelbstbezichtigung als Schutzschild

Sarah Kuttners dritter Roman „180° Meer“ dreht sich um die Frage, wie man sich zu hohen Ansprüchen entzieht.
Manchmal müsste man nur die Kinderfantasien eines Menschen kennen, um zu wissen, wer dieser Mensch eigentlich wirklich ist. Da sind die Forscher auf ihren Vorgartenexpeditionen oder die zukünftigen Popstars, deren Fantasie die größten Hallen füllt. Wenn Jule, die Hauptfigur in Sarah Kuttners Roman "180° Meer", mit ihrem kleinen Bruder im Zug Richtung Stralsund geschickt wurde, hat sie sich am liebsten vorgestellt, wie sie am Bahnhof nicht nur von der Meer-Oma empfangen würde, sondern auch von einer traurigen Nachricht: Leider sei ihre Mutter gestorben. Dann wären beide weg, Mama und Papa. Und außer der Meer-Oma wäre nur noch sie für ihren Bruder da. Manchmal hat sie darauf bestanden, dass ihr Bruder sie schon einmal mit "Mama" anspricht. Und während der Zug Richtung Meer rollte, murmelte Jule Testsätze ins Abteil. "Mami hat dich sehr lieb" war so ein Satz oder "Wir brauchen gar keinen Mann".
So geht Vater-Mutter-Kind, wenn man eine Mutter hat, die sich mit Kind an der Hand vor ein Taxi stürzen wollte. Und einen Vater, der abgehauen ist.
Man müsste dann eigentlich gar nicht mehr auf 270 Seiten lesen, wie die erwachsene Jule gut 20 Jahre später wieder mit ihrem Bruder ans Meer fährt, weil sie einfach nur wegwill. Weg von der egozentrischen Mutter, für die sie immer noch Therapeutin sein soll. Weg von dem Freund, den sie gerade betrogen hat, obwohl oder weil er der einzige Mensch in Berlin ist, der ihr etwas bedeutet. Weg von allen Ansprüchen, die irgendwer an sie stellen könnte. Dann müsste man nicht Jules Dauerauskunft über ihren aktuellen Gefühlszustand lesen, nicht die ganzen ungelenken Sätze und vor allem nicht nach ihrer Rührung beim Anblick einer rostigen Seebrücke von ihrem Bruder noch darauf hingewiesen werden: "Ah, du willst die Kaputtness."
"180° Meer" ist Sarah Kuttners dritter Roman, seit die 36-Jährige nicht nur Fernsehmoderatorin, sondern auch Schriftstellerin ist. 2009 debütierte sie mit "Mängelexemplar", einer Geschichte über Depressionen. Zwei Jahre später handelte sie in "Wachstumsschmerz" die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens ab – und zwar auf dem Reflexionsniveau einer Frauenzeitschrift, wie es damals in einer Rezension hieß.
Es hat seinen Grund, warum so viele Kritiker auch den neuen Roman von Kuttner nicht besonders gelungen finden: zu wenig Kunst, zu viel Gefühliges. Aber es hat auch seinen Grund, warum auch dieser Roman von Kuttner seine Leserinnen finden wird: Es steckt ein bestimmtes Lebensgefühl darin.
Kaum stolpert man über ein Klischee, steht da auch schon der Einschub, "so klischeehaft es eben klingt". Kaum eine Wiederholung kommt ohne das schuldbewusste "schon wieder" aus. Und wenn man sich gerade über ein schiefes Bild ärgern möchte, lässt Kuttner die Icherzählerin sagen: "Er benutzt meine eigenen schiefen Bilder, um sich der Thematik zu nähern. Und es ist verdammt schief, das Bild."
Dieser Roman macht das, was sonst jungen Frauen nachgesagt wird. Vorsorglich auf eigene Fehler hinweisen: Selbstbezichtigung als Schutzschild; Entschuldigungen, deren eigentlicher Sinn die Entwaffnung des anderen ist.
Dies ist ein Buch, das gern rotzig und rough klingen würde. Aber da kann noch so viel gekifft und geblasen und geflucht werden – dieses Buch ist wie ein Hund, der sich auf den Rücken legt, als Geste der Beschwichtigung.
Noch bevor der Roman erschienen ist, hat Sarah Kuttner der "Welt am Sonntag" ein langes Interview gegeben. Es ist ein lustiges Gespräch. Kuttner sagt darin viel über Fondue-Abende an Silvester oder das Gärtnern. Am vielsagendsten ist jedoch der Satz, den sie über ihr eigenes Schreiben sagt: "Ich habe ja auch nie gesagt, dass meine Bücher Literatur sind."
Ist es also fair, ein Buch an etwas zu messen, das es nie sein sollte? Ist dieses Zwangsbekennen eigener Fehler nun kokett oder feige oder selbstreflektiert oder souverän? Und können Bekenntnisse zur Weichheit die Welt weniger hart machen?
Vor Kurzem hat Kuttner auf Facebook gepostet: "Ich stehe ja auch nicht über den Dingen oder finde mich selbst irre super. Deswegen ist es schön zu sehen, dass ein paar von euch mich ab und zu super finden. Und euch finde ich zu großen Teilen auch super." Das Posting endete mit dem Satz: "Endlich mal richtig das Wort 'super' totgeritten."
Eine Strategie, die auf Sympathie zielt, wobei Strategie vielleicht das falsche Wort ist, weil das so nach Berechnung und Kalkül klingt. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen schrieb vor vier Jahren im "New Yorker" in einem Essay über die Schriftstellerin Edith Wharton: "Ich glaube, dass Sympathie oder deren Abwesenheit einen Einfluss auf das literarische Urteil jedes Lesers hat. Ohne Sympathie, für den Schriftsteller oder die Figuren, wird es ein Werk schwer haben, ihm etwas zu bedeuten." Die Komplimente, die Kuttner auf Facebook bekommt, klingen zum Beispiel so: "Du bist meine Fantasie-Lieblings-Freundin".
Vor mehr als hundert Jahren hat ein Psychologe namens Frederic Wells eine interessante Entdeckung gemacht, die später als Halo-Effekt bekannt wurde. Es ist ein psychologischer Mechanismus, der dazu führt, dass man attraktive Menschen automatisch für intelligent hält. Und unordentliche Menschen für inkompetent. Längst hat ihn das Marketing für sich entdeckt. Die sympathische Ausstrahlung von Werbefiguren und Maskottchen wirkt auf ein Produkt zurück. Die Sympathie zu einem Autoren wirkt auf dessen Werk zurück. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass ein Wort besonders oft in Zusammenhang mit Kuttners Buch auftaucht: nett. Es heißt dann zum Beispiel: "Mein Vorsatz fürs neue Jahr ist nämlich, weniger schlechte Nachrichten zu konsumieren und stattdessen auch mal einfach nur was Nettes zu lesen."
Was Nettes. Diese Bestätigung, dass es manchmal reicht, wenn etwas okay ist. Muss ja nicht immer Tolstoi-toll sein. Das ist das Rezeptionsangebot, das von so vielen so gern angenommen wird. Das ist das Lebensgefühl, das Kuttner trifft. Das Hadern mit den dauernden Ansprüchen des Lebens. Weil einem das Leben so offensteht, dass man manchmal ganz unsicher werden kann, wie man ihm eigentlich gerecht werden soll.
Deshalb schreibt man vielleicht Kuttner zum Trost über schlechte Kritiken einen dieser Kommentare auf Facebook, die man dann auf ihrer Timeline lesen kann und die beispielsweise so klingen: "Es muss nicht kompliziert und komplex und 'intellektuell' sein, um ein gutes Gefühl zu hinterlassen. Das haben alle deine Bücher bislang! Das werden die Kulturellen und Intellektuellen aber wohl nie verstehen. Wichtigstes Learning meines Literaturstudiums. ;)"
Oder man arbeitet bei einem Magazin und wurde von seinem Chef gefragt, ob man etwas zu diesem neuen Roman von Sarah Kuttner schreiben wolle. Und dann müht man sich und gibt schließlich diesen Text ab und sagt, wie jedes Mal: Diesmal sei er leider wirklich nicht so gut geworden.

Sarah Kuttner
180° Meer
S. Fischer Verlag, Frankfurt; 272 Seiten; 18,99 Euro.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 2/2016
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