16.01.2016

USAZoltans Kampf

Es gibt Donald Trump und Hillary Clinton, aber auch Zoltan Istvan will Präsident werden. Er reist in einem großen Sarg durchs Land und kämpft für das ewige Leben.
Der Himmel ist düster, und es schüttet aus Kübeln, als der Wahlkampfbus von Zoltan Istvan den "Forest Hill"-Friedhof in Memphis, Tennessee, erreicht. Das Gelände ist riesig, glücklicherweise dürfen Besucher es befahren. Der Bus schiebt sich vorbei an Mausoleen, Grabsteinen und Denkmälern. "Eine perfekte Kulisse", sagt Istvan.
Auf dem höchsten Punkt steigen Istvan und seine Leute aus. Sie blicken über die Ebene, als wären sie auf einem anderen Planeten. Ein Helfer stellt die Kamera auf, der Chef posiert neben einem Kreuz. "Der Tod ist etwas Schreckliches", beginnt er seine Videobotschaft, "lasst uns gemeinsam den Weg in die Unsterblichkeit gehen."
Seit Monaten reist Zoltan Istvan jetzt schon durch die USA. Es ist Wahlkampf, und im Schatten von Trump und Clinton gibt es eine Reihe von Präsidentschaftskandidaten, die für Splitterparteien antreten oder mit außergewöhnlichen Themen das Weiße Haus erobern wollen. Die einen wünschen sich die Prohibition zurück, die anderen den Sozialismus der DDR. Zoltan Istvan kämpft für das ewige Leben.
Er ist jetzt 42 Jahre alt, hat an der Columbia University Philosophie studiert und war für "National Geographic" als Kriegsreporter unterwegs. Nachdem er vor einigen Jahren in Vietnam nur Zentimeter neben eine Landmine getreten war, widmete er sich dem Vorhaben, niemals zu sterben. Istvan ist ein sogenannter Transhumanist. Dahinter verbirgt sich der Glaube, dass die moderne Technik den Menschen mit der Zeit zu einem perfekten Maschinenwesen machen könne.
In jener Zukunft, an die Istvan glaubt, verhindern WLAN-fähige Gehirnchips Krankheiten. Künstliche Organe verlangsamen den Verfall. Unsere Körper werden einem Roboter gleich.
Noch sind nicht alle Amerikaner von der Umsetzbarkeit dieser Ideen überzeugt. In Umfragen liegt Istvan bei rund null Prozent, auch die so wichtigen Geldgeber favorisieren andere Bewerber. Hätte Istvan vor 20 Jahren Wahlkampf gemacht, wäre er wohl ein Fall für die Psychiatrie gewesen. Aber in einer Zeit, in der das halbe Silicon Valley zur Zukunft der Menschheit forscht, stellt sich die Frage, wie verrückt seine Cyborg-Kampagne wirklich ist.
Vor einigen Wochen steht Istvan mit seinem "Unsterblichkeitsbus" vor einem Starbucks-Café in Birmingham, Alabama. Der Bus ist das Markenzeichen seiner Kampagne, es ist ein alter Camper, auf den er einen riesigen Holzdeckel samt Blumengesteck geschraubt hat. Der rollende Sarg soll die Menschen mit dem Tod konfrontieren und ihnen Istvans These nahebringen, dass es diesen Tod besser zu überwinden gilt.
Ein junger Armeeveteran kommt vorbei, Istvan spult sein Programm ab: Amerika setze die falschen Prioritäten. Mit den Milliarden, die das Land in Kriegen verpulvere, wolle er nach Überlebenshilfen forschen lassen. Prothesen, Implantate, und "denken Sie mal an ein künstliches Herz", sagt Istvan. "Wir könnten es einfach darauf programmieren, einen Marathon zu laufen. Oder total verrückten Sex zu haben."
"Klingt gut", sagt der Veteran. "Ich hatte neulich so einen Iron-Man-Anzug wie im Film an, vollautomatisch, mit Jetantrieb und allem. Er war aber leider so schwer, dass ich nicht mal laufen konnte."
Es ist ein mühsamer Wahlkampf, den Istvan führt. Manchmal ist er auf Veranstaltungen eingeladen, bei denen die Lebensverlängerer über die neuesten Technologien diskutieren. Manchmal skypt er mit Futuristen. Meistens fährt er in seinem Bus einfach nur herum. Es ist kein Wagnis zu prophezeien, dass er im Rennen um die Präsidentschaft keine Rolle spielt. Eines aber legt seine Kampagne offen: Die etablierten Parteien kümmern sich nicht um Leben und Tod. Die große Frage, bis zu welchem Punkt wir das Sterben hinauszögern können und wollen, kommt bei ihnen nicht vor. Aber sie treibt viele Amerikaner um.
Ein Abend im Dezember, Istvan ist zu Gast in Hollywood, Südflorida. Bill Falloon hat ihn eingeladen. Falloon war angeblich mal Arzt, vor zwei Jahren gründete er die "Kirche des immerwährenden Lebens". Falloon ist Mitte fünfzig, seine Haut ist glatt, sein Körper drahtig. Er trägt Nadelstreifen und Goldkrawatte. "Unsterblichkeit wird irgendwann möglich sein", sagt Falloon. "Die Frage ist nur, ob es noch zu unseren Lebzeiten passiert."
Istvan ist der Stargast des Abends, etwa 80 Menschen sind gekommen. Überwiegend alt, überwiegend Frauen, ein paar Russen, ein paar Asiaten. Manche sehen operiert aus, alle teilen den Wunsch, auf keinen Fall sterben zu wollen. "Viele glauben, dass wir für immer ein Stück Fleisch bleiben", ruft Istvan. "Aber die Zukunft kann verrückt werden. Wer weiß, vielleicht leben wir in 10 oder 20 Jahren in Servern und können uns hochladen." Seine Fans jubeln.
Nach ihm kommt Falloon. "Wer von euch nimmt Metformin?", ruft er in die Runde. Kaum jemand meldet sich.
"Wie – nur fünf Leute?", fragt er entsetzt. Falloon hält das Antidiabetikum für eine gute Übergangslösung, um das Leben zumindest ein Stück zu verlängern, solange der Tod noch nicht abgeschafft ist. Ein Herr meldet sich und sagt, bei ihm sei der Vitaminspiegel abgestürzt, nachdem er das Medikament genommen habe.
"Ach, kommt", sagt Falloon. "Eine Pille pro Tag ist wirklich nicht so dramatisch. Klar, euer Arzt muss zustimmen. Aber wenn er das nicht macht, könnt ihr euch das Zeug auch aus Übersee besorgen." Der Präsidentschaftskandidat huscht zum Buffet, es gibt Lachs und viel Alkohol.
Istvan weiß, dass sein Thema viele Nerds anzieht, Leute, die sich nicht damit abfinden wollen, dass das Leben vergänglich ist. Die an Botox glauben, Zaubersirup trinken und sich zum Einfrieren anmelden. Das Streben nach Unsterblichkeit hat durchaus verzweifelte Züge.
Ökonomen und Wissenschaftler diskutieren inzwischen ernsthafter als je zuvor, wie Körper und Gesundheit optimiert werden können und ob sich Computer in absehbarer Zeit zu menschenähnlichen Kreaturen programmieren lassen. Google hat in den vergangenen Jahren sieben Unternehmen gekauft, die sich mit der Entwicklung von Robotern und künstlicher Intelligenz beschäftigen. Universitäten haben Fachbereiche zur Zukunftsforschung geschaffen.
Das Buch "Superintelligenz" des Oxford-Philosophen Nick Bostrom brachte es vor Kurzem bis auf die Bestsellerlisten in den USA. Bostrom hält die Entwicklung künstlicher Intelligenz für unausweichlich, aber zugleich auch für eine beispiellose Gefahr für die Menschheit. Er fürchtet, dass die so geschaffenen Wesen irgendwann nicht nur intelligenter als ihre Erfinder werden, sondern sich auch zum Ziel setzen könnten, diese auszulöschen.
Istvan will es sich mit keiner dieser Gruppen verderben, er braucht ja jede Wählerstimme. Er kann sowohl über Nietzsche, die Theorie des Übermenschen wie über Sozialpolitik sprechen. Aber er fantasiert auch gern, geht zu Kongressen von sogenannten Biohackern und lässt sich einen Chip unter die Haut pflanzen, der angeblich schon bald sein Auto starten soll. Neulich erzählte ihm seine Frau, dass die Tochter nach Klavierunterricht gefragt habe. "Ich wollte eigentlich erwidern: Lass uns ein paar Jahre warten, bis es einen Chip gibt, der uns Klavierspielen einfach beibringt." Aber er hat das dann nicht gesagt.
Wahlkampfvideos stellt Istvan auf seine Homepage oder postet sie bei YouTube. Für die "Huffington Post" und das Online-Magazin "Vice" schreibt er regelmäßig Artikel zu futuristischen Themen. Könnten Gehirnimplantate Vergewaltigungen aufzeichnen? Geht man fremd, wenn man in der virtuellen Welt eine Affäre hat? Es ist Lektüre für Freaks. "Manchmal schreibe ich einen Text, ohne wirklich etwas zu sagen zu haben. Aber ich muss dafür sorgen, dass die Google-Algorithmen meine Sätze und Thesen aufnehmen", sagt er.
Der Bus rattert über den Highway in Alabama. Der Tacho zeigt 48 Meilen pro Stunde, Istvan ist bestens gelaunt. Der Sender Showtime hat gerade angerufen. Man will aus seiner Wahlkampfreise eine Reality-Show machen, ein paar Wochen mit dem Bus durch Manhattan. Mit ihm und Jethro, seinem Roboter. Der ist für Istvan der Beleg, dass die Menschheit auf dem Weg ins Maschinenzeitalter mit der richtigen Geschwindigkeit vorankommt. Istvan will den Roboter jetzt vorführen.
"Zeig Karate", befiehlt Istvan ihm. "Für das Hauptmenü drücken Sie die Command-Taste", erwidert Jethro.
"Karate", wiederholt Istvan. "Wenn Probleme auftreten, besuchen Sie bitte unsere Website", sagt Jethro.
Istvan wird unruhig. "Was ist los, Bruder? Tanz mal!"
Jethro rührt sich nicht.
Von Veit Medick

DER SPIEGEL 3/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
Zoltans Kampf

  • Zweiter Weltkrieg im Pazifik: Tiefseeforscher finden Wrack aus der Schlacht von Midway
  • Nordsyrien: US-Konvoi bei Abzug mit Kartoffeln beworfen
  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"