16.01.2016

FußballMaus und Giraffe

Der neue Stammtorwart des AC Mailand wird landesweit bestaunt. Er ist 16 Jahre alt und Schüler.
Das Ganze dauert nur Sekunden, bleibt als Bild aber haften: wie sie da nach Spielende an der Mittellinie beisammenstehen, der Weltstar und sein halbwüchsiger Bewunderer. Wie der Alte den Jungen in den Arm nimmt, ihm anerkennend in die Wange kneift und ihm schließlich sein Trikot schenkt.
Der Star, das ist Gianluigi Buffon von Juventus Turin, Jahrgang 1978. Fußball-Weltmeister war er, und dazu viermal Welttorhüter. 572 Einsätze in der Serie A und 154 Länderspiele hat er mittlerweile bestritten. Die nächste WM wäre Buffons sechste – Weltrekord.
Ihm gegenüber steht an diesem Abend im Juve-Stadion einer, der noch nichts gewonnen, aber schon erheblichen Wirbel verursacht hat: Gianluigi Donnarumma. Der Torwart des AC Mailand war, als Buffon 1998 zur WM nach Frankreich fuhr, noch gar nicht geboren. Mit 15 stand Donnarumma erstmals im Milan-Kader. Mittlerweile ist er 16 und Stammtorhüter.
Vom "neuen Buffon" als einem ernsthaften Anwärter auf das Erbe des Dauerbrenners im Tor der Nationalelf schwärmen bereits Italiens Fachblätter – nach gerade einmal elf Ligapartien, die der Mailänder "Baby-Keeper" ("Gazzetta dello Sport") Donnarumma bei den Großen mitmachen durfte. Zwar trägt er sein Geburtsjahr 99 als Rückennummer auf dem Trikot, ansonsten aber tut er alles, um sich seine Jugend nicht anmerken zu lassen.
Donnarumma ist bei Auswärtsspielen als Erster auf dem Platz und holt sich ungerührt das Pfeifkonzert gegnerischer Tifosi ab; er steht ohne erkennbare Regung daneben, wenn Teamkollege Alex nach einem Zusammenprall abtransportiert wird ins Krankenhaus; und er macht sich, wird es vor dem eigenen Tor ernst, so breit, wie es ihm seine 1,98-Meter-Statur erlaubt.
Der ganze Kerl vermittelt eine einzige Botschaft: An mir kommt keiner vorbei.
"Er kann eine außergewöhnliche Karriere hinlegen, ich wünsche es ihm von Herzen", sagt Gigi Buffon. "Donnarumma wird unser Torwart für die nächsten 20 Jahre sein", prophezeit Silvio Berlusconi, der Mehrheitseigner des AC Mailand und frühere Regierungschef. Sein Schützling sei nach Marktpreisen schon jetzt so viel wert wie das zuletzt versteigerte Gemälde von Amedeo Modigliani, also "170 Millionen", lässt Mino Raiola wissen.
Er ist Donnarummas Agent und wird unter die weltweit mächtigsten und berüchtigtsten Spielervermittler gerechnet. Auf sein Konto gehen die zusammengenommen dreistelligen Millionentransfers von Zlatan Ibrahimović, aber auch lukrative Vertragsabschlüsse für Paul Pogba, Mario Balotelli und Henrich Mchitarjan.
"Ein ordentlicher Pizzabäcker", sonst nichts, sei dieser Raiola, spottete noch vor Jahren Siniša Mihajlović, heute Trainer des AC Mailand. Da konnte er nicht ahnen, dass ihm der rundliche Agent als Sprachrohr eines 16 Jahre alten Torwarts wieder begegnen würde. Der neue Vertrag bis 2019 sichert Donnarumma ein auf netto eine Million Euro versechsfachtes Jahresgehalt und trägt die Handschrift Raiolas.
Donnarumma wird die Summe zu schätzen wissen. Er besucht ja, wenn trainingsfrei ist, unverändert die Schule und bereitet sich als Zehntklässler auf eine Berufsausbildung zum Buchhalter vor: "Eigentlich will meine Familie, dass ich studiere – mein Vater ist Schreiner und meine Mutter Hausfrau", sagt er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Mancini Park Hotel zu Rom.
Donnarumma, "Gigio" gerufen, der Mann mit dem "Spitznamen einer Maus und dem Körper einer Giraffe", wie Italiens Presse schreibt, lebt noch im Internat. Und versucht, trotz Blitzkarriere normal zu bleiben. Auf scheinheilige Fragen antwortet er offen. "Wie schafft man es, dass einem all das nicht zu Kopf steigt?", wird er gefragt: "Mein Charakter hilft mir dabei", erwidert der Torwart, an dem neben Manchester United mittlerweile auch der FC Barcelona Interesse zeigt.
Dass der andere Gianluigi, sein Namensvetter Buffon, für ihn das Maß aller Dinge ist, daran lässt der am Fuß des Vesuv aufgewachsene Jungstar keinen Zweifel: "Jeder, der im Tor steht, will eine Karriere hinlegen wie Buffon; und mein Traum ist es, eines Tages seinen Platz einzunehmen."
Gute Strafraumbeherrschung, vor allem aber blendende Reflexe zeichnen Donnarumma aus. Bereits im sommerlichen Testspiel gegen Real Madrid parierte er einen Strafstoß von Weltmeister Toni Kroos. Beim Heimspiel gegen Bergamo, im 0:1 verlorenen Match bei Juventus und auch am vergangenen Samstag im Olympiastadion gegen den AS Rom verhinderte er mit artistischen Paraden wieder Schlimmeres.
Nur: Neben jeder Menge Talent hat Gigio, nomen est omen, auch einen gewissen Hang zum "gigioneggiare" – zum Aufschneiden. Wie er da im Match gegen Juve Mario Mandžukić mit einer Körpertäuschung ins Leere laufen lässt und im Heimspiel gegen Sampdoria durch provokatives Tändeln fast einen Rückstand verschuldet, das fällt nicht nur dem Trainer auf – sondern auch dem Ex-Nationaltorhüter Chris, den Donnarumma auf die Ersatzbank verdrängt hat.
Einen Vorgeschmack auf Donnarummas Macken und seine Chuzpe bekam inzwischen auch Italiens Nationaltrainer Antonio Conte. Er, der 2012 wegen seiner Verwicklung in einen Wettskandal vom Verband vorübergehend gesperrt wurde, spielt die Hauptrolle in einem erst jetzt aufgetauchten satirischen Facebook-Beitrag des damals 13-jährigen Torhütertalents.
Darin lässt Donnarumma einen anonymen Wettbetrüger auftreten, der beim Fernsehsender Sky anruft, um sich zu erkundigen, wo er ein Fußballspiel samt Ergebnis kaufen könne. Und der daraufhin zur Antwort erhält: "Bleiben Sie in der Leitung, ich verbinde mit Herrn Conte."
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 3/2016
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