16.01.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteHu!

Ein Ehepaar überweist 110 000 Euro an einen Mann, der behauptet, mit Geistern reden zu können.
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die einfach nicht an den Konferenztisch einer Anwaltskanzlei passen, man würde sie eher auf Esoterikmessen vermuten, zwischen Kristalllampen und Klangschalen.
Und doch sitzen an diesem bayerischen Wintertag die Eglis ihrem Rechtsbeistand gegenüber und sprechen von einem Abendessen, das sich theoretisch in diesem Moment durch Energie auf den Tisch zaubern ließe. Sie sprechen auch von unsterblichen Meistern, die an zwei Orten zugleich sein können. Und sie sprechen von einem Mann, der sie lehren wollte, diese Unsterblichen zu sehen.
Der Anwalt nickt und guckt etwas hilflos, "das alles muss man erst mal einem Richter erklären", sagt er.
"Ja", sagen die Eglis, "das war gar nicht so leicht."
Die Eglis heißen eigentlich anders, aber sie wollen sich schützen. Sie sind ein nettes Therapeutenpaar um die 50, vertrauensvolle Menschen, das spürt man, und an der Stelle begann vermutlich das Problem der Eglis. Denn vor ein paar Jahren trafen sie Herrn P., und der begann, ihr Vertrauen zu benutzen.
Sie seien "krankenkassenanerkannte Therapeuten", das betonen die Eglis. Sie sehen sich nicht als Esoteriker. In ihren Praxen helfen sie Menschen, Depressionen zu überwinden, Schmerzen, Ängste. Sie therapieren mit Kinesiologie, mit "Unterbewusstseinsarbeit", mit Familienaufstellung, das ist erst mal nicht außergewöhnlich.
Außergewöhnlich wurde es erst, als sie Herrn P. kennenlernten, jenen Mann, der es schaffte, sie innerhalb weniger Jahre um 110 000 Euro ärmer zu machen – indem er sie glauben machte, er würde das Geld an unsterbliche Meister übergeben, die es dann wiederum für einen guten Zweck einsetzten. Eine Art überirdische Entwicklungshilfe.
Die Eglis wissen, dass das für Außenstehende ziemlich bescheuert klingt. Sie wollen versuchen, es zu erklären.
Es war ein Sommertag im Jahr 2004, das erzählt Frau Egli, als sie sich zum ersten Mal auf den Weg zu Herrn P. ins Unterallgäu machte. Eine gute Freundin hatte ein Seminar besucht und ihr voller Begeisterung von einem Mann erzählt, der hellsichtig sei, der die Aura von Menschen erkennen könne, ihre Energie. "Und wenn mir jemand sagt: ,Hey, ich kann die Energie sehen', dann finde ich das schon cool", sagt Frau Egli.
Frau Egli ist immer auf der Suche nach Wegen, wie sie ihren Klienten in der Praxis besser helfen kann, sagt sie. Auf Fortbildungen und Seminare zu gehen gehört zu ihrem Beruf, also klingelte sie bald an der Tür von P.s Einfamilienhaus, und es öffnete ein Mann, den sie sich anders vorgestellt hatte, geheimnisvoller. Vor ihr stand ein korpulenter 26-Jähriger, der noch bei seiner Mutter lebte.
Er führte sie ins Wohnzimmer, den Seminarraum, dort gab es nicht viel außer einer Eckbank mit Tisch, einer Stereoanlage, einem Gestell mit Edelsteinen, Orchideen am Fenster. Aber was in den nächsten drei Tagen in diesem Wohnzimmer geschah, muss so beeindruckend für Frau Egli gewesen sein, dass sie danach fest daran glaubte, es mit einem "Adepten" zu tun zu haben. Ein Adept ist für Frau Egli jemand, der mit Unsterblichen kommuniziert. Und Unsterbliche sind, vereinfacht gesagt, Menschen, denen es gelungen ist, dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt zu entkommen und als Geister fortzuleben.
"Er beantwortete mir Fragen, die ich noch gar nicht gestellt hatte", sagt Frau Egli. Herr P. zeigte ihr, wie sie durch Meditation ihre Energie verstärken kann; er machte sie glauben, dass er keinen Schlaf brauche und nachts Anweisungen von Unsterblichen bekomme. Die Gehirnwäsche hatte begonnen.
Frau Egli kam nach Hause und berichtete ihrem Mann von alldem. Wenige Monate später bot Herr P. den Eglis und ihrer Freundin eine "adeptische Meisterschülerschaft" an. Kosten: 10 000 Euro für lebenslangen Unterricht. "Das war für uns wie ein Sechser im Lotto", sagt Herr Egli, der nach ein paar Seminaren ebenfalls das Gefühl hatte, Teil von etwas Größerem zu sein. Die Gehirnwäsche hatte funktioniert.
"Rhetorisch war der spitze", sagt Frau Egli heute, "immer, wenn ich Zweifel hatte, hat er eine Geschichte erzählt, die für mich aufging." Sie trafen sich nun regelmäßig, organisierten Seminare, nahmen CDs auf, entwickelten gemeinsame Träume von einer eigenen Klinik. 2007 heiratete P., die Eglis wurden seine Trauzeugen. Wenig später eröffnete er seinen Schülern, sie seien bereit für den nächsten Schritt: Sie sollten jeden Monat ein Zehntel ihres Bruttogehalts an die Unsterblichen übergeben. Die Unsterblichen würden "das Geld in Energie transformieren und für die Heilung der Weltbevölkerung einsetzen".
Wohl spätestens jetzt hätte den Eglis aufgehen müssen, dass Herr P. ein Betrüger war. Aber sie steckten in einer Wirklichkeit fest, die keine Zweifel mehr zuließ. Sie überwiesen das Geld auf P.s Konto. Monat für Monat, sechs Jahre lang.
Das System lief bis zu dem Zeitpunkt, als P. anfing, sich in irdische Probleme zu verstricken. Er hatte eine Ehekrise. Er wurde aufbrausend. Er wurde unvorsichtig. Irgendwann meldete sich die Ehefrau des Herrn P. bei den Eglis und erzählte ihnen, was sie wusste. Die Welt der Eglis brach ein. "Ich war ein halbes Jahr lang wie tot", sagt Herr Egli.
Das Landgericht verurteilte Herrn P. zur Zahlung von 134 500,88 Euro plus Zinsen. Auf das Geld können die Kläger vermutlich trotzdem lange warten.
An die Unsterblichen glauben sie noch immer, sagen sie am Tisch ihres Anwalts, und an vieles, was P. sie gelehrt hat, auch, über das Licht, die Energie. "Vielleicht kann der Mann keine Unsterblichen sehen", sagt Herr Egli, "aber für mich hat der schon geniale Fähigkeiten." Er meint ganz irdische: Rhetorik, Überzeugungskraft, Schauspielerei.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 3/2016
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