16.01.2016

EssayEnde eines Zeitalters

Warum Erdöl an ökonomischer Bedeutung verliert – und die Welt dadurch fragiler wird. Von Alexander Jung
Im deutschen Heizungskeller ist das Ölzeitalter schon Vergangenheit. In nur noch 0,7 Prozent der Neubauten werden Ölbrenner installiert, das waren 2014 etwa 1800 Häuser im ganzen Land. Ansonsten kommen meist Erdgas oder Fernwärme zum Einsatz. Selbst Holz ist als Wärmelieferant deutlich beliebter. Öl hat seine Zukunft hinter sich.
Zugegeben, das schreiben wir seit einiger Zeit. 1979 legte der SPIEGEL ein Buch mit dem Titel "Das Ende der Ölzeit" vor, darin beschrieben die Autoren die "Abenddämmerung für eine galante Epoche der Menschheit" – Jahrzehnte verfrüht. Noch heute prägt Öl große Teile der Zivilisation; es deckt ein Drittel des weltweiten Energieverbrauchs, auch wenn die Tanks aus den Kellern verschwinden. In den vergangenen Monaten hat das Geschehen an den Ölmärkten indes eine so erstaunliche Wende genommen, dass eine Neubewertung fällig ist.
Der Preis für ein Fass ist diese Woche mit rund 30 Dollar auf den tiefsten Stand seit zwölf Jahren gefallen. Analysten liefern sich einen Wettstreit um die niedrigste Prognose, seltsam genug, denn die Weltkonjunktur ist weit von einer Rezession entfernt. Ganz offensichtlich ändert sich gerade etwas Grundlegendes im Geschäft mit dem Rohstoff: Öl verliert seine Relevanz für die Weltwirtschaft.
Einen Beleg dafür liefert der vorige Woche vom saudi-arabischen Königshaus bestätigte Plan, einen Teil des staatseigenen Ölkonzerns an die Börse zu bringen. Die Not in Riad muss groß sein, wenn die scheuen Regenten sich überwinden, ihre Bücher zu öffnen, um an Kapital zu kommen. Eine Saudi Aramco AG – das klingt ungefähr so, als wäre der Vatikan gezwungen, Petersdom-Aktien zu verkaufen, um den Kirchenstaat zu finanzieren. Diesen Schritt, wenn er wirklich gewagt wird, unternehmen die Saudis zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Die Vorstellung einer "Carbon Bubble", einer Kohlenstoffblase, treibt viele Anleger um, alles Fossile erscheint überbewertet. Aber was bleibt dem Königshaus übrig? Die Kronjuwelen werden verscherbelt, um die Krone zu retten. So handelte 1933 schon Ibn Saud, der Staatsgründer, als er in eine Geldklemme geraten war und Bohrrechte an die Amerikaner verkaufte.
Die privat geführten Energieriesen Exxon, Chevron, Shell, Total und BP präsentieren sich ähnlich derangiert. Die großen Fünf haben, seit der Ölpreis vor anderthalb Jahren ins Rutschen geriet, rund eine halbe Billion Dollar an Börsenwert verloren. Was früher "Big Oil" genannt wurde, spielt heute nicht mehr in einer Liga mit Apple, Google oder Microsoft. Die Ölkonzerne haben es sich selbst zuzuschreiben.
Sie hatten die Chance, sich neu zu erfinden, erneuerbare Energien ernst zu nehmen, in die Welt jenseits des Öls vorzudringen, "Beyond Petroleum", wie es BP vor 15 Jahren versprach. Doch sie gingen den einfachen Weg, bohrten weiter, immer tiefer, immer aufwendiger – aber immer nur nach Öl und Gas. Jetzt kommt jedes Umlenken zu spät. BP kündigte diese Woche an, 4000 Stellen zu streichen.
Nun bleibt den Unternehmen bloß noch die Hoffnung auf eine altbekannte Wirkungskette: Fallen die Preise, lohnt es sich nicht mehr, neue Quellen zu erschließen. Mittelfristig wird weniger gefördert – und so die Basis dafür gelegt, dass die Notierungen wieder steigen. Diesmal aber könnte es passieren, dass dieser Mechanismus nicht wie gewohnt funktioniert.
Es wird nämlich immer schwerer, die Marktteilnehmer davon zu überzeugen, dass Knappheit herrscht. Mithilfe der umstrittenen Fracking-Technologie können US-Förderfirmen ihre Quellen ohne großen Aufwand auf- und zudrehen. Das heißt: An Öl herrscht kein Mangel – es ist vielmehr fraglich, ob genügend Nachfrage vorhanden ist. Tatsächlich hat der Bedarf vielerorts einen Scheitelpunkt überschritten.
In Europa, Nordamerika und Japan ist der Verbrauch bereits rückläufig. In Deutschland wurden innerhalb von zwei Jahrzehnten rund 17 Prozent weniger Öl konsumiert, obwohl die Wirtschaftsleistung um fast ein Drittel gestiegen ist: Grünes Wachstum ist also durchaus möglich. Die meisten Produkte und Prozesse hierzulande werden heute auf Effizienz getrimmt. Selbst die berüchtigten SUV-Modelle schlucken weniger als früher.
Zugleich schränken die Regierungen gerade in Metropolen wie Peking, Neu-Delhi oder Rom den Verkehr von Autos mit Verbrennungsmotor ein, um der unerträglichen Luftverschmutzung zu begegnen. Der Trend ist klar: Irgendwann wird dort nur noch Elektrofahrzeugen die Einfahrt gewährt. Jede zusätzliche Ladestation und jede verbesserte Batteriegeneration wird die Stromer attraktiver machen – und die Verbrenner unbeliebter.
Ob Öl, Diesel oder Benzin gerade billiger oder teurer sind – es wird die Bürger bald nicht mehr sonderlich interessieren. Sorge muss ihnen vielmehr bereiten, was aus den alten Förderstaaten mit ihrer jungen Bevölkerung wird. Wenn sie ihre Haupteinnahmequelle verlieren, kann die Lage in Venezuela, Angola oder auch in Russland schnell kippen.
Es ist paradox: Die Industrieländer kommen dem alten Ziel der Energiesicherheit näher – und zugleich nimmt die globale Unsicherheit zu. Das ist womöglich der Preis, den das Ende der Ölzeit fordert: Die Welt wird sauberer. Aber auch fragiler. ■
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 3/2016
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