16.01.2016

Nils Minkmar Zur ZeitMehr Hobby wagen

Vor einigen Tagen entdeckte ich unter den gebrauchten und zur Abholung aufgetürmten Tannenbäumen einen originalverpackten Baum, das weiße Kunststoffnetz war noch intakt. Fragen ergaben sich. Hatte er farblich nicht gepasst? Waren die Leute spontan Buddhisten geworden? Vielleicht war es zum Familienkrach gekommen, und jemand feuerte, weil alles Geschirr schon zerdeppert war, zum Finale die Nordmanntanne vom Balkon? Oder waren die Leute einfach durchgedreht und hatten den Überblick verloren? Man könnte es ihnen nicht verdenken. Die einst von Jürgen Habermas entdeckte "Neue Unübersichtlichkeit" ist längst alter Alltag. Für ein so junges Jahr behelligt uns 2016 schon jetzt mit höchst komplexen Fragen. Man will sich gar nicht vorstellen, in welchem Zustand wir alle an Ostern sind.
Höchste Zeit also, Maßnahmen zur Wiederherstellung der geistigen Gesundheit zu ergreifen. Britische Zeitungen berichteten in diesem Zusammenhang von einer interessanten Studie einer amerikanischen sozialpsychologischen Gesellschaft. Danach macht kaum etwas so glücklich wie frei verfügbare Zeit, etwa um ein Hobby zu pflegen – bei gesichertem und vernünftigem Einkommen natürlich. Genau besehen, besagt diese Studie nur, dass es sich ab einem gewissen Einkommen rein glückstechnisch nicht lohnt, sich noch mehr abzurackern, dass man seelenhaushälterisch besser fährt, wenn man sich finanziell bescheidet und, sagen wir, Modellschiffe baut. Zugegeben, die Studie erinnert ein wenig an jene israelische Forschungsarbeit, nach der Ehen, in denen beide Partner fremdgehen, häufiger geschieden werden als solche, in denen sie einander treu sind. Aber immerhin wurde endlich wieder das Wort Hobby verwendet, das zu jenen Wörtern gehört, die zuletzt aus der Mode geraten sind. Das Besondere am Hobby ist seine Sinnfreiheit. Im digitalen Kapitalismus wird ja alles zum Sinnträger. Von der Wohnung über das Fahrzeug bis zur Zahnbürste: Alles liefert Daten, beherbergt Werbung oder kann, gegen Geld, verliehen werden. Das Home wird zum Office und vice versa, nur der Hobbykeller widersteht allen Kolonisierungsbestrebungen. Als jeder erwachsene Mann ein Hobby hatte, Anfang der Siebziger etwa, wuchs die Wirtschaft noch beträchtlich. Nach frühem Feierabend ging Mann, von Haushaltspflichten unbelästigt, in den Keller und klebte Schiffe, ordnete Briefmarken oder schuf auf einer Schreibmaschine das Porträt des Bundeskanzlers in Kleinbuchstaben. Die Archive des Bundes sind voll von Werken der Hobbykunst, die dem Bundespräsidenten zugeschickt wurden. So waren viele deutsche Männer früher: fleißig, autoritätsgläubig und weitgehend harmlos. Ihre Welt war geordnet, und zwar in ihrem Sinne: Weiße Männer beherrschten diese Welt. Das ist vorbei. Das Internet und die Kommentarfunktion rauben jene Zeit, die einst dem Hobby galt. Es wäre einem wohler, wenn unter deutschen Dächern wieder mehr Zinnsoldaten angemalt würden. Das beruhigt die Nerven, beschäftigt die Finger und schont, alles in allem, Land, Leute und Nordmanntannen.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 3/2016
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