16.01.2016

TourismusDie Angst bucht mit

Nach den Anschlägen von Paris und Istanbul leidet auch die Reisebranche. Immer mehr Urlauber fragen sich: Gibt es noch sichere Ziele?
Das neue Jahr schien sich für Friedrich "Fritz" Joussen, 52, ziemlich gut anzulassen. Im kleinen Kreis wollte der TUI-Chef in einem Düsseldorfer In-Lokal gleich zu Beginn seine eigenen Verdienste würdigen. Und zu feiern gab es etwas: Seit der ehemalige Vodafone-Manager vor drei Jahren an die Spitze von Europas größtem Touristikkonzern rückte, hat sich der Aktienkurs mehr als verdoppelt.
Überschäumende Stimmung wollte dennoch nicht aufkommen – trotz des reichlich ausgeschenkten Prosecco, und das aus gutem Grund: Nur wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass sich ein mutmaßlich islamistischer Attentäter in Istanbul selbst in die Luft gesprengt und dabei zwölf weitere Menschen mit in den Tod gerissen hatte, darunter zehn Deutsche.
Der Jahresanfang ist für die Tourismusbranche ein entscheidender Zeitpunkt. Unter dem Tannenbaum baldowern viele Kunden erste Reisepläne für den Sommer aus, die dann oft im Januar gebucht werden. In der Regel funktioniert das gut, doch in diesem Jahr ist alles anders.
"Eine Schockwelle ist nach jedem Anschlag zu spüren, auch dieses Mal herrscht zunächst Verunsicherung", merkt der TUI-Chef an. "Wir Europäer müssen mit mehr Unsicherheit leben lernen. Aber das ist nicht nur ein Thema des Tourismus, es kann auch zu Hause etwas passieren, im Lieblingsrestaurant."
Die Zahl der Hotelsterne, die Sonnenstunden pro Tag und das Wellnessangebot geraten in so einer Lage bei der Urlaubsentscheidung zur Nebensache. Viele Deutsche fragen sich eher, ob sie den Urlaubsort vor allem unter Sicherheitserwägungen wählen sollten – und ob es das überhaupt noch gibt, ein sicheres Reiseziel.
Die Angst bucht immer mit. Oder verleitet zum Nichtreisen. Da nutzt es nichts, dass die Branche ihre Kunden trickreich zum frühen Kauf ermuntert, um die Betten und Flugzeuge für den Sommer zu füllen.
Bereits vor dem Attentat im historischen Viertel von Istanbul lief das Urlaubsgeschäft 2016 eher schleppend an. Die Anschläge vom November in Paris, der Absturz einer russischen Chartermaschine über dem ägyptischen Sinai oder der Überfall auf wehrlose Strandurlauber im tunesischen Badeort Sousse, bei dem im vergangenen Sommer 38 Urlauber umkamen, haben die Kunden verunsichert. Anbieter wie Alltours und FTI bieten ihren Gästen deshalb schon an, ihr gewähltes Ferienziel kostenlos noch einmal zu wechseln, um den Verkauf anzukurbeln.
Mit der jüngsten Attacke ist nun ausgerechnet ein Land betroffen, das bislang zu den verlässlichen Größen im Tourismus gehörte. Wegen seines guten Preis-Leistungs-Verhältnisses ist die Türkei bei Deutschen seit Jahren beliebt und steht hinter Spanien und Griechenland auf Platz drei der europäischen Tourismusziele. Manche Kunden hätten sogar aus Terrorangst ihren Trip nach Paris storniert und seien nach Istanbul ausgewichen, berichten Reiseveranstalter.
Zuletzt blieben russische Urlauber an der türkischen Riviera aus und sorgten damit für noch niedrigere Preise. Nun könnten auch die Deutschen und andere Europäer wegbleiben, die sich bedroht fühlen. Nutznießer wären vor allem Länder wie Spanien, Griechenland und Italien. Sie profitierten bereits in der Vergangenheit, wenn politisch instabile Länder wie Ägypten oder Tunesien nach Überfällen in der Urlaubergunst sanken.
Auch Ziele, die bisher eher eine Nebenrolle spielten, könnten zulegen. Als vergleichsweise sicher gelten nach Aussagen von Joussen etwa die Kapverdischen Inseln. Sein Konzern will sich dort nun stärker engagieren. Für Menschen mit etwas üppigerem Budget biete sich zudem die Karibik an. "Dort winkt großes Wachstum, es sind noch vergleichsweise wenige Wettbewerber da, und es ist ein Ziel für das ganze Jahr", sagt der TUI-Chef.
Wenn es in Europa ungemütlich wird, gewinnen Fernziele an Beliebtheit, wozu derzeit auch die günstigen Flugpreise beitragen. Ein Airline-Manager sagt, dass die touristische Nachfrage nach Nordamerika steige. "Zwar sind die Reisenden von den strikten Einreisekontrollen genervt, doch das strahlt auch Sicherheit aus."
So bitter und verheerend all die Anschläge und ihre Auswirkungen auch sein mögen, für die großen Veranstalter könnten sie langfristig sogar einen Vorteil haben. Sie können im Krisenfall schnell und professionell helfen, weil sie über eigene Flugzeuge, Hotels und sogar Kreuzfahrtschiffe verfügen. Wer dagegen ein No-Name-Angebot im Internet gebucht hat und in Not gerät, hat oft nicht einmal einen Ansprechpartner, sondern allenfalls die Telefonnummer einer Hotline. Und die ist im Ernstfall meist dauerbesetzt.
Manche Reisende haben sich offenbar schon damit abgefunden, dass trotz aller Planungen Anschläge mittlerweile zum Risiko einer Reise dazugehören. So beobachtet man beim Online-Reiseanbieter Unister (Ab-in-den-urlaub.de, Fluege.de) eine für das Unternehmen neue Art des Pragmatismus unter deutschen Urlaubern.
Von den Gästen, die zum Zeitpunkt der Anschläge in Istanbul vor Ort gewesen seien, habe auch auf Nachfrage nicht einer die Heimreise antreten wollen.
Lesen Sie auch: Der Anschlag in Istanbul trifft die Türkei mehrfach: politisch, ökonomisch und gesellschaftlich.
Von Dinah Deckstein und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 3/2016
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