16.01.2016

DebatteEin Karneval der Underdogs

Was wir aus der Kölner Silvesternacht lernen sollten. Von Slavoj Žižek
Žižek, 66, ist ein slowenischer Philosoph. Zuletzt erschien von ihm "Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror" (Ullstein Verlag, Berlin).
Wer sind die "Hateful Eight", die abscheulichen acht, in Quentin Tarantinos gleichnamigem Film? Sie ALLE – weiße Rassisten genauso wie ein schwarzer Soldat der Unionsarmee, Männer und Frauen, Gesetzeshüter und Kriminelle – sind gleichermaßen brutal und von Rache beseelt. Die seltsamste Szene im Film, der Ende Januar in Deutschland anläuft, ist die, als der schwarze Major (dargestellt von Samuel L. Jackson) einem alten General der Konföderierten mit offensichtlichem Genuss erzählt, wie er dessen rassistischen Sohn umgebracht hat, der den Tod vieler Schwarzer zu verantworten hatte. Der Major hat diesen Sohn nackt durch die Kälte marschieren lassen und verspricht dem frierenden Weißen eine warme Decke, wenn der ihn oral befriedige; und nachdem er dies getan hat, bricht der Major sein Wort und lässt ihn sterben.
Im Kampf gegen den Rassismus gibt es also keine Guten, alle beteiligen sich daran, mit äußerster Brutalität. Und hat die Lehre, die man aus den sexuellen Übergriffen in Köln ziehen kann, nicht eine frappierende Ähnlichkeit mit der Botschaft des Films? Selbst wenn viele Migranten mehr oder minder Opfer sind, die aus zerstörten Ländern geflohen sind, hält sie dies nicht davon ab, sich verabscheuungswürdig zu verhalten. Wir vergessen manchmal, dass eigenes Leiden kein Unrecht ausgleicht. Dass jemand ganz unten ist, macht ihn nicht automatisch zu einer Stimme der Moral und Gerechtigkeit.
Aber das ist nicht alles. In seiner Analyse nach den Pariser Anschlägen unterscheidet der französische Philosoph Alain Badiou drei Arten von Subjekten im heutigen globalen Kapitalismus: das westliche, "zivilisierte", bürgerliche, liberal-demokratische Subjekt; jene, die nicht zum Westen gehörten und besessen seien von ihrer "Sehnsucht nach dem Westen" und deswegen verzweifelt versuchten, den "zivilisierten" Lebensstil des westlichen Bürgertums nachzuahmen; und dann gebe es noch jene faschistischen Nihilisten, deren Neid auf den Westen sich in einen tödlichen selbstzerstörerischen Hass wandelt. "Dieser Faschismus", sagt Badiou, "ist die Kehrseite einer enttäuschten Sehnsucht. Er ist mehr oder weniger militärisch organisiert, so flexibel wie eine Mafiabande, geprägt von ganz unterschiedlichen Ideologien, wobei die Rolle der Religion dabei nicht wesentlich ist."
Die westliche, bürgerliche Ideologie hat zwei gegensätzliche Merkmale: Sie legt eine Arroganz und eine Überzeugung von der Überlegenheit ihrer Werte an den Tag (allgemeingültige Menschenrechte und Freiheiten, die von barbarischen Außenseitern bedroht werden), gleichzeitig ist sie aber auch von der Angst besessen, Milliarden würden von außen in ihr begrenztes Gebiet einfallen, Menschen, die im globalen Kapitalismus nicht zählen, weil sie weder Wirtschaftsgüter produzieren noch verbrauchen. Diese Angst ist genährt von der Befürchtung, selbst eines Tages zu den Ausgeschlossenen zu gehören.
Die Flüchtlinge und Migranten sind getrieben von der "Sehnsucht nach dem Westen". Sie wollen keine Revolution in ihrer Heimat, sondern ihren verwüsteten Lebensraum hinter sich lassen. Dafür machen sie sich auf in das gelobte Land, während die Zurückgebliebenen in ihrer Heimat armselige Kopien des westlichen Wohlstands erschaffen, wie in den "modernisierten" Gegenden jeder Metropole der Dritten Welt, in Luanda genauso wie in Lagos, wo die Cafés in den Shoppingmalls Cappuccino verkaufen.
Weil die Sehnsucht sich aber für die meisten nicht erfüllen lässt, ist eine der verbleibenden Optionen die nihilistische Umkehr: Frustration und Neid werden radikalisiert, es entsteht ein mörderischer und selbstzerstörerischer Hass auf den Westen, und Menschen beginnen, gewalttätig Rache zu nehmen. Für Badiou ist diese Gewalt Ausdruck eines Todestriebs, eine Gewalt, die ohne die Idee einer anderen Gesellschaft nur in einem Akt orgiastischer (Selbst-)Zerstörung münden kann. Badiou betont zu Recht, dass die fundamentalistische Gewalt kein emanzipatorisches Potenzial besitzt, egal wie antikapitalistisch sie zu sein vorgibt: Es handle sich um ein Phänomen, das ein strenger inhärenter Bestandteil des globalen kapitalistischen Universums ist, sein "verstecktes Phantom". Die Grundlage des fundamentalistischen Faschismus sei Neid, der Fundamentalismus bleibe gerade in seinem Hass auf den Westen im Verlangen nach dem Westen verwurzelt. Wir haben es hier mit der Umwandlung einer unerfüllten Sehnsucht in Aggression zu tun, so wie sie in der Psychoanalyse beschrieben wird, und der Islam liefert, so Badiou, lediglich die äußere Form, um diesen (selbst-)zerstörerischen Hass zu begründen.
Die Faschisierung frustrierter jugendlicher Einwanderer, die in der westlichen Gesellschaft keinen Platz finden und keine Perspektive, ist für sie ein einfacher Ausweg aus der Frustration: ein ereignisreiches, riskantes Leben, das in der Verkleidung aufopfernder, religiöser Hingabe daherkommt und dazu noch materielle Befriedigung (Sex, Autos, Waffen) bereitstellt – man darf nicht vergessen, dass der "Islamische Staat" auch ein großes, mafiöses Wirtschaftsunternehmen ist, das mit Öl, antiken Statuen, Waffen und Frauen handelt, "eine Mischung aus tödlichen, heroischen Lehrsätzen und westlicher Verführung durch Konsum".
Es versteht sich von selbst, dass diese fundamentalistisch-faschistische Gewalt nur einer von mehreren Gewaltmodi ist, die sich auf den globalen Kapitalismus beziehen, und dass man nicht nur die Formen der fundamentalistischen Gewalt in den westlichen Ländern selbst berücksichtigen muss (migrationsfeindlicher Populismus et cetera), sondern vor allem die systematische Gewalt des Kapitalismus an sich, von den katastrophalen Konsequenzen der globalen Wirtschaft bis hin zur langen Geschichte militärischer Interventionen. Islamischer Faschismus ist ein zutiefst reaktives Phänomen, im nietzscheanischen Sinne, ein Ausdruck der Machtlosigkeit, die in selbstzerstörerischen Zorn verwandelt wird. Badiou sagt auch: "Religion ist lediglich ein Mantel, sie ist in keinerlei Hinsicht der Kern der Sache, lediglich eine Form der Subjektivierung, nicht der eigentliche Inhalt der Sache."
Ich stimme in vielem mit Badiou überein. Aber ist Religion nicht immer eine Art Mantel, nicht der Kern der Sache? Ist sie nicht tatsächlich ein Modus, in dem einzelne Menschen die Umstände ihres Lebens betrachten, auch weil sie keine Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und Dinge so zu sehen, wie sie "wirklich sind"? Badiou schlägt auch vor, hinzugehen und zu sehen, "wer die anderen sind, von denen die Rede ist, wer sie wirklich sind". Als müssten wir ihre Gedanken, ihre Ideen, ihre Vision der Dinge sammeln und daraus gemeinsam, sie und wir zugleich, eine Vision vom Schicksal der Menschheit entwickeln. Diese Annahme aber, dass hinter dem Teufelskreis aus Verlangen, Neid und Hass irgendein tieferer menschlicher Kern der globalen Solidarität stünde, ist Bestandteil einer naiven, humanistischen Metaphysik.
Es kursieren zahlreiche Geschichten davon, dass viele Syrer eine Ausnahme unter den Flüchtlingen bilden: In Übergangslagern räumen sie ihren eigenen Müll weg, sie benehmen sich höflich und respektvoll, viele von ihnen sind gebildet und sprechen Englisch, oft bezahlen sie sogar für das, was sie verbrauchen. Kurz gesagt, sie sind wie wir, wie unsere gebildete und zivilisierte Mittelschicht. Und sie versuchen sogar Solidarität mit den einheimischen Europäern herzustellen: In Slowenien berichteten die Medien von Fällen, in denen bürgerliche syrische Einwanderer ihre slowenischen Helfer vor der Mehrheit der anderen Flüchtlinge warnten, welche sie als brutal und primitiv beschrieben.
Unsere Medien stellen normalerweise "zivilisierte" bürgerliche Flüchtlinge den "barbarischen" Flüchtlingen aus niederen Schichten gegenüber, die stehlen, unsere Mitbürger belästigen, sich Frauen gegenüber gewalttätig benehmen, in der Öffentlichkeit defäkieren. Anstatt dies alles als rassistische Propaganda abzutun, sollte man seinen Mut zusammennehmen und einen wahren Kern darin erkennen: Brutalität, bis hin zu Grausamkeiten gegenüber Schwächeren, Tieren, Frauen ist ein traditionelles Merkmal der "niederen Klassen". Eine ihrer Strategien des Widerstands gegen die Machthabenden war stets eine furchteinflößende Zurschaustellung von Brutalität, mit dem Ziel, gegen den bürgerlichen Sinn für Anstand zu verstoßen. Und man ist geneigt, die Ereignisse am Silvesterabend in Köln auf ähnliche Weise zu interpretieren – als ein obszöner Karneval der niederen Klassen.
Inzwischen sind in Köln mehr als 600 Anzeigen eingegangen. Ähnliche Zwischenfälle werden auch aus anderen deutschen Städten gemeldet (sowie aus Schweden). Es gibt Vermutungen, dass die Angriffe im Voraus geplant wurden, und die migrationsfeindlichen, barbarischen, rechten "Beschützer des zivilisierten Westens" schlagen mit Angriffen auf Einwanderer zurück, sodass eine Spirale der Gewalt droht. Und, wie zu erwarten, hat die politisch korrekte liberale Linke ihre Ressourcen mobilisiert, um den Zwischenfall herunterzuspielen, so wie es auch geschah, als 2014 ein Untersuchungsbericht schilderte, dass in der englischen Stadt Rotherham britisch-pakistanische Banden über Jahre wohl mehr als 1400 Kinder und Jugendliche missbraucht hatten.
Doch es steckt mehr dahinter, viel mehr: Der Karneval in Köln reiht sich in eine lange Liste ein, die zurückreicht bis ins Paris der 1730er. Der amerikanische Historiker Robert Darnton hat in seinem Buch "Das große Katzenmassaker. Streifzüge durch die französische Kultur vor der Revolution" auch den Aufstand von einer Gruppe von Druckerlehrlingen beschrieben. Sie waren aufgefallen, weil sie sämtliche Katzen, die sie auftreiben konnten, folterten und rituell ermordeten, darunter auch das Haustier von der Frau ihres Meisters. Die Lehrlinge waren buchstäblich schlechter behandelt worden als die von der Meisterin innig geliebten Katzen, besonders la grise (die Graue), ihre Lieblingskatze. Eines Nachts beschlossen die Burschen, diese Ungerechtigkeit auszugleichen, indem sie halb tote Katzen an einem improvisierten Galgen aufhängten. Es war eine Nacht des Tumults und des Gelächters. Die Männer waren außer sich vor Freude.
Warum aber war das Töten so lustig? Beim Karneval werden die normalen Verhaltensregeln durch das gemeine Volk aufgehoben, die gesellschaftliche Ordnung wird zeremoniell umgekehrt und auf den Kopf gestellt. Karneval ist und war die Hochsaison für Ausgelassenheit, Sexualität und jugendlicher Ausschweifungen, und in früheren Zeiten gehörte es auch dazu, dass Jugendliche Katzen folterten, indem sie ihnen das Fell abzogen, damit diese jaulten. Dieses Jaulen floss ein in die raue Musik des Karnevals. Faire le chat, hieß das. Überhaupt war das Quälen von Tieren, besonders von Katzen, im gesamten frühen modernen Europa ein beliebtes Vergnügen. Katzen waren ein mächtiges Symbol für Sexualität: Le chat, la chatte, le minet bedeuten in der französischen Umgangssprache dasselbe wie "Pussy" auf Englisch oder "Muschi" auf Deutsch, und sie dienen seit Jahrhunderten als Obszönitäten.
Was also, wenn wir den Kölner Vorfall als eine zeitgenössische Version von faire le chat betrachten? Als eine karnevalartige Rebellion der Underdogs? Es war nicht einfach der Drang sexuell ausgehungerter junger Männer nach Befriedigung – das könnte man diskreter und versteckter erledigen –, es war in erster Linie ein öffentliches Spektakel, um Angst zu verbreiten, die "Muschis" der privilegierten Deutschen einer schmerzhaften Hilflosigkeit auszusetzen und um sie zu demütigen. Natürlich ist bei einem solchen Karneval nichts Erlösendes oder Emanzipatorisches, nichts wirksam Befreiendes – aber so funktionieren echte Karnevals.
Deshalb sind die Bemühungen, Migranten aufzuklären, ihnen zu erläutern, dass bei uns andere sexuelle Sitten und Gebräuche herrschen, dass beispielsweise eine Frau, die in der Öffentlichkeit einen Minirock trägt und lächelt, damit keine sexuelle Einladung ausspricht, Beispiele atemberaubender Dummheit. Sie wissen das, und deshalb tun sie es. Sie tun es gerade, weil sie unsere Empfindlichkeiten verletzen wollen. Es kann also nicht darum gehen, ihnen beizubringen, was sie schon wissen, sondern ihre Haltungen, ihre Einstellungen, ihren Neid und ihre Aggression zu verändern und abzubauen.
Und das ist die schwierige Lektion aus dieser ganzen Affäre: Es genügt nicht, den Underdogs eine Stimme zu geben, sie so zu sehen, wie sie sind. Um sie wirklich zu emanzipieren, müssten sie zur Freiheit erzogen werden. Von anderen und von sich selbst.

Ist Religion lediglich ein Mantel, in keinerlei Hinsicht der Kern der Sache, sondern nur eine Subjektivierung?

Man muss ihnen nicht erklären, dass ein Minirock keine sexuelle Einladung ausspricht. Sie wissen das und tun es deshalb.

Von Slavoj Žižek

DER SPIEGEL 3/2016
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