16.01.2016

ZeitgeistTodesmutig

Sie könnte eine Figur aus der Fernsehserie "Six Feet Under" sein, aber Caitlin Doughty gibt es wirklich: Die 31-Jährige betreibt das Bestattungsinstitut "Undertaking LA" in Los Angeles, sendet Videos über den YouTube-Kanal "Ask a Mortician" und hat den "Order of the Good Death" gegründet, einen Zusammenschluss alternativer Bestatter, Wissenschaftler und Künstler. "Eine Kultur, die den Tod verleugnet, steht einem guten Tod im Weg", schreibt Doughty in ihrem Buch "Fragen Sie Ihren Bestatter", das am 21. Januar auf Deutsch erscheint. Es ist ein makabres wie komisches Plädoyer für einen unbefangeneren Umgang mit dem Tod, vor allem aber mit den Toten.
Doughty war acht, als sie in einem Shoppingcenter beobachtete, wie ein Mädchen auf das Geländer kletterte und zehn Meter tief stürzte – mit dem Gesicht voran. Darauf folgten abenteuerliche Kontrollzwänge und ein besessener Umgang mit dem Tod. Mit 23, nach einem Geschichtsstudium, heuerte sie in einem Krematorium an. Eine Konfrontationstherapie: "Egal wie viele Heavy-Metal-Albumcover oder Hieronymus-Bosch-Höllenvisionen Sie gesehen haben mögen, nichts dergleichen kann Sie auf eine Leiche in einem Krematoriumsofen vorbereiten."
Doughty erzählt derbe und direkt vom Bestattungsbusiness, mitsamt allen morbiden Details. Wobei viele Szenen, so die These, uns nur deshalb so derbe vorkommen, weil wir fast nie eine Leiche sehen. "Heutzutage nicht dem Anblick von Toten ausgesetzt zu sein ist ein Privileg der westlichen Welt", schreibt sie. Und es ist ein Problem. Wer Ängste verdrängt, wird nur noch ängstlicher.
Die meisten Menschen sterben nicht mehr zu Hause, sondern im Krankenhaus oder Pflegeheim. In Nordamerika werden die Leichen dann entweder verbrannt – also schnell und gründlich entsorgt –, oder sie werden vor der Beerdigung einbalsamiert, sodass sie aussehen wie überschminkte Schlafende, nicht wie Tote. Metalldrähte halten Ober- und Unterkiefer zusammen, Plastikschienen formen den Mund, Sekundenkleber verschließt die Augen. "Der Bestatter wird dabei zum Theaterregisseur", schreibt Doughty. "Der Leichnam ist der Star der Performance", Interaktion zwischen dem Toten und seinem Publikum dürfe aber nie stattfinden.
Doughty stellt sich ihre eigene Bestattung übrigens so vor: Sie liegt tot auf dem Waldboden, bis Tiere kommen und sie auffressen.
Caitlin Doughty
Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium
Aus dem amerikanischen Englisch von Sky Nonhoff. C. H. Beck, München; 272 Seiten; 19,95 Euro.
Von Tob,

DER SPIEGEL 3/2016
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