16.01.2016

SkandaleDemut? Wieso Demut?

Die Entschuldigungstour von VW-Chef Matthias Müller in die USA hat dem Konzern nicht genutzt, sondern geschadet. Der Aufsichtsrat ist entsetzt.
Ist Matthias Müller der falsche Mann an der Spitze des Volkswagen-Konzerns? Diese Frage stellen sich Aufsichtsräte des Unternehmens. Kontrolleure, die denselben Müller vor nicht einmal vier Monaten zum Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens berufen haben, damit er als Nachfolger Martin Winterkorns den Dieselskandal bewältigt.
Auf einer Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums am kommenden Dienstag soll der VW-Boss auch dazu Bericht erstatten, wie es zu seinen fatalen Aussagen auf der Detroit Auto Show kam, mit denen die Position des Unternehmens weiter geschwächt wurde. Es sind Worte, die viel Geld kosten können. Denn es hängt auch vom Wohlwollen der Umweltbehörde EPA und des Justizministeriums in den USA ab, wie viele Milliarden Dollar der Konzern für die Nachbesserung der Fahrzeuge und als Strafe für die Gesetzesverstöße zahlen muss.
Auf der Bühne montags in Detroit hatte sich der VW-Chef noch artig entschuldigt für den jahrelangen Betrug. Anschließend aber versuchte er, den Skandal zu verharmlosen. Als ihm ein Reporter des US-Radiosenders NPR entgegenhielt, Amerikaner würden im Verhalten des deutschen Autokonzerns ein ethisches Problem sehen, sagte Müller: "Ethisches Problem? Ich kann nicht verstehen, warum Sie das sagen." Er sprach von einem "technischen Problem" und davon, dass Volkswagen "nicht die richtige Interpretation der amerikanischen Gesetze" gefunden habe.
Es war der letzte in einer Reihe von Fehlern des VW-Chefs bei der Aufarbeitung des Skandals, bei denen sich Aufsichtsräte fragen, wie ihm das passieren konnte.
Manches erklärt sich aus der Persönlichkeit des Managers. Müller ist ein geradliniger, mitunter knorriger Typ, der seine Meinung nicht versteckt. Während seiner Karriere im VW-Konzern erlaubte er sich mehr Widerspruch gegenüber Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und VW-Chef Winterkorn als ein Dutzend anderer Führungskräfte zusammen. Müller nahm im VW-Management, in dem sonst Geschmeidigkeit die wichtigste Tugend war, eine Sonderrolle ein.
Neben seinem Erfolg als Porsche-Chef war es gerade diese Eigenständigkeit, die Müller in den Augen vieler Aufsichtsräte für den Job an der Konzernspitze qualifizierte. Müller sollte eine neue Führungskultur einführen, und er versprach: "Ich will, dass wir offen diskutieren, wenn nötig auch streiten."
Dass der VW-Konzern jahrelang gegen Gesetze verstoßen und seine Kunden betrogen hat, soll ihn maßlos ärgern, sagen Vertraute. Doch zugleich hält er gern dagegen, wenn er der Ansicht ist, der Konzern werde mit ungerechtfertigten oder übertriebenen Vorwürfen überzogen. "So ist er halt, der Müller", sagt ein Mitarbeiter. Und darin liegt das Problem.
Seine Haltung gegenüber den US-Behörden beschrieb Müller frühzeitig so: Entschuldigen werde er sich, aber "dass ich auf die Knie falle, glaube ich nicht". Doch ob es ihn schmerzt oder nicht, in den USA ist derlei Demut nötig, wenn ein Unternehmen jahrelang gegen Gesetze verstoßen hat. Flapsige Sprüche und zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein sind unangebracht. Beispielsweise jene Erklärung Müllers für das schlechte Verhältnis des Konzerns zur amerikanischen Umweltschutzbehörde. Das sei halt wie in einer Beziehung, "wenn sich zwei nicht vertragen, liegt es meistens an beiden". Als trüge in diesem Fall nicht der VW-Konzern allein die Verantwortung.
Als die US-Umweltbehörde dem Unternehmen vorwarf, auch Dreiliterdieselmotoren würden eine verbotene Software enthalten, hätte die Antwort aus Wolfsburg nur lauten dürfen: Man werde die Vorwürfe prüfen. Doch weil die Techniker dem VW-Chef versicherten, es sei nichts Verbotenes an den Motoren, ließ Müller dementieren. Im Umkehrschluss enthielt sein Statement den Vorwurf, die US-Behörden hätten nicht sauber gearbeitet. Das war schlimm genug. Richtiggehend peinlich für VW wurde es, als der Konzern eingestehen musste, dass in diesen Motoren eben doch eine verbotene Steuerung enthalten ist.
Als Müller diese Woche in die USA reiste, um Abbitte zu leisten, hofften die VW-Aufsichtsräte, dass Müller seine Lektion gelernt hätte. Doch dann kam das Radio-interview in Detroit.
Nun versuchen Müllers Mitarbeiter, das fatale Verhalten ihres Chefs irgendwie zu entschuldigen. Er sei bedrängt gewesen von einem Dutzend Journalisten, er habe die Fragen nicht richtig verstanden, seine Berater hätten ihn gar nicht in diese Situation kommen lassen dürfen.
Die Vertreter der größten VW-Aktionäre, Wolfgang Porsche und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, sind entsetzt, aber auch ratlos. Müllers Fehler sind für sie kein Anlass, über dessen Ablösung zu diskutieren. Zum einen bringt der neue VW-Chef den Umbau des Konzerns voran. Unter ihm erhalten einzelne Marken wie Audi und Porsche und Absatzregionen wie China und Nordamerika mehr Freiraum. Es wird nicht mehr alles in Wolfsburg entschieden. Das halten die Kontrolleure dem Neuen zugute. Und vor allem sehen sie zu ihm derzeit keine Alternative.
Müller wird VW-Chef bleiben. Viele Fehler aber kann er sich nicht mehr erlauben.
Von Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 3/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Skandale:
Demut? Wieso Demut?

  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris