16.01.2016

TiereDas Rätsel der Königin

Ein indischer Entomologe erforscht das Kastenwesen im Wespenstaat, um eine Urfrage der Evolutionslehre zu lösen: Warum kooperieren Lebewesen?
In einem Gebäude zwischen Palmen sitzen Studenten in Käfigen, Notizblock auf den Knien, und schauen zu, wie Staaten Kriege führen. Wie Rebellen desertieren, alles riskieren, nur um selbst zu herrschen. Und wie das Volk, betäubt von Drogen, sich willfährig in die Knechtschaft begibt: ein Leben für die Königin.
Ein Wespenvolk bietet Stoff für epische Dramen, und Raghavendra Gadagkar ist ihr Chronist. Es mögen kleine Tierchen sein, kaum größer als ein Zentimeter, rötlicher Leib. Aber es sei doch ganz und gar unmöglich, sagt Gadagkar, nicht fasziniert zu sein "von dieser Schönheit": Ropalidia marginata, eine Papierwespe.
Dutzende Male sei er schon gestochen worden, habe sich aber nie beschwert, hat der Evolutionsbiologe einmal geschrieben: "Ich schätze, das ist es, was Liebe mit einem macht."
Der Campus des Indian Institute of Science in Bangalore, wo Gadagkar forscht, ist einer der ruhigsten Orte der Stadt und doch voller Leben: Bussarde und Schlangen soll es hier geben; gerade kraxelt jedoch nur ein einsames Palmenhörnchen eine Akazie empor. Zwischen den Bäumen steht das Zuhause der Wespen. An den Fenstern hängen Gitternetze, die Löcher weit genug, um Ropalidia marginata hindurchzulassen, aber zu schmal für ihren größten Feind: Vespa tropica, eine räuberische Hornisse.
Im Innern notieren Studenten, wie oft eine Wespe ihre Fühler hebt, sich putzt und wie lange sie das Nest verlässt. Gadagkar hat nie auf teure Apparate vertraut, sondern stets auf seine Augen und die seiner Helfer.
Beim Beobachten seiner Lieblinge fühle er sich wie ein Völkerkundler, sagt der Mann mit dem dichten Bart. Für seine Versuche tupfte er den Tieren Farbpunkte auf den Brustpanzer und erkannte so, dass die Wespen zwar gleich aussehen, aber verschiedene Berufe ausüben. Neben der Herrscherin ("der Königin") gibt es Polizei und Armee ("die Kämpfer"), Baumeister und Futterlieferanten ("die Sammler") sowie diejenigen Tiere, bei denen sich nicht genau ermitteln lässt, was sie den ganzen Tag über eigentlich so treiben ("die Sitzer").
Mangelt es einer Gemeinschaft an Kämpfern, dann wechseln ein paar Arbeiterinnen den Job. Einfach so. "Das Kastensystem meiner Wespen", sagt der indische Insektenforscher, "ist durchlässiger als das meines Landes."
Er lacht. Gadagkar mag solche Sätze. Seine Wespen, pflegt er zu sagen, hielten den Menschen einen Spiegel vor. Was jetzt aber nicht heißen solle, fügt er rasch hinzu, dass es darum gehe, den Insekten nachzueifern.
Einmal hat er an einer Mädchenschule von der Anführerin der Honigbienen erzählt, bei denen eine in die Jahre gekommene Königin einer ihrer Töchter den Thron vererbt. Die Lehrerin war entzückt. Da könnten die Mädchen mal sehen. Gadagkar schämte sich für das, was er als Nächstes berichten musste: Noch bevor die junge Königin im Amt ist, kommt es vor, dass sie ihre Rivalinnen und Schwestern tötet.
Einfach so.
Das Leben im Insektenstaat ist brutal und effizient. Die Königin stellt ihr Volk mit Pheromonen ruhig; die Männchen, die Drohnen, sind faul, fressen, paaren sich und hauen nach wenigen Tagen ab. Wespenstaaten sind aber auch ein Paradebeispiel für Kooperation und Kommunikation.
Eine Wespe kennt ihren Platz innerhalb der Rangordnung sehr genau. Was besonders deutlich wird beim Rätsel, wie aus einer schnöden Arbeiterin eine Königin wird.
In einem Experiment hat Gadagkar das Oberhaupt eines Wespenstaats aus dem Nest entfernt. Wenige Minuten später begann eine bis dahin unauffällige Wespe – aber auch nur eine –, sich aggressiv zu verhalten. Ihre Eierstöcke wuchsen, Tage später legte die neue Königin erste Eier. Keine zweite Anwärterin forderte sie heraus, die Machtübernahme verlief harmonisch – als wüsste jede Wespe im Volk, wer wann an die Reihe kommt.
Als der Forscher die alte Königin zurück ins Nest setzte, beruhigte sich die Nummer zwei auf einmal wieder und kehrte zurück an ihre Arbeit.
Gadagkars Team hat viele Varianten getestet, und doch ist es ihnen bislang nicht gelungen vorherzusagen, welche Wespe die Königin ablösen wird. Die Nachfolgerinnen sind nicht größer, nicht älter, nicht stärker als andere Wespen – eben ganz gewöhnliche Exemplare.
Wie allen Evolutionsbiologen, die Insektenstaaten erforschen, geht es Gadagkar aber vor allem um eine Frage, die über die einzelne Tierart hinausreicht: Warum kooperieren Lebewesen?
Schon der Naturforscher Charles Darwin fürchtete zunächst, der Insektenstaat könnte seine große Theorie der Evolution zu Fall bringen. Denn wenn es doch vor allem darum geht, eigene Nachkommen zu zeugen, warum legt dann nur die Königin Eier – während alle anderen Ameisen oder Wespen sich mit einem Dasein als sterile Sklaven begnügen?
Zwar mag es verlockend erscheinen, ein eigenes Volk zu gründen, die Risiken aber sind enorm. Solange Futter knapp ist, verlassen deswegen nur wenige Wespen ihren Staat und wählen den Weg des Gründers.
Die Scheu vor Ausbrüchen ist gut begründet. Denn die Wespen eines Staats sind untereinander eng verwandt. Wer im sicheren Nest bleibt und bei der Aufzucht der Schwestern hilft, hat daher bessere Chancen, dass eigene Gene weitergegeben werden; weit mehr, als verhielte sie sich selbstsüchtig.
Anders gesagt: Wenn der Nutzen größer ist als die Kosten, dann breitet sich Altruismus aus – allerdings, so das Modell, nur unter Verwandten.
Doch die Theorie der Verwandtenselektion ist nicht unumstritten. Und dass möglicherweise nicht allein die eigenen Gene zählen, zeigt eine Verhaltensweise, die Gadagkar in einem Versuch bei seinen Wespen beobachtet hat – und gegen die selbst die deutsche Willkommenskultur verblasst.
Die Papierwespen nehmen junge Tiere aus anderen Staaten in ihre Gemeinschaft auf und vollbringen dabei ein Wunder der Integration: Im Gegenzug für ihre Arbeitskraft stehen den Einwanderern im Wespenstaat alle Türen offen, sei es eine Karriere als Kämpfer oder Sammler – ja sogar der Thron der Königin.
Twitter: @hoeflingern
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 3/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Tiere:
Das Rätsel der Königin

  • Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen