16.01.2016

DopingIn der Unterwelt

Julija und Witalij Stepanow lösten als Whistleblower den Skandal um Russlands Leichtathleten aus und tauchten ab. Während der Fall immer größere Dimensionen erreicht, sucht das Ehepaar den Weg in ein neues Leben.
Versteck Nummer sechs lag abseits der Zivilisation und besaß weder Fernseher, Internetzugang noch Handyempfang. Es kam vor, dass Julija und Witalij Stepanow tagelang nicht wussten, was sich in ihrem Fall tat.
Um die Nachrichtenlage im Auge zu behalten, blieb ihnen nur, kilometerweit bis zum nächsten Café mit WLAN zu fahren. Nach sechs Wochen zogen sie in Versteck Nummer sieben um: ein günstiges Hotel, das heruntergekommen aussieht. Aber es hat Vorteile. Sie sind wieder online und dichter an die Welt herangerückt. So gesehen, ist diese Absteige ein Fortschritt.
Seit Mitte November wohnen die Stepanows mit ihrem zweijährigen Sohn Robert hier, für 300 Euro die Woche. Auf Doppelbett und Teppichboden liegt Spielzeug verstreut, als Küche dienen ein Wasserkocher und eine Mikrowelle, die auf dem Kühlschrank steht. Ihre Kleidung haben sie auf einem klapprigen Regal aus Holzplatten abgelegt oder an eine Stange gehängt, in einer Ecke steht zusammengeklappt der Kinderwagen. Alles wäre schnell wieder gepackt, um weiterzuziehen in Versteck Nummer acht.
Die Stepanows gelten als wertvollste Whistleblower des Sports. Seit mehr als einem Jahr sind sie auf der Flucht. Man kann, über Mittelsleute, Kontakt zu ihnen aufnehmen und sie treffen, wenn sie es
zulassen – man darf jedoch nicht verraten, wo sie sind. Deshalb muss alles, was einen Hinweis auf den Aufenthaltsort geben könnte, seien es auch nur der Kontinent oder das Klima, ungesagt und ungeschrieben bleiben. Auch in dieser Geschichte.
Ende November 2014 hatten die Stepanows Russland verlassen, weil ihnen klar war, dass es für sie dort ungemütlich werden würde. Zehn Tage später, am 3. Dezember, sendete die ARD einen Film über Doping in der russischen Leichtathletik, ein tief verwurzeltes System, das von Spitzenfunktionären gesteuert wurde. Der Beitrag basierte auf Aussagen, Video- und Audiomitschnitten der Stepanows und löste ein Beben aus.
Während das Paar beschimpft und bedroht wurde und abgetaucht blieb, erreichte der Dopingskandal immer größere Dimensionen. Es geht nicht mehr allein um Russland, sondern auch um andere Länder wie Kenia, um die Verstrickungen des Weltverbandes IAAF. Inzwischen steht dessen langjähriger Präsident, der greise Senegalese Lamine Diack, wegen des Verdachts auf Korruption und Geldwäsche unter Anklage. Die Leichtathletikwelt ist aus den Fugen geraten, und noch weiß niemand, wohin das führt.
Julija Stepanowa, 29, lief als Spitzenathletin die 800-Meter-Distanz und hatte selbst gedopt; ihr Mann Witalij, 33, arbeitete für die russische Anti-Doping-Agentur, die Rusada, bis man ihn vor fünf Jahren feuerte, weil er seinen Job allzu gewissenhaft versah und nicht wegschaute, wo er hätte wegschauen sollen. Das Paar ertrug die Verlogenheit, die es umgab, nicht mehr und sammelte Beweise. Unabhängige Ermittler haben inzwischen die Behauptungen überprüft. Es stimmt alles.
Die Stepanows stecken in einer Zwischenwelt fest. Zurück in ihre Heimat Russland können sie nicht mehr, woanders ungetarnt ein neues Leben führen auch nicht; zu groß erscheint immer noch die Gefahr, dass sie jemand mit Gewalt zum Schweigen bringen oder sich rächen will. Würden sie gegen die Mafia aussagen, dann wären sie in einem Zeugenschutzprogramm und besäßen die Sicherheit einer anderen Identität. Im Sport gibt es solch ein Programm nicht. Die Stepanows sind auf freiwillige Hilfe angewiesen, auf Personen und Organisationen, die ihnen zu einer Unterkunft verhelfen oder Geld spenden, manchmal aus Mitleid. Sie schlagen sich so durch.
Es geht darum, Fuß zu fassen in einem neuen Leben, das sich höchstens schattenartig abzeichnet. Sie hoffen, dass ihre nächste Station kein Versteck mehr sein wird, sondern Nummer eins einer offenen Existenz. Dass es einen Staat gibt, der es ihnen erlaubt, sich niederzulassen. Dass sie nicht mehr abhängig sind von wohlwollenden Leuten. Dass Julija, die zweimal am Tag trainiert, wieder bei Wettkämpfen antreten darf. Dass Witalij eine Arbeit findet, mit der er seine Familie ernähren und vielleicht ein Auto kaufen kann.
"Wir hoffen, dass ..." Witalij beginnt so mehrmals seine Sätze, während er im Hotelzimmer auf einem Stuhl sitzt und hinter ihm Julija mit Sohn Robert auf dem Bett russische Zeichentrickvideos schaut. Julija ist eine ernste, still wirkende Frau, was auch daran liegen mag, dass sie nur ihre Muttersprache beherrscht. Witalij dagegen hat als Collegeschüler und Student fünf Jahre in den USA verbracht und spricht fließend Englisch. Zu ihren Familien in Russland halten sie über E-Mails und Skype Kontakt, aber nicht mal die Eltern dürfen wissen, wo die Stepanows stecken. Witalij sagt, sie hätten sich keine Illusionen über ihre Zukunft gemacht, als sie sich entschieden hätten, das Dopingsystem auffliegen zu lassen. Sie rechnen damit, Russland nie wiederzusehen.
Das Thema Doping war von Anfang an Teil ihres gemeinsamen Lebens. Als sie sich 2009 kennenlernten, sprachen sie darüber. Witalij glaubte an den Anti-Doping-Kampf, Julija nicht. Er ahnte, was im russischen Sport ablief, sie wusste es. Aber sie vertraute darauf, dass das Dopingsystem seinen Athleten Schutz bietet. Wer mitmacht und sich an die Vorgaben hält, der fliegt nicht auf. In diesem Glauben lief sie ihre Wettkämpfe. Und als Witalij, längst ihr Ehemann, im Jahr 2011 bei der Rusada entlassen wurde und die russischen Leichtathleten Erfolge bei der Weltmeisterschaft feierten, "da gab es Nächte, in denen ich wach lag und dachte: ,Sie hat recht'", erzählt er. Und dann, lachend: "Sie sagte: ,Du bist hier der Idiot.'"
Doch dann drehte sich die Sache. Julija wurde Anfang 2013 wegen auffälliger Blutwerte – eine Folge ihres Epo-Konsums – für zwei Jahre gesperrt. "Sie lächeln dich kalt an und sagen: ,Zwei Jahre, das ist doch kein Problem!'", erzählt sie. Das System entzog ihr seinen Schutz und ließ sie fallen. Das war der Moment, in dem Julija Stepanowa ihre Haltung änderte.
Whistleblower sind selten edle Ritter, die stolz auf dem Ross namens Wahrheit daherreiten und voller Unschuld stecken. Sie wissen viel, weil sie Bestandteil jener Welt sind, die sie nun durch Verrat zum Einstürzen bringen wollen – nicht selten aus persönlicher Enttäuschung.
Also begann Julija, heimlich Gespräche mit anderen Athletinnen, mit Trainern, Medizinern und Funktionären auf dem Smartphone aufzuzeichnen. Witalij machte damit weiter, was er seit Jahren tat: E-Mails an die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zu senden, in denen er sein Wissen mitteilte und Hinweise gab. Er nannte Mittel, Methoden und Namen.
Es passierte: nichts. Zumindest dem Augenschein nach. Die Wada ging den Fall Russland nicht wirklich an. Allerdings vermittelten Wada-Mitarbeiter den Kontakt zu Hajo Seppelt. Der ARD-Journalist traf sich mit den Stepanows, sichtete deren Material, wertete es aus, verfolgte Spuren und Geldflüsse, konfrontierte Verdächtige, holte die Stepanows nach Berlin und brachte sie bei sich unter.
Nach fast einem Jahr Arbeit ging der Scoop auf Sendung. Es zeichnete sich ein Bild von Betrug und Korruption in großem Maßstab ab: Der Präsident und der Cheftrainer der russischen Leichtathletik deckten oder betrieben das Dopingsystem, die Rusada und das Moskauer Kontrolllabor mischten mit, statt aufzuklären. Sie verdienten daran, die Sportler mit Mitteln zu versorgen, sie anzuleiten und positive Proben verschwinden zu lassen. Kontrollen dienten wie früher in der Sowjetunion oft dazu zu überprüfen, ob Athleten sauber genug waren, um bei Auslandsstarts nicht positiv getestet zu werden. Spuren des Betrugs führen bis zur IAAF hinauf, ebenso scheint Russlands Sportminister Witalij Mutko, ein enger Vertrauter von Staatschef Wladimir Putin, eine zentrale Rolle in dem Drecksspiel zuzufallen.
Die Stepanows wurden als Vaterlandsverräter beschimpft, als gekaufte Zeugen westlicher Propaganda verunglimpft. Man konnte die Argumente nicht entkräften, also zielte man auf die Personen. Julija sei eine ertappte Doperin, getrieben von Rachsucht. Mutko nannte sie einen "Lockvogel" finsterer Kräfte, die Russland schaden wollten und sie mit "hochklassiger Überwachungstechnik" ausgestattet hätten. Womöglich habe man sie angeworben wie die Agentin eines ausländischen Geheimdienstes. Eine Spionin, was denn sonst? Wenn es unangenehm wird, verbreitet Moskau gern Verschwörungsszenarien.
Es hätte passieren können, dass die Vorwürfe mit der Zeit an Wucht und Wirkung einbüßten, ein paar Figuren beiseitegeschoben würden, sich irgendeine Ethikkommission zu einer Rüge aufraffte und die Sache im Sand verliefe. Russlands Einfluss reicht weit im Weltsport.
Diesmal nicht. Dafür war die Sache einfach zu groß geraten.
Die Wada gilt nicht gerade als Organisation von wilder Entschlossenheit, zu klein, zu mut- und machtlos sei sie, heißt es. Doch bei den Russen reagierte sie verblüffend konsequent. Als wollte sie ein Exempel statuieren.
Kurz nachdem der ARD-Film gelaufen war, berief sie eine unabhängige Untersuchungskommission und gab ihr das Nötige zur Hand: einen Auftrag und ausreichend Geld für die Nachforschungen. Die Kommission besteht aus drei Leuten: Richard Pound, dem Gründungsvater der Wada, einem Schlachtross des Anti-Doping-Kampfes. Dazu Richard McLaren, ein Sportrechtsexperte. Die Ermittlungen zu leiten, diese Aufgabe übernahm Nummer drei: Günter Younger, ein Elitepolizist aus Bayern.
Younger, 48, ist ein drahtiger Mann mit kahlem Kopf, hagerem Gesicht und eindringlichem Blick. Sein Büro im Münchner Landeskriminalamt (LKA) ist geräumig und an Sachlichkeit kaum zu überbieten. Neonlampen an der Decke, Schreibtisch mit Rechner, grauer Konferenztisch, es herrscht die Atmosphäre eines Lagezentrums. An der Wand hängt ein großer Flachbildschirm, darunter steht ein weiterer Tisch, auf dem, neben der Kaffeemaschine, etwas Außergewöhnliches fein aufgereiht ist: Orden, die auf Samtkissen stecken, reich verzierte Auszeichnungen aus Ländern wie Iran und dem Libanon.
Er hat lange für Interpol gearbeitet und leitete das Drogendezernat, er war viel unterwegs auf den Routen des Rauschgifts. Inzwischen führt Younger beim LKA das Dezernat für Cyberkriminalität. Vor einiger Zeit war die Wada an Interpol herangetreten, um den Anti-Doping-Kampf besser mit der Polizeiarbeit zu verknüpfen. Youngers Abteilung bei Interpol bekam damals den Bereich zugeschlagen. Als die Wada einen erfahrenen Fahnder suchte, erinnerte man sich an ihn. Das bayerische Innenministerium stellte ihn beim LKA ein halbes Jahr lang für die Untersuchungskommission frei. Nicht viel Zeit.
"Es war das effizienteste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe", sagt Younger. "Unser Problem war der Zeitdruck. Wir wollten ja auch schnell Ergebnisse bringen. Aber wir waren ein neues Team von etwa zehn Mitarbeitern. Wir mussten uns erst einmal einen Überblick verschaffen. Wir wussten nicht, ob die Whistleblower übertrieben hatten. Und selbst wenn alles wahr ist, was sie erzählen, bleibt die Frage: Können wir es auch beweisen?"
Die Stepanows hatten deutlich mehr Material gesammelt, als die ARD verwendete. Tagelang saß Younger mit ihnen zusammen, sichtete Wochenenden hindurch Dateien und hakte nach: Wann und wo wurden die Aufnahmen gemacht? Unter welchen Umständen? Welche Person spricht da? Welche Mittel sind gemeint? Julija Stepanowa erinnerte sich an sehr viele Details, einzelne Sequenzen vermochte sie zuzuordnen, bei mehrstündigen Videos blieb ihr Gedächtnis exakt. "Sie hat das alles im Kopf gehabt. Sie war total klar. Die zwei wollten wirklich etwas bewegen, koste es, was es wolle. Wir hatten eine richtig gute Basis für unsere Arbeit."
Parallel dazu fingen Younger und seine Leute an, sich selbst auf den Weg zu machen. Sie fuhren nach Moskau, Prag, Monte Carlo, Singapur und an andere Orte. Sie vernahmen Athleten, Trainer und weitere Verdächtige, die etwas mit dem Doping zu tun zu haben schienen. Obwohl der Fall durch die Medien längst bekannt geworden war, waren viele überrascht, als die Ermittler aufkreuzten. "Sie hatten sich völlig sicher gefühlt, dass das System sie schützt", sagt Younger. "Manchen konntest du dabei zusehen, wie ihnen die Farbe aus dem Gesicht fiel." Bei der Hallen-EM in Prag verschwand eine russische Läuferin, eine andere schrie hysterisch und hielt sich Augen und Ohren zu. Andere dagegen schienen erleichtert, auspacken zu können.
Die absurdeste Geschichte, die Younger erzählt, ist die Grigorij Rodtschenkows, des Leiters des Moskauer Kontrolllabors. Die Wada hatte Rodtschenkow per E-Mail in englischer Sprache aufgefordert, Dopingproben zu sichern. "Er schrieb zurück: ,Ja, machen wir!' Übers Wochenende hat er dann 1417 Samples zerstört. Als die Wada ihn zur Rede stellte, sagte er, die E-Mail sei zweideutig gewesen und Englisch nicht seine Muttersprache. Auf die Idee, anzurufen und das zu klären, war er nicht gekommen. Später habe ich ihn bei einem Treffen gefragt: ,Nennen Sie mir einen Grund, ein einziges Argument, warum Sie als Laborchef noch weitermachen sollten.'" Younger stutzt noch heute, wenn er sich an Rodtschenkows Dreistigkeit erinnert.
Vier Monate lang ermittelte er, arbeitete jeden Tag, oft 14 Stunden lang. Der Fall wuchs über Russland hinaus. Lamine Diack, der damalige IAAF-Präsident, geriet ins Visier. Es ging um Verstöße gegen das Strafrecht, um Verbrechen, auf die Gefängnisstrafen stehen. Dies weiterzuverfolgen gehörte nicht mehr zu Youngers Auftrag. Er musste eine Staatsanwaltschaft finden, die sich einschaltet.
Er ließ seine Kontakte aus Interpol-Zeiten spielen und reiste Mitte Juli 2015 mit Leuten aus seinem Ermittlerteam nach Paris zu Éliane Houlette, der französischen Generalstaatsanwältin für Finanzdelikte, einer energischen Frau. Sie hörte sich an, was Younger an Ergebnissen zusammengetragen hatte. Das reichte ihr aus. Kurz entschlossen übernahm sie den Fall. Danach ging es schnell weiter. Bald darauf wurde Diack am Sitz der IAAF in Monte Carlo verhaftet. Er soll von positiv getesteten Athleten aus Russland eineinhalb Millionen Euro kassiert und ihnen als Gegenleistung die Sperren erspart haben.
Die Frage ist, wie weit das alles noch geht. Hat Diack Bestechungsgeld aus Russland angenommen, weil er im Auftrag Putins die Präsidentenwahl im Senegal beeinflussen sollte? Das hat er offenbar bei seinen Vernehmungen behauptet. Kann man das glauben? Vielleicht will er sich bloß wichtigmachen und weltpolitische Größe verleihen. Andererseits: Passt zu diesem ganzen Skandal nicht auch solch eine wahnwitzige Pointe?
Am Donnerstag saßen Pound, McLaren und Younger, die drei Mitglieder der Wada-Kommission, in einem Hotelsaal voller Kameras und Journalisten. Zwei Monate zuvor hatten sie auf einer Pressekonferenz ihren ersten Report präsentiert, auf 323 Seiten war es nur um Russland gegangen. Um die Ermittlungen in Frankreich gegen Diack nicht zu gefährden, hatten sie nicht mehr preisgegeben. Jetzt, im zweiten Bericht, geht es über 89 Seiten um mehr. "Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben", so hatte Pound angekündigt, was sie nun in einem Hotel in Unterschleißheim bei München berichteten.
Diack hatte in seiner Zeit als Verbandschef die Leichtathletik auf eine Art geführt, die die Kommission in ihrem Report "Verschwörung" nennt. "Es kann nicht als Handeln eines merkwürdigen Abtrünnigen abgetan werden." Aber wer wusste von seinen Machenschaften? Der Brite Sebastian Coe, Diacks früherer Vize und seit August 2015 Präsident, will nichts mitbekommen haben. Coe gerät unter Druck. Er müsste die IAAF reformieren, aber er spielt die Vorwürfe so herunter, dass ihm das kaum noch jemand zutraut.
Günter Younger jagt als Polizist künftig wieder den Gaunern des Internets nach, für ihn geht das Abenteuer in der Unterwelt des Sports zu Ende. Es kam mehr dabei heraus, als er erwartet hatte. Der Glaube vieler Doper, sie seien sicher, bröckelt. Russlands Leichtathleten sind von Wettkämpfen bis auf Weiteres ausgeschlossen, und "dieses Damoklesschwert wird künftig auch über anderen Ländern schweben".
Er meint, dass ihre Arbeit als Vorbild für eine zeitgemäße, gezielte Fahndung tauge. Mit schlagkräftigen Teams aus Kriminalisten, die planvoll vorgehen, will die Wada öfters Verdachtsfälle verfolgen. "Ermitteln heißt auch: reden. Gerüchten nachgehen. Herausfinden, was sich so tut. Das erfahre ich nicht durch Dopingtests."
Doch was wird aus den Stepanows? Ohne ihren Mut wäre nichts passiert. "Es fehlt ein System, wie Whistleblower im Sport betreut werden, wie man sich weiter um sie kümmert", sagt Younger. Es geht darum, dafür Zeugenprogramme anzubieten, damit sich andere ermutigt fühlen, das Schweigen zu durchbrechen.
Julija und Witalij Stepanow haben ausgesagt, was auszusagen war. Dafür waren sie mit ihrem Sohn, drei Reisetaschen und einem Kinderwagen in die Ungewissheit aufgebrochen. 14 Monate später warten sie weiterhin auf ein Bleiberecht in einem sicheren Land. Sie sind wieder umgezogen, zu Weihnachten ging es raus aus dem Hotel in ein Apartment. Es ist die achte Unterkunft auf ihrem Weg in ein neues Leben.
Es ist wieder ein Versteck.

"Ermitteln heißt auch: reden. Gerüchten nachgehen. Herausfinden, was sich so tut."

Über den Autor

Detlef Hacke, Jahrgang 1964, arbeitet seit April 2002 für den SPIEGEL und schreibt regelmäßig Texte zum Thema Doping. Lange Zeit über den Betrug im Radsport, inzwischen über die Missstände in der Leichtathletik. Dafür traf er nun das Ehepaar Stepanow – eine der seltenen Gelegenheiten, ausführlich mit Leuten zu sprechen, die über Doping ausgepackt haben.
* Bei ihrem Olympiasieg in London 2012.
Von Benjamin Bidder und Detlef Hacke

DER SPIEGEL 3/2016
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