16.01.2016

TerrorIns Herz Europas

Der Anschlag auf eine deutsche Reisegruppe, mitten in Istanbul, zielte auf die Stabilität der Türkei und die Selbstgewissheit des Westens. Kann Präsident Erdoğan den IS stoppen – und will er das auch?
Als Robert H. Minuten nach der Explosion wieder zu sich kommt, jagt ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: Weg hier! Seine Ohren pfeifen, sein Kopf dröhnt. Er hält inne. Wo ist seine Frau? Er blickt sich um. Er sieht Leichenteile, abgetrennte Beine, einen Kopf. Menschen schreien um Hilfe. Anke H. liegt am Boden, sie blutet und stammelt: Ich bekomme keine Luft. Robert H. verbindet die Wunde an ihrem Bein mit einem Stofffetzen.
Am Mittwochmorgen liegen die beiden in einem Krankenzimmer in der Çapa-Klinik in Istanbul. Robert H. ist 61 Jahre alt, ein Frührentner aus Franken, seine Frau Anke ist 52. Er hat Schrammen im Gesicht, sein Bein ist verbunden, und im Kopf hat er diese Bilder, die er nicht mehr loswird. "Der Platz war ein Schlachtfeld", sagt er.
Zehn Deutsche sind bei dem Attentat in Istanbul gestorben, so der Stand am Donnerstagabend. Weitere acht Deutsche wurden verletzt, zum Teil schwer. Zu den Toten zählen ein 75-jähriger Dresdner und sein Sohn, ein Immobilienberater, 73, aus Bad Kreuznach, ein Unternehmer, 67, aus Hessen.
Es ist darunter ein Ehepaar aus dem brandenburgischen Falkensee, 71 und 73 Jahre alt. "Reisen war ihre Leidenschaft", sagte die Schwiegertochter danach, das Paar fuhr gern in islamische Länder, selbst nach den Anschlägen in Tunesien und Ägypten. Es starb ebenfalls eine 70-jährige studierte Grundschullehrerin aus Leipzig, die nach den Pariser Anschlägen ihr Profilbild auf Facebook in den Farben der französischen Nationalflagge einfärbte. Auch sie liebte das Reisen und postete Bilder von sich im Urlaub in Amerika, meist lacht sie in die Kamera.
Fast alle waren Rentner, sie kamen aus allen Ecken der Republik, 33 Menschen, unterwegs mit dem Reiseveranstalter "Lebenslust". Menschen, die den Orient erleben wollten, wie sie ihn sich wohl erträumten, Istanbul, Dubai, Abu Dhabi in zehn Tagen, mit Moscheen, Basaren und Kamelen. Und dann diese Bombe, am Dienstag um 10.20 Uhr, zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee, im Herzen des Altstadtviertels Sultanahmet. Dort, wo Europa und Asien, wo Christentum und Islam aufeinanderstoßen, türkische Vergangenheit und touristische Moderne. Anlaufpunkt für Millionen Besucher, Pflichtmotiv für Selfies und Postkarten. Mehr Symbolik geht nicht.
Der Anschlag trifft die Türkei dreifach: Er blamiert den nahezu allmächtigen Staatsapparat, dem es wieder einmal nicht gelungen ist, ein Blutbad im Zentrum einer türkischen Großstadt zu verhindern. Er schadet dem Tourismus, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige. Und er trifft Istanbul, diese Megametropole mit 14 Millionen Einwohnern und 10 Millionen Besuchern im Jahr. Ankara mag die Hauptstadt sein, aber Istanbul ist das kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herz des Landes, Beweis dafür, dass beides zusammenpassen kann, Islam und Moderne.
"Dieser Tag wird unser Land verändern", sagte danach Ayşe Danışoğlu, Abgeordnete der Republikanischen Volkspartei (CHP). Das Attentat sei die "Stunde null" der türkischen Antiterrorpolitik.
Es war ja nicht das erste Mal, dass das Land vom Terror getroffen wurde.
20. Juli 2015: 34 Tote in Suruç, getötet bei einem Sprengstoffanschlag, vermutlich ausgeführt vom "Islamischen Staat" (IS).
10. Oktober 2015: 102 Tote in Ankara, getötet von zwei Selbstmordattentätern, auch diesmal kein Bekennerschreiben, auch diesmal aber der Verdacht: der IS. Und nun dieser blutige 12. Januar. Weniger Opfer zwar, aber die Erschütterung dürfte lange nachwirken. Denn die Botschaft der Terroristen ist eindeutig: Wir können überall zuschlagen. Zu jeder Zeit.
Bis Redaktionsschluss war offen, ob es wieder der IS war, der den Anschlag verübte, aber alle Anzeichen sprechen dafür. Nabil Fadli soll der Selbstmordattentäter heißen, geboren 1988 in Saudi-Arabien, am 5. Januar in Istanbul als Flüchtling registriert. So haben es die türkischen Behörden bekannt gegeben. Identifiziert wurde der Attentäter angeblich anhand eines Fingerabdrucks. Angeblich, das muss man sagen, weil weder die türkischen Behörden noch andere Dienste weiterführende Informationen geliefert haben.
"Belastbare Erkenntnisse liegen hierzu bislang nicht vor", heißt es in einer internen Analyse der Behörden. Dass der Anschlag dem IS zuzuschreiben sei, ließe sich allenfalls aus dem Modus Operandi ableiten und aus der Herkunft des Täters.
Die türkische Reiseleiterin soll laut einem Polizeiprotokoll kurz zuvor ein "Klickgeräusch" gehört haben. Sie sah einen fremden Mann in der Gruppe, mit Kinnbart und westlicher Kleidung, ein Türke, soll sie gedacht haben. Sie schrie auf Deutsch: "Lauft weg!" Dann knallte es.
Vielleicht braucht es mehr Klarheit aber auch gar nicht, um diese verstörende Botschaft in die Welt zu senden: dass kein Land, kein Ort sicher ist, an dem Europäer Urlaub machen. Dass es egal ist, wer getroffen wird, denn für die Terroristen ist jeder ein Feind und damit ein Ziel. Auch Rentner aus Deutschland.
Unklar ist bislang, ob der Anschlag gezielt Deutschen galt, als Rache für die Beteiligung der Bundeswehr am Militäreinsatz gegen den IS. Erst seit wenigen Tagen starten "Tornado"-Aufklärer von der türkischen Militärbasis Incirlik nach Syrien.
Doch Innenminister Thomas de Maizière bemühte sich umgehend, Bedenken zu zerstreuen. "Ich sehe keinen Grund, von Reisen in die Türkei abzusehen", sagte er. Der deutsche Sicherheitsapparat sieht das deutlich skeptischer. "Wer sagt, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass Deutsche im Visier des Anschlags standen, der sollte auch so ehrlich sein und sagen, dass es keinerlei Erkenntnisse gibt, dass es nicht so war", sagt ein hochrangiger Regierungsbeamter.
De Maizières Worte sind daher wohl eher der Versuch, die Deutschen zu beruhigen und den Türken entgegenzukommen. Denn die Bundesregierung ist auf deren Wohlwollen angewiesen wie selten zuvor, ohne ihre Hilfe ist die Flüchtlingskrise nicht zu lösen. Die EU hat Ankara unter anderem drei Milliarden Euro und Visaerleichterungen in Aussicht gestellt, damit es die Flüchtlinge von der Reise nach Europa abhält. Das Kanzleramt versagt sich zudem seit Wochen Kritik sowohl an autoritären Tendenzen wie an Kurdenpolitik und Terrorbekämpfung.
In Berlin hofft man nun auf die heilende Schockwirkung des Anschlags: darauf nämlich, dass er die Spaltung der türkischen Gesellschaft kittet. Und dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan sich jetzt ganz auf die Bekämpfung des IS verlegt, nachdem nicht mehr nur Kurden, sondern auch deutsche Touristen sterben. Vielleicht ist das ein bisschen viel Hoffnung auf einmal. Von Einsicht war jedenfalls zunächst wenig zu spüren. Die Regierung stellte den Anschlag in Istanbul als Komplott dar. "Geheime Mächte" hätten den IS als "Subunternehmer" benutzt, sagte Premier Ahmet Davutoğlu. Die staatsnahe Boulevardzeitung "Star" warf Russland vor, das Attentat orchestriert zu haben. Wie nach dem Anschlag in Ankara versucht die Regierung auch jetzt, durch Verschwörungstheorien von eigenen Fehlern abzulenken.
Denn die Türkei hat die Gefahr durch islamistische Extremisten lange Zeit unterschätzt und ihren Aufstieg damit gefördert. Mit Beginn des Aufstands im Nachbarland hoffte Erdoğan, endlich den Herrscher Baschar al-Assad stürzen zu können – mithilfe syrischer Fundamentalisten. Ignoriert, vielleicht gar bewusst in Kauf genommen wurde, wen man da genau unterstützte. Und dass der IS immer stärker wurde.
Während Jordaniens Sicherheitsapparat Ausländer an der Weiterreise nach Syrien hinderte und damit für die Dschihadisten unattraktiv wurde, hieß die Türkei sie geradezu willkommen. Weder wurden die Dschihadisten aus Tunesien, Saudi-Arabien, aus dem Kaukasus und Westeuropa aufgehalten, noch wurden sie an der Weiterreise ins Kriegsgebiet gehindert. Dabei waren sie nicht zu übersehen, etwa am Flughafen von Hatay in der Südtürkei, wo bärtige Männer im Kriegs-Outfit und mit Lehm an den Turnschuhen für ihre Heimatflüge eincheckten.
Jahrelang konnte der IS in der Türkei Wohnungen, Warenlager und sogar militärische Trainingscamps unterhalten. Über die Türkei organisierte die Gruppe auch ihren Nachschub an Waffen, Munition, Lebensmitteln und Medikamenten, in türkischen Krankenhäusern entlang der Grenze ließen sich Kämpfer behandeln. Dubiose Firmen stellten Arbeitsbescheinigungen aus, mit denen ausländische Dschihadisten mühelos eine einjährige Aufenthaltsgenehmigung erhielten.
IS-Kader konnten nahezu ungestört Anhänger rekrutieren; Hinweise von türkischen Eltern, deren Kinder sich den Extremisten angeschlossen hatten, wurden von den Behörden ignoriert. Noch 2014 warb die Terrormiliz in Istanbul, Ankara und anderen Städten ungeniert um Nachwuchs. Junge Männer und Frauen aus aller Welt, die sich dem Dschihad anschließen wollten, mussten nur die Teehäuser in der Umgebung einschlägiger Moscheen aufsuchen. Geschäfte verkauften offen IS-Devotionalien wie Banner, Aufkleber und Fahnen.
Zwar schlug ab 2014 dieses Laisser-faire langsam in Sorge um, aber da war es schon zu spät. Inzwischen waren so viele IS-Unterstützer und Kämpfer in der Türkei aktiv, dass sie als Bedrohung für die innere Sicherheit angesehen wurden. Statt gegen sie vorzugehen, entschloss man sich offenbar, keinen Druck auf sie auszuüben, um nicht selbst ins Fadenkreuz zu geraten.
Ein inoffizieller Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT sagte Mitte 2014 erstaunt, er habe die Beamten noch nie so nervös erlebt. "Die haben wirklich Angst vor dem IS, weil sie wissen, dass deren Zellen überall im Land sitzen und Anschläge verüben könnten." Was sie zunächst nicht taten, um ihren Brückenkopf in den Rest der Welt nicht zu gefährden.
Das änderte sich im Sommer mit dem Anschlag von Suruç, mutmaßlich vom IS verübt, wohl um den Konflikt zwischen Kurden und Türken zu schüren. Denn die Kurden sind in Syrien und im Irak der größte, weil stärkste Feind der Terrormiliz.
Der Schock über die 34 Toten, dazu Druck aus den USA und Europa sowie die negativen Schlagzeilen über ihren laxen Anti-IS-Kampf sorgten dafür, dass die Türken verstärkt gegen die Dschihadisten vorgingen. Kontrollen an Grenzen und Flughäfen wurden verschärft, Verdächtige festgenommen, laut dem Thinktank Crisis Group mehr als 400 im Jahr 2015.
Nach anfänglichem Zögern trat Ankara im Sommer der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz bei und stellte den Amerikanern Militärbasen zur Verfügung. Spätestens seitdem betrachtet der IS die Türkei als Feind. In einem Video wurde Erdoğan als "Teufel" beschimpft und zur "Eroberung Istanbuls" aufgerufen.
In jüngster Zeit warnte der IS in türkischsprachigen Videos vor einem Anschlag. Auch die Zeitung "Hürriyet" berichtete über zwei Hinweise, die der Geheimdienst MIT am 17. Dezember 2015 und am 4. Januar 2016 weitergegeben haben soll. Darin heißt es, man gehe davon aus, dass Selbstmordattentäter in Ankara und Istanbul auf ihren Einsatz warteten. An Silvester wurden zwei Türken verhaftet, die kurz davor gestanden haben sollen, ein Attentat in der Hauptstadt verüben zu wollen.
Während die bisherigen Anschläge auf Kurden zielten, deute das jüngste Attentat auf einen Strategiewechsel hin, glaubt der Washingtoner Türkeiexperte Aaron Stein. Der IS wolle dem Land nun wirtschaftlich schaden, indem er Touristen angreife.
Auch der Terrorforscher Peter Neumann vom Londoner King's College geht davon aus, dass der Istanbuler Attentäter zum IS gehörte – und dass er nicht allein handelte. Er kenne keinen Fall, so Neumann, in dem jemand auf eigene Faust eine Sprengstoffweste gebaut und erfolgreich eingesetzt habe. Zudem würden IS-Anhänger die Tat in den sozialen Medien bejubeln, habe die Gruppe in der Türkei noch immer eine hervorragende Infrastruktur.
Denn selbst wenn die Türkei nun intensiver gegen den IS vorgeht, ist er bei Weitem nicht geschlagen. Erst kürzlich ermordete die Terrormiliz in Şanliurfa zwei syrische Journalisten; in Gaziantep wurde ein syrischer Dokumentarfilmer vor einem Einkaufszentrum erschossen.
Auch die von der türkischen Regierung in Umlauf gebrachten Zahlen von über 3000 Verhaftungen im Zusammenhang mit Anti-IS-Operationen sollten kritisch hinterfragt werden, warnt ein deutscher Geheimdienstler. Nur wenige der Festgenommenen stünden unter Arrest, der Großteil werde schnell auf freien Fuß gesetzt.
Eine ambivalente Rolle im Antiterrorkampf spielt vor allem der Geheimdienst MIT. Einiges deutet darauf hin, dass er mit dem IS zumindest in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben könnte. Eine Waffenlieferung vom Januar 2014 erweckt zudem den Verdacht, dass der MIT syrische Extremisten aktiv unterstützt.
Damals informierte ein Hinweisgeber die türkischen Sicherheitskräfte über Waffenlieferungen nach Syrien. Ein Staatsanwalt ließ den Konvoi durchsuchen – der von Angehörigen des türkischen Geheimdienstes MIT begleitet wurde. Die türkische Regierung verhängte eine Nachrichtensperre und sprach von "Hilfslieferungen" für Turkmenen im Nordwesten von Syrien. Laut Videoaufnahmen handelte es sich jedoch um Kriegsmaterial. Regierungskritiker behaupten, es sei für den IS gewesen; Beweise dafür gibt es nicht.
Das bringt die westlichen Sicherheitsdienste in eine schwierige Lage: Können sie den Türken trauen?
Europäische Diplomaten in der Türkei nehmen Erkenntnisse des MIT über potenzielle IS-Terroristen auf jeden Fall ernst. So soll es konkrete Informationen über mögliche Attentäter geben, die auf dem Weg nach Europa seien oder sich dort befinden. Die Türken unterhielten ein "nicht zu unterschätzendes Netzwerk an Informanten in Syrien und im Irak", sagt ein mit Sicherheitsfragen befasster Diplomat. Kaum ein anderer Nachrichtendienst habe eine so gute Quellenlage in der Region. Tatsache sei, dass die Regierung ihre Anstrengungen, den IS zu bekämpfen, in den vergangenen sechs Monaten "wahrnehmbar erhöht" habe. Gleichwohl aber habe man Zweifel an ihrer politischen Agenda.
"Es bleibt immer ein Restrisiko, ob Ankara wirklich aufrichtig an einer Bekämpfung des IS interessiert ist – oder ob es nicht doch heimliche Sympathien gibt, sei es, weil man damit Syriens Machthaber Assad schwächen will, oder weil man aus religiösen Gründen eine Nähe zu den Glaubensbrüdern empfindet."
Andere Experten ziehen den wenig schmeichelhaften Vergleich mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI. Auch bei diesem wisse man nie, auf welcher Seite er nun eigentlich stehe, ob er die Taliban bekämpfe oder fördere. Oder beides zugleich.
Problematisch ist laut dem europäischen Diplomaten zudem, dass der MIT 2014 erweiterte Kompetenzen erhalten habe, sodass er nun auch als "innenpolitisches Instrument" benutzt werden könne. So habe der Geheimdienst seither viel größeren Zugriff auf Daten von Unternehmen, Banken und deren Kunden. "Damit wird all jenen, die der Regierung unlieb sind, das Leben schwer gemacht", sagt der Diplomat. Außerdem sei in diesem Zusammenhang die Pressefreiheit weiter eingeschränkt worden: Journalisten, die über Aktivitäten des Geheimdienstes berichteten, könnten mit Verweis auf eine Gefährdung der Sicherheit mit hohen Haftstrafen belegt werden.
Zu alldem kommt, dass die Türkei wohl schlicht überfordert ist. Im Südosten führt die Armee einen fast schon bürgerkriegsähnlichen Kampf gegen kurdische Oppositionelle sowie die verbotene Arbeiterpartei PKK, die mehrfach Sicherheitskräfte angriff und tötete. Das Land hat Millionen Flüchtlinge aufgenommen; es beteiligt sich an der internationalen Allianz gegen den IS; es muss die 900 Kilometer lange Grenze zu Syrien kontrollieren und noch dazu Hunderte, vielleicht Tausende Dschihadisten im eigenen Land beobachten. Klänge es nicht so zynisch, man könnte fast sagen: Es kam, wie es kommen musste. Und wer wollte, konnte das schon seit Langem erkennen.
Bereits vor über einem Jahr prognostizierte der Politologe Behlül Özkan von der Istanbuler Marmara-Universität ziemlich präzise die Gefahr, sollte die gedeihliche Koexistenz kippen: "Ein paar Touristen sterben, und das war es mit dem Tourismus, der einer unserer wichtigsten ökonomischen Pfeiler ist." Wobei er damals noch von einer einzigen Bombe in einem Hotel an der Mittelmeerküste ausging. Jetzt, im Winter, war Istanbuls historisches Zentrum offenbar der geeignetere Ort, ausländische Touristen zu treffen.
Die Türkei ist vom Tourismus abhängig, knapp 31 Milliarden Dollar nahm die Branche im Jahr 2015 ein, die meisten Reisenden stammten aus Russland und Deutschland. Sollten die Urlauber das Land künftig meiden, würde darunter nicht nur die Tourismusbranche leiden, sondern die ohnehin schon angeschlagene türkische Wirtschaft ins Wanken geraten.
Daher tun die Türken nun alles, um Stärke zu demonstrieren: Sie beschossen mit Panzern und Artillerie Dutzende IS-Stellungen in Syrien und im Irak, nahmen im ganzen Land 74 mutmaßliche IS-Mitglieder fest. Aber ein schneller Erfolg gegen die Terrormiliz ist unwahrscheinlich. Bereits nach dem Anschlag in Ankara hatten Sicherheitskräfte Razzien gegen IS-Anhänger durchgeführt. Der Staat konnte die Operationen der Gruppe zwar stören, ihre Strukturen zerschlug er nicht. "Nach Jahren, in denen der IS in der Türkei ungehindert ein Netzwerk aufbauen konnte, wird die Konfrontation nun langwierig und schwierig", prophezeit Türkeiexperte Stein.
Der Anschlag von Istanbul könnte auch die Flüchtlingspolitik beeinflussen – und damit enorme politische Folgen für Deutschland haben. Erst vor wenigen Tagen hatte Ankara angekündigt, einem Teil der seit 2011 ins Land gekommenen 2,2 Millionen syrischen Flüchtlinge Arbeitsvisa auszuhändigen. Das würde deren Lebensbedingungen in der Türkei verbessern, vermutlich würden sich weniger Syrer in Richtung Deutschland aufmachen. Nun stellen einige Regierungspolitiker das bereits infrage.
Restriktionen und Ressentiments gegen die Flüchtlinge in der Türkei könnten jedoch die Abwanderung nach Europa weiter befeuern. Und die türkische Regierung wäre wohl noch weniger gewillt, sie davon abzuhalten, nach Griechenland überzusetzen. So wird die deutsche Bundesregierung in Zukunft wohl umso enger mit Erdoğan kooperieren – und öfter beide Augen zudrücken, wenn es um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit geht.
In den vergangenen Wochen starben wieder mehr als hundert Zivilisten im Südosten des Landes, in vielen Städten wurden Ausgangssperren verhängt, Zehntausende Kurden vertrieben. Die erneute Eskalation in diesem jahrzehntelangen Konflikt hat die Polarisierung verschärft – und diese nutzt wiederum den Dschihadisten, die genau wissen, wie sie Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielen und die Wut der Unterdrückten und Zukurzgekommenen instrumentalisieren können.
Leider sieht es ganz so aus, als würde Erdoğan ihnen genau diesen Gefallen tun.
Nach dem Anschlag in Istanbul am Dienstag hielt der Präsident eine Rede vor türkischen Diplomaten. Er wetterte eine halbe Stunde lang gegen Wissenschaftler, die einen Aufruf zum Frieden im Südosten der Türkei unterzeichnet hatten, er wetterte gegen die PKK, gegen die Opposition.
Das Attentat von Istanbul war Erdoğan gerade mal eine knappe Minute wert.
Von Maik Baumgärtner, Jörg Diehl, Hasnain Kazim, Martin Knobbe, Juliane von Mittelstaedt, Maximilian Popp, Christoph Reuter, Sven Röbel, Fidelius Schmid, Charlotte Schmitz, Christoph Schult und Antje Windmann

DER SPIEGEL 3/2016
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