16.01.2016

JanFleischhauerDer schwarze KanalDie Last des Zivilen

Ich habe vergangene Woche in einer anderen Kolumne einen Satz gelesen, der mir zu denken gegeben hat. Zivilisiert zu sein, stand da, bedeute, nacheinander neun Schwarzhaarigen zu begegnen, die sich alle als Halunken erweisen, und trotzdem noch dem zehnten Schwarzhaarigen gegenüber unvoreingenommen zu bleiben. Der Satz hätte von Antoine de Saint-Exupéry sein können, dem Autor des "Kleinen Prinzen". Der kleine Prinz sagt ständig Sachen, bei denen man denkt: Ich wünschte, ich könnte das genauso schön ausdrücken.
Je besser mir der Satz gefiel, desto mehr habe ich darüber nachgedacht, ob man ihn auch im wirklichen Leben anwenden kann. Würde ich meinem Kind sagen, dass es ruhig den kleinen Terrier streicheln darf, der vor der Bäckerei wartet, obwohl es schon neunmal von genau so einem Terrier gebissen wurde? Okay, Menschen sind keine Hunde, das sehe ich ein, insofern war das jetzt vielleicht kein gutes Beispiel. Aber nehmen wir an, ich lese in der Zeitung, dass ein Mann mit roten Hosen in der Nachbarschaft sein Unwesen treibt. Darf ich dann meinem Sohn zur Vorsicht gegenüber Männern in roten Hosen raten, auch wenn das allen anderen Männern mit roten Hosen gegenüber sehr ungerecht ist?
Man soll Menschen nicht unter Pauschalverdacht stellen, auch wenn es einem weiterhilft. Die Lebenserfahrung sagt einem zum Beispiel, dass Leute, die viel Geld haben, eher dazu neigen, es in der Schweiz in Sicherheit zu bringen, als solche, die kein Geld übrig haben. Das ist ebenfalls eine Pauschalisierung. In dem Fall arbeiten sogar ganze Abteilungen in den Finanzbehörden damit. Manchmal ist es dennoch besser, so zu tun, als ob man blind wäre. Am Flughafen muss jeder durch die Sicherheitsschleuse, auch die Mutter mit den drei kleinen Kindern, auch die schwedische Nonne, obwohl alle wissen, dass weder die Mutter noch die Nonne jemals ein Flugzeug kapern werden. Dennoch haben wir uns entschieden, jeden auf Waffen zu kontrollieren. Im Prinzip finde ich das richtig. Der Staat sollte nicht einzelne Bürger aufgrund ihres Aussehens oder ihres Namens herauspicken, egal ob es die Wartezeit für alle anderen erhöht.
Niemand dürfe wegen seiner Herkunft, seiner Religion oder seiner Weltanschauung benachteiligt werden, steht im Antidiskriminierungsgesetz. In der netzfeministischen Szene haben sie beschlossen, dass auch bei Busengrapschern in Zukunft niemand mehr nach Herkunft oder Religion fragen sollte. Der nächste Schritt wird sein, dass man bei Leuten, die vor Flüchtlingsheimen Parolen schmieren, den Hinweis auf die weltanschauliche Herkunft unterlässt. Solange nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen, müsse man mit Vorverurteilungen vorsichtig sein, wird es heißen. Ich bewundere so viel Unparteilichkeit, ich fürchte nur, dass ich dazu nicht in der Lage bin. Für mich wird der Hakenkreuzschmierer immer ein Nazi bleiben.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Markus Feldenkirchen und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 3/2016
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