16.01.2016

GenerationenSommerkleid, selbst genäht

Statussymbole zählen nichts für die 30-Jährigen, heißt es. Falsch – sie haben nur andere. Von Miriam Olbrisch
Willst du dir nicht ein Auto kaufen?", fragte mich meine Mutter. Ich hatte gerade meinen ersten festen Jobvertrag in der Hand, das erste Gehalt war auf dem Konto. Und jetzt ein Auto? Genauso gut hätte meine Mutter fragen können, ob ich ein Pony auf meinen Balkon stellen möchte.
Wer ein Auto hat, meint meine Mutter, der hat es geschafft. Der steht auf eigenen Beinen, hat einen Beruf und zusammenpassendes Geschirr im Schrank. Das eigene Auto ist für sie das sichtbare Zeichen für ein Leben, das gut läuft. Für mich ist es ein unpraktischer Kasten auf Rädern, der Geld verschlingt und dabei meist ungenutzt herumsteht.
In der Generation meiner Eltern, Mitte 50, bekannt als Babyboomer, bürgerliches Milieu, zählt Erfolg, und wer etwas geworden ist, der zeigt das auch. Mit dem 3er BMW, dem Reihenhaus, dem schicken Urlaub, der Kreuzfahrt. Man gönnt sich etwas, gern auch mal ein wenig Luxus.
Ich werde bald 30. Von meinen Freunden hat kaum einer ein Auto, und wenn doch, dann ist es vielleicht ein VW-Bus, je älter, desto cooler. Kein Wunder, dass der durchschnittliche Neuwagenkäufer immer älter wird – aktuell stolze 53 Jahre. Es ist nicht so, dass junge Menschen sich kein Auto leisten könnten, sie wollen einfach keins. Sie fahren lieber U-Bahn, Fahrrad oder holen sich mal einen Car2go.
Das ist es, was viel mehr zählt als Besitz: zu wissen, wo man schnell etwas bekommt. Mobil sein und flexibel. Man weiß ja nie, worauf man morgen Lust hat. Und statt der teuren Uhr zeigt man lieber clevere Tools vor, die beim Suchen helfen: Navigations-Apps, Wohn-Blogs und natürlich die Twitter-Gemeinschaft, die man per Smartphone jederzeit anzapfen kann.
Wichtig ist nicht, etwas zu haben, sondern es dann zu bekommen, wenn man es braucht. Große Stereoanlage und CD-Sammlung im Wohnzimmer? Wir spielen unsere Musik über Streamingdienste wie Spotify immer und überall ab. Je individueller der Geschmack, desto besser. Bands und Titel, die im Freundeskreis noch keiner kennt, kommen an.
Meine Altersgenossen, geboren um 1986, die Julias, Steffis und Melanies, die Daniels, Christians, Jans und Martins, gelten als Teil der "Generation Y", die Soziologen und Personaler schon seit Längerem beschäftigt. Statt Karriere achten die Ypsiloner auf ihre Work-Life-Balance. Statussymbole, heißt es, zählen nicht.
Sind wir so abgeklärt, so bescheiden? Wollen wir nicht auch Eindruck schinden? "Auch diese Generation braucht Statussymbole", sagt Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shell-Jugendstudien und wohl Deutschlands bekanntester Generationenversteher, "es sind nur andere als die ihrer Eltern." Das Symbol für Prestige und Status der 30-Jährigen sei die Individualität. Geachtet und bewundert werde, wer eigene Prioritäten unabhängig von Trends setze – ohne sich völlig von der Mode abzukoppeln.
So erlebe ich das. Klar zählt ein akademischer Abschluss, aber richtig Eindruck macht, wer sich traut, sein Studium abzubrechen, um einen ganz eigenen Weg zu gehen, wer den mühsam ergatterten Job sausen lässt, um etwas Neues anzufangen, das ihn wirklich erfüllt.
Anerkennende oder gar neidische Blicke gibt es nicht für Designermöbel oder den größten Flachbildschirm. Cool ist, wer ein abgeschrabbeltes Sofa auf dem Flohmarkt gefunden oder Omas alte Kommode aufgemöbelt hat. Markenklamotten erzeugen Naserümpfen, dafür wird das selbst genähte Sommerkleid anerkennend begutachtet. Nicht, was mit Geld gekauft, sondern mit Geschick, Liebe und Geschmack zusammengestellt ist, macht etwas her.
Auch wenn meine Altersklasse gern als "Generation Smartphone" gelabelt wird, geht es nicht um das chicste oder möglichst teure Handy. Smartphones und Tablets sind Hilfsmittel, um Musik, Filme, Nachrichten, Wecker, Wettervorhersage, Navigationsgerät, Kochbuch und überhaupt das ganze Wissen des Internets in der Tasche zu haben. Hauptsache, es funktioniert – und der Akku ist voll. Der Wert ist nicht das Gerät an sich, sondern das, was Soziologe Klaus Hurrelmann die "Nutzerkompetenz" nennt.
"Materielles hat für viele den Reiz verloren", sagt auch der Hamburger Kommunikationswissenschaftler und Trendforscher Peter Wippermann. Und nicht nur das: Viele meiner Freunde sind sehr konsumkritisch. Gekauft wird nur, was sein muss.
Wie die um die 30-Jährigen einkaufen, hat der Soziologe Robert Kecskes für die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) untersucht. Frisch sollten die Produkte sein und am besten aus der Region. Wer es sich leisten kann, bedient sich im Bioladen – und stellt das zur Schau. Statt lässig den Kaffee-Vollautomaten zu bedienen, mahlen meine Freunde händisch Biobohnen und brühen sie in der Filtertüte auf.
Die Wende im Lebensgefühl hat mit der Finanzkrise zu tun. Als die US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 in die Pleite rauschte und das weltweite Finanzsystem ins Wanken brachte, steckten die heute 30-Jährigen gerade mitten in Studium und Berufsausbildung. Was sollte mal aus ihnen werden? Würden sie überhaupt je einen Job finden? Überall werden Stellen abgebaut, Nachwuchskräfte schlagen sich mit Teilzeitjobs durch. Alles ungewiss. "Sie haben früh mitbekommen, dass der, der viel materiellen Wohlstand angehäuft hat, auch viel verlieren kann", sagt Wippermann. "Dadurch waren sie gezwungen, ihr Statusdenken zu verändern."
Vor ein paar Wochen präsentierte mir ein Freund, 30, seine neuen Wanderschuhe. Er will in ein paar Wochen mit dem Rucksack durch Südamerika reisen. Er ist Großstädter, Akademiker. Statussymbole seien ihm schnurz, sagt er, ein bisschen entrüstet: "Wie das schon klingt: unsympathisch, nach altem Mann, der sich mit seiner Rolex brüstet!" Wofür gibt er sein Erspartes aus? Reisen, sagt er.
Urlaub machen auch meine Eltern und ihre Freunde, danach zeigen sie stolz ihre Fotobücher aus Fuerteventura oder von der Karibikkreuzfahrt herum, das ausladende Frühstücksbuffet darf nicht fehlen. Warum, habe ich nie verstanden.
Wir reisen anders: bloß nicht, wohin alle fahren, ausgefallen soll es sein, selbst organisiert und low Budget. Am besten irgendwohin, wo noch niemand vor dir war. Zelten in Tadschikistan oder Wandern in Grönland, das bringt mehr als jedes Shoppingwochenende in New York. Meine spannendste Reise war eine Rucksacktour nach Georgien. In klapprigen Minibussen durch den Kaukasus zu holpern und nicht zu wissen, ob man die nächste Stadt heil erreicht. Übernachten bei Einheimischen, die ihre Häuser für Reisende öffnen. Auch wir zeigen Fotos herum – nur eben auf Instagram.
Der Kinofilm "Pedal the World" erzählt von dieser Sehnsucht nach bescheidenem Abenteuer. Ein junger Mann beschließt, mit dem Rad um die Welt zu fahren und das zu filmen. Als der Film vorigen Sommer in Open-Air-Kinos in Hamburg, Berlin, Köln und München lief, standen die Besucher Schlange: Mädchen mit Jutebeuteln, Jungs mit ausgetretenen Turnschuhen, alle um die 30.
In diesen Städten, im akademischen und großbürgerlichen Milieu, werden die Trends gesetzt. In den Vorstädten, den ländlicheren Gemeinden kann der Befund schon anders aussehen. Die Werteentwicklung der Großstädter lasse sich nur in Teilen auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen, sagt Hurrelmann.
Und so kommt es auch, dass bei aller Abkehr vom Materiellen 32 Prozent der heute 25- bis 34-Jährigen weiter von einem sehr klassischen Statussymbol träumen: dem Eigenheim.
Mein nächstes Ziel ist bescheidener: ein Campingkocher.

Wichtig ist nicht, etwas zu haben – sondern es dann zu bekommen, wenn man es braucht.

Von Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 3/2016
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