16.01.2016

LeitkulturProblembären

von Alexander Osang
Als ich die ersten Berichte über die Männer las, die in der Silvesternacht in Köln Frauen sexuell belästigt haben, dachte ich an Karl May. Ich glaube, es lag an den vagen und irgendwie folkloristischen Täterbeschreibungen. Die Männer hätten nordafrikanisch ausgesehen und sich teilweise durch Antanzen genähert. Für mich klang das, als hätten sich Feinde von Karl Mays Wüstenhelden Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar auf die Domplatte geschlichen. Ich sollte das nicht denken. Bestimmt waren meine eigenen märchenhaften Erinnerungen an das jahresendliche Antanzen in der Fremde schuld.
Vor genau 25 Jahren feierte ich zum ersten Mal Silvester im Ausland. Ich komme aus dem Osten und hatte bis dahin nicht so viel Gelegenheit zum Reisen gehabt. Das erste Silvester nach dem Mauerfall hatte ich noch am Brandenburger Tor verbracht, nun ging es nach Istanbul. Die Türkei zählte für mich zu den exotischsten Plätzen der Welt. Ich war als Teenager nach Bulgarien getrampt. Das letzte Stück hatte ich in einem Mercedes-Kipper zurückgelegt, den ein Österreicher nach Bagdad überführte. Kurz vor der türkischen Grenze musste ich aussteigen. Die letzten Worte des österreichischen Lastwagenfahrers waren: "In Edirne geh i erst ma ins Puff."
Das war alles jenseits meiner Vorstellungskraft.
Dann fiel die Mauer, und ich hätte, theoretisch, auch in Edirne ins Puff gehen können. Stattdessen setzte ich mich am Tag nach dem ersten gesamtdeutschen Weihnachtsfest mit meiner Freundin in einen Bus von Holiday Reisen, der am Alexanderplatz abfuhr, weil, bis auf den Fahrer und die Reiseleitung, alle Passagiere aus dem Osten kamen. Es war unglaublich billig, wir fuhren zwei Nächte durch, schliefen in vergammelten Unterkünften in Belgrad und Kavala, aber man konnte im Unterdeck des Busses rauchen. Da saßen nur meine Freundin, ich sowie ein Junge mit Liebeskummer und einer Flasche Johnnie Walker. Alle anderen Ostler hatten sich fürs Oberdeck entschieden, weil sie 40 Jahre lang im Unterdeck gesessen hatten. Manchmal kam jemand zum Rauchen runter.
Unser Hotelzimmer in Istanbul war so groß wie ein Doppelbett, ein kleines Doppelbett, weswegen wir runter auf die Straße gingen. Dort trafen wir zwei Männer mit brikettgroßen Schnurrbärten, die zwei Bären spazieren führten. Es waren richtige Braunbären, mit Krallen, Zähnen und allem. Die Männer fragten, ob wir uns mit ihren Bären fotografieren wollten. Ich hatte ziemlichen Respekt vor den Bären, wollte den beiden Männern aber gern den Gefallen tun. Schließlich waren wir zu Gast. Also fotografierte ich meine Freundin mit den Bären, und meine Freundin fotografierte mich. Dann wollten wir weiter. Die Männer grummelten. Sie schüttelten den Kopf. Sie deuteten mit Daumen und Zeigefinger an, dass sie Geld wollten. Ich sah das nicht ein. Wir hatten doch ihnen einen Gefallen getan, nicht sie uns. Wir waren den ganzen langen Weg gekommen und schliefen in einem winzigen Bett. Ich erwartete Dankbarkeit. Entgegenkommen. Völkerverständigung. Es war ein Missverständnis, ein beiderseitiges. Aber sie hatten die Bären.
Als sie realisierten, dass ich nicht bezahlen wollte, ließen sie die Bären ein wenig von der Kette. Die Bären tanzten uns an.
Ich suchte alles Geld, was ich hatte, und gab es den Männern. Es war nicht viel, wir waren jung. Die Männer schüttelten ärgerlich den Kopf und zogen mit ihren Bären weiter. Ich fühlte mich enttäuscht, betrogen, auch um mein romantisches Türkeibild. Später kaufte ich auf dem Basar noch ein paar günstige Lacoste-Socken, deren Krokodile sofort abfielen, als ich sie aus der Packung nahm; ein Parfumfläschchen, das, wie sich herausstellte, mit Wasser gefüllt war, sowie einen Gürtel, der so nach Fisch roch, dass ich ihn auf das Fensterbrett meines Hotelzimmers legte, wo ich ihn später vergaß.
Am Silvesterabend 1990 führte uns der Veranstalter von Holiday Reisen in eine Art Konferenzraum, sehr gut beleuchtet. Es gab eine Bauchtänzerin. Sie war dick und lustlos. Ich stritt mich mit meiner Freundin, weil ich den Eindruck hatte, sie flirte mit dem liebeskranken Ostberliner Whiskytrinker, und irrte kurz nach Mitternacht allein durch dunkle Straßen in Istanbul. Am Neujahrstag 1991 fuhr die Reisegruppe mit dem Boot in den asiatischen Teil der Stadt, wo sich einige über die handelnden türkischen Kinder aufregten, die an ihr Geld wollten. Unser Geld, sagten Ostler. Die Währungsunion war nicht mal ein halbes Jahr alt. Abends rieb mich in einem türkischen Bad ein sehr behaarter Mann von oben bis unten mit Kernseife ein.
So ging es weiter.
Kaum hatte ich diesen Satz geschrieben, sprengte sich in Istanbul ein Mann in die Luft. Es könnte sogar sein, dass er sich in die Luft sprengte, während ich den Satz schrieb. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig. Frierende Flüchtlinge in Berlin, grapschende Nordafrikaner in Köln, Neonazis in Leipzig, tote deutsche Touristen in Istanbul. Zwischendurch taucht immer mal das Gesicht von Angela Merkel auf, die, obwohl noch nicht feststeht, wer angegriffen hat, erklärt, warum er es tat. Und dass sie es auf keinen Fall dulden werde. Entweder verdorren einem die Worte, die man gerade ausspricht, im Mund, oder sie nehmen, noch während man sie ausspricht, richtig Fahrt auf. Plötzlich steht man mit zwei Tanzbären, die man nicht richtig einschätzen kann, auf einer großen Bühne herum. Angela Merkel weiß, wovon ich rede.
Ich erinnere mich noch, wie die Reiseleiterin von Holiday Reisen im Januar 1991 bei der Rückfahrt aus Istanbul durchs Mikrofon rief: "Meine Damen und Herren, wir sind wieder in Deutschland!" Das ostdeutsche Oberdeck trampelte erleichtert.
Es ist eine wilde, wilde Welt da draußen. Man braucht noch nicht mal Bären.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 3/2016
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