16.01.2016

SyrienAusgezehrt

Das Regime hat Hunderttausende Menschen im ganzen Land eingekesselt und von jeder Versorgung abgeschnitten. Steht das große Hungern bevor?
Vielleicht waren sie arm. Vielleicht waren sie trotz allem immer noch zu optimistisch. Oder vielleicht auch einfach schon zu schwach, um zu fliehen. Man kann den Vater und seinen Sohn nicht mehr fragen. Sie verhungerten am 7. oder 8. Januar. Die Mutter und ihre Tochter lagen tagelang in der Behelfsklinik von Madaja im Koma, bewusstlos wegen Unterernährung. Am Montag wurden sie vorerst gerettet, als der erste Konvoi seit knapp drei Monaten Nahrungsmittel in die Kleinstadt brachte, in diesen einst so idyllischen Bergort nordwestlich von Damaskus. Vielleicht werden Mutter und Tochter überleben. Vielleicht aber werden sie in einigen Monaten doch noch verhungern.
Es brauchte erst die Bilder der Toten und Halbverhungerten von Madaja, damit der Hilfskonvoi passieren durfte. Für wenige Wochen ist das Überleben der etwa 40 000 Eingeschlossenen gesichert, aber an der Belagerung hat sich nichts geändert. Es wird weiter auf Fliehende geschossen, es werden weiter Menschen auf Landminen treten beim Versuch zu entkommen. Madaja ist und bleibt eine Todesfalle – und das Aushungern eine der brutalsten Waffen des Regimes von Baschar al-Assad.
Drei Jahre lang befand sich die Stadt in einem eigentümlichen Schwebezustand: nicht Frieden, nicht Krieg, Folge eines stillen Nichtangriffspaktes. Denn als Anfang 2012 die Kämpfe im nahen Kurort Sabadani in voller Heftigkeit ausbrachen, fürchteten die Bewohner der umliegenden Orte die Zerstörung – und begehrten nicht gegen das Regime auf. Gleichzeitig hatte die Armee nicht genügend Soldaten, um alle Städte einzukesseln. Solange also die Bewohner von Madaja nicht zur offenen Revolte übergingen, griffen die Armee, die Hisbollah und andere Milizen des Regimes nicht an. So wurde Madaja zum Fluchtort, die Zahl der Bewohner verdoppelte sich nahezu.
Doch seit Moskau sich in den Syrien-krieg eingemischt hat und die russische Luftwaffe an manchen Orten oft mehrere Dutzend Angriffe pro Tag fliegt, ist Assads geschwächte Armee entlastet. Und so zog sie den Belagerungsring um die Region enger – und stellte deren Bewohner vor die Wahl: Tod durch Verhungern oder vollständige Unterwerfung und Vertreibung. Die Menschen aus Madaja und dem Nachbarort Bukain wurden zu Geiseln.
"Hunger ist schlimmer als das Bombardement", sagt Abu Khalil aus Bukain. "Bomben können einen verfehlen. Aber der Hunger trifft jeden, und er macht die Menschen wahnsinnig. Die jetzige Lieferung wird in drei Wochen verzehrt sein. Unsere Belagerung muss aufhören!"
Die großen Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz wussten seit Langem von der Lage in Madaja. In internen Berichten schilderten Uno-Experten die dramatische Situation: Man habe allein 2015 sechsmal beantragt, Nahrungsmittel nach Madaja zu bringen. Nur ein einziger Transport sei Mitte Oktober durchgelassen worden.
Es war ein schlechter Zeitpunkt für Madaja. Denn der Uno-Sonderbotschafter für Syrien, Staffan de Mistura, brauchte Erfolge, damit die internationalen Gespräche über eine Waffenruhe in Syrien ab dem 25. Januar wie geplant beginnen können. Zumindest Anzeichen von Kompromisswillen des Regimes waren nötig, um den viel beschworenen "politischen Prozess" nicht von vorneherein scheitern zu lassen. Die Hungernden passten da nicht ins Bild.
Es mussten erst 30 Menschen allein in Madaja verhungern, damit sich acht internationale Organisationen in einem gemeinsamen Statement an die Öffentlichkeit wandten: Einmalige Konvois würden hungernde Syrer nicht retten. Die Belagerungen müssten sofort aufhören. Die Uno schloss sich diesem Aufruf nicht an, obwohl der Sicherheitsrat selbst in mehreren Resolutionen bereits den "freien humanitären Zugang" in ganz Syrien gefordert hat.
15 Gebiete in ganz Syrien listet die Uno derzeit als belagert auf – 14 vom Regime, eines von Rebellen. Madaja ist noch nicht einmal dabei. In Wirklichkeit, so die Mitarbeiterin einer internationalen Hilfsorganisation, seien es viel mehr als 15. "Die Uno betrachtet eine Belagerung als beendet, wenn in der Gegend ein Verteilzentrum für Lebensmittel eingerichtet wurde", sagt sie. "Aber meist stehen diese Zentren unter Kontrolle der Armee und sind gar nicht erreichbar für die Menschen. Es liegen vielleicht nur zwei, drei Häuserblocks dazwischen – aber es wäre Selbstmord für sie, dorthin zu gehen. Also hungern sie weiter, nur eben nicht mehr offiziell."
Die Einkreisungen laufen stets nach dem gleichen Muster ab, so war es auch in Madaja: Erst werden Kontrollposten errichtet und Minengürtel gelegt. Die Bewohner dürfen Lebensmittel hereinbringen, aber nur so viel, wie sie an einem Tag essen können. Die Preise steigen, und die Menschen verzehren notgedrungen ihre Vorräte. Nach und nach wird der Würgegriff immer enger: Die Bewohner dürfen nichts mehr hereinbringen, und irgendwann dürfen sie auch nicht mehr hinaus. In Madaja war dieser Punkt im Juli erreicht. Selbst ihre Gärten dürfen die Bewohner seither nicht mehr betreten. Wer fliehen will oder Nahrungsmittel schmuggelt, wird erschossen.
Vor allem rund um Damaskus werden seit Wochen mehrere Städte und Gebiete auf ähnliche Weise schrittweise abgeriegelt. Muadhamija, ein südlicher Vorort von Damaskus, der schon 2013 neun Monate lang ausgehungert wurde, ist seit drei Wochen hermetisch abgeschlossen. Den etwa 45 000 Menschen dort droht der Hungertod.
"Es gibt jetzt schon kein Brot mehr, selbst der Preis für Wasser ist auf 30 Dollar für ein paar Hundert Liter gestiegen, weil es keinen Diesel für die Pumpen mehr gibt", berichtet ein Bewohner über Skype. Warum sie nicht geflohen seien? "Wohin denn? Wovon? Die Menschen haben hier ihre Häuser, ihre Äcker, Gärten, und sonst haben sie nichts mehr."
Am Ende der ersten Belagerung seien nur noch 3000, vielleicht 4000 Menschen in Muadhamija gewesen. Danach seien rund 40 000 zurückgekehrt: "Sie hatten die Hoffnung, dass der Waffenstillstand halten würde." Doch seit die Armee erstarkt sei, nutze sie die Zivilisten in Muadhamija als Geiseln, um Rebellen in einem benachbarten Vorort zur Aufgabe zu zwingen.
Auch in anderen Orten südlich von Damaskus, in Jalda, Babila und Beit Sahm, wird der Belagerungsgürtel in diesen Tagen immer enger, werden Babynahrung und Kochgas nur noch in winzigen Mengen durchgelassen. Allein südlich der Hauptstadt sind etwa 200 000 Menschen betroffen, in den nordöstlichen Vororten mehr als eine halbe Million. Die Menschen überleben nur, weil durch selbst gegrabene Tunnel ein Minimum an Lebensmitteln hereinkommt – und weil sie Ruinen, Gärten, Dächer und Balkone nutzen können, um Gemüse und Getreide anzubauen.
Nur ein einziges Gebiet hier konnte seine Abriegelung abwenden: Die Bewohner der Dörfer im Barada-Tal hatten gedroht, ansonsten die Quellen zu blockieren, die Damaskus mit Wasser versorgen.
Auch in der Provinz Homs werden Städte belagert, etwa Rastan und Talbisa. In der zerstörten Metropole Deir al-Sor im Osten beherrscht der "Islamische Staat" die Umgebung und die Armee das Stadtzentrum – aber sie nutzt den Flughafen nur zur Versorgung ihrer Soldaten. Die Bevölkerung hungert. Die niederländische Hilfsorganisation PAX schätzt, dass selbst nach den Uno-Kriterien hier 1,1 Millionen Menschen eingeschlossen sind und vor dem schleichenden Hungertod stehen.
Mit dem Auftakt der Verhandlungen und durch die russische Hilfe kann sich Assads Regime erheblich sicherer fühlen. Diese Position nutzt es nun offenbar, um eine politische Lösung des Konflikts wieder einmal im Vorfeld zu torpedieren. Es geht der Führung in Damaskus, wie schon seit 2011, nicht um Kompromisse, sondern um den absoluten Sieg. Oder wie es Ahmad Shalash, ein Abgeordneter des regimetreuen Parlaments, auf Facebook schrieb: "Wir sind gegen diese Politik des Aushungerns. Wir sollten diese Städte niederbrennen, damit niemand mehr übrig bleibt, der hungern kann. Angefangen mit Madaja."
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 3/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Syrien:
Ausgezehrt

  • Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden
  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Wiedereröffnung des britischen Parlaments: "Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen"
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne