16.01.2016

Global VillageDie Notwirtschaft

Wie erfinderische Einwohner der griechischen Hafenstadt Volos ihr Überleben in Zeiten der Krise sichern
Es ist kühl und schon dunkel an diesem früh hereinbrechenden Winterabend, als Angeliki Ioanniti, 68, endlich vor einer heruntergekommenen Fabrikhalle am Stadtrand von Volos vorfährt. Altersschwache Laternen und Funzeln werfen schummriges Licht auf die Markthändler, die gerade ihre wackeligen Stände aufbauen. Die ersten Kunden warten schon ungeduldig.
Die ehemalige Näherin Ioanniti hat neue Teppiche und Wolldecken dabei, Restposten, die sie bei befreundeten Kleinunternehmern als Spenden eingesammelt hat. Sie hatte vor einiger Zeit eine Geschäftsidee, die mit normalen Geschäften wenig zu tun hat: Sie will ihren Mitbürgern, die besonders unter der sozialen Krise leiden, "helfen, über die Runden zu kommen". Daher hat sie mit Mitstreitern den sogenannten TEM-Handel entwickelt, eine Parallelwirtschaft, die sich in der Hafenstadt Volos auf halbem Weg zwischen Athen und Thessaloniki inzwischen fest etabliert hat.
TEM ist die griechische Abkürzung für "lokale Alternativwährung", eine Art virtuelles Zahlungsmittel. Ein TEM entspricht einem Euro, mit ihm kann man auf dem Markt am Stadtrand sowie bei einigen Einzelhändlern im Ort einkaufen. Einzige Voraussetzung: Käufer wie Händler müssen Mitglieder des gemeinsamen Vereins sein.
Die Kooperative lebt davon, dass jedes Mitglied eigene Waren oder Dienstleistungen anbietet, die gegeneinander verrechnet werden. Der Metzger verkauft seine Fleisch- und Wurstwaren und kann dafür Kleider für seine Frau erstehen oder die juristischen Dienste eines Rechtsanwalts in Anspruch nehmen. Das ist das Prinzip. Nur in manchen Fällen müssen ein paar Euro zusätzlich gezahlt werden.
Die Idee ist nicht neu, es gibt internationale Vorbilder wie das "LETSystem", das für "Local Exchange and Trading" steht. In Amsterdam etwa hilft das Netzwerk Noppes seinen Mitgliedern bei Umzügen, beim Babysitten, in Steuerfragen oder bei Computerproblemen. Im kanadischen Calgary oder auf Neufundland werden in lokalen Netzwerken Dienstleistungen gegen virtuelle Ersatzwährungen angeboten. Der Tauschhandel ist für viele Teilnehmer ein ökologischer Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft; in Volos jedoch sichert er das Überleben.
"Das Projekt ist aus der Not entstanden", sagt Ioanniti. Rund 800 Mitglieder hat der Verein derzeit, abgerechnet werde ausschließlich über ein "elektronisches Portemonnaie" – persönliche Konten, die per Computer verwaltet werden.
Der Markt ist eine Mischung aus Resterampe, Flohmarkt und Einzelhandel. Verkauft wird, was die Mitglieder anbieten, organisieren oder entbehren können. An diesem Tag gibt es Lauchrisotto für vier TEM, einen Beutel Rucola oder das große Stück Apfelstrudel für je sechs TEM. Nebenan in der Halle wird ein Posten neuer Sommerschuhe angeboten, daneben T-Shirts, Kosmetika und Drogeriewaren aus Versicherungsschäden. Außerdem selbst gefertigte Schmuckwaren, gebrauchte Bücher und ein buntes Sortiment an Secondhandkleidung.
Eleni, eine Krankenschwester aus dem Ort, sitzt unter dem baufälligen Vordach der Halle, trinkt heißen Kaffee und raucht zu viel, während sie darauf wartet, dass es endlich losgeht. Sie hat Zitronen und Gemüse aus dem eigenen Garten mitgebracht, hausgebrannten Likör und selbst gekochtes Hühnchen mit Kartoffeln in Zitronensoße. Was sie für sich besorgen will, weiß sie noch nicht. "Mit TEM kann ich kaufen, was ich will", sagt die 39-Jährige. "Dieses Jahr gab es zwei Paar neue Schuhe, die ich mir sonst wohl kaum hätte leisten können."
Mitglieder des Vereins können auch Handwerker bestellen, Klempner, Fliesenleger oder Automechaniker, die sie zu 60 Prozent mit TEM und zu 40 Prozent mit Euro entlohnen müssen. Mancher kann sich neue Reifen oder Felgen für sein Auto nur auf diesem Weg leisten. Auch ein Friseur, ein Rechtsanwalt, ein Steuerberater und eine Reinigung sind in Volos dabei, sogar ein Tierarzt macht mit. Nur der Impfstoff muss in Euro gezahlt werden.
"Viele haben kein Geld, aber jeder kann oder hat etwas, das er einbringen kann", sagt die Mitgründerin Ioanniti. Neulich brauchten sie dringend einen Rollstuhl, am Ende hatten sie vier zur Auswahl. Selbst ein einwöchiger Urlaub in einem esoterischen Gesundheitszentrum kann zu 80 Prozent mit der alternativen Währung bezahlt werden.
Noch in diesem Frühjahr will der Verein sein Angebot ausbauen und in Zusammenarbeit mit der örtlichen Handelskammer hundert Einzelhändler hinzugewinnen. "Bislang waren wir überwiegend ein alternatives Netzwerk, jetzt brauchen wir die Profis", sagt Ioanniti. Wenn die hundert Geschäfte zusammen sind, werde auch die Zahl der Mitglieder drastisch steigen, da ist sie sich sicher. Denn es gibt jenseits der Ersparnisse einen weiteren Anreiz, über den wenig öffentlich gesprochen wird: Wer mit TEM handelt, muss darauf keine Steuern zahlen, weder Mehrwertsteuer auf Verbrauchsgüter noch Einkommensteuer für Dienstleistungen. Auch das ist für viele Griechen nicht neu. Allerdings war Steuerhinterziehung bislang nicht legal.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 3/2016
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