16.01.2016

FilmkritikMiniaturduftbäumchen

Eine surreale Geschichte über die Liebe: Selten sah das Banale so besonders aus wie in Charlie Kaufmans „Anomalisa“.
Es muss da ein spezielles Leiden geben; einen Überdruss am Business-Trip, der genährt wird von Zimmerservice-Lachs und der jeden neuen Ort, jede neue Stadt auf eine Silhouette hinter den Fenstern der Suite reduziert. Besonders anfällig für dieses Leiden müssen Menschen sein, die mit Flugzeugen in Städte fliegen, wo sie in Hotels wohnen, weil sie am nächsten Tag auf Konferenzen Reden halten. Und besonders hart getroffen hat es Michael Stone, Autor des Ratgebers "How May I Help You Help Them". Ein Motivationscoach mit Depressionen – Stone könnte der Inbegriff des traurigen Helden unseres modernen Lebens sein.
Zumindest aber ist er der Held eines deprimierenden Puppenfilms. "Anomalisa" heißt das neue Werk von Duke Johnson und Charlie Kaufman, der als Drehbuchautor von "Being John Malkovich" und "Vergiss mein nicht!" bekannt geworden ist und nun zum zweiten Mal in seiner Karriere Regie geführt hat. "Anomalisa" ist ein Stop-Motion-Film, der als Crowdfunding-Projekt begonnen hat. Nach einer guten Woche war die Mindestfördersumme von 200 000 Dollar gesammelt. Viele Jahre hat es danach gedauert, diesen Film zu realisieren. Der Chef des Animationsteams hat in einem Gespräch mit dem "Guardian" gesagt, in einer guten Woche seien zehn Sekunden Filmmaterial entstanden. Es mussten Miniaturduftbäumchen an den Rückspiegel eines Puppentaxis gehängt werden, und ein Puppenhotel wurde gebaut, mit Eiswürfelautomat auf dem Flur und cappuccinofarbenen Wänden.
Denn Kaufman hält es (bis auf eine Traumsequenz) erst einmal nicht anders als all die Modelleisenbahnbauer, die in ihren Kellern und auf ihren Dachböden ja auch nie Miniaturfantasiewelten erschaffen, sondern maßstabgetreue Nachbildungen des Bahnhofs Neuffen. Alles, was man im Alltag zu übersehen gelernt hat, wird einem in "Anomalisa" vor Augen geführt.
Eine Nacht verbringt Michael Stone in dem Hotel "Al Fregoli", dessen Name ein Hinweis auf das Pseudonym Francis Fregoli ist, unter dem Kaufman das Theaterstück geschrieben hat, das die Vorlage zu "Anomalisa" ist. Und ein Hinweis auf das Fregoli-Syndrom, das bei einer schizophrenen Erkrankung auftreten kann. Am nächsten Tag soll Stone einen seiner Vorträge vor Leuten halten, die von überall her gefahren kommen, um ihn davon reden zu hören, dass ein Lächeln nichts kostet. Dass ein Kunde nie nur ein Kunde ist, sondern immer ein Mensch, mit eigenen Träumen und eigener Kindheit und eigener Geschichte. Nur er selbst glaubt nicht daran. Denn Michael Stone, kurz davor, verrückt zu werden, hört nicht etwa Stimmen. Er hört keine Stimmen.
Die surrealsten Momente in "Anomalisa" haben nichts damit zu tun, dass auf der Leinwand Puppen ihr Menschenmöglichstes tun, sondern damit, dass alle Nebenrollen von dem Schauspieler Tom Noonan gesprochen werden (in der deutschen Fassung: Christian Weygand). Er spricht Stones Frau und den Hotelportier und Stones Sohn und den Taxifahrer und Stones Exfreundin und die Zuhörer seines Vortrags. Er spricht mal höher, mal tiefer, mal quengelnder, mal sanfter. Er spricht fast pausenlos. Denn es ist nicht so, als würden die Personen in Stones Leben nichts sagen. Es ist nur so, dass ihm jede von ihnen so nichtssagend erscheint. Stone ist getrieben von der Sehnsucht, eine andere Person als Individuum zu erkennen und sie mit ihrer eigenen Stimme sprechen zu hören. Er ist getrieben von der Sehnsucht nach einem Du, demgegenüber er erst selbst zu einem Ich werden kann.


Er findet dieses Du nicht in seiner Ehefrau, der er am Telefon nicht wirklich etwas zu sagen hat. Er findet es nicht in seiner Exfreundin, die er zu einem schnell eskalierenden Gespräch in der Hotelbar trifft. Alle und alles langweilt ihn, alles sieht gleich aus und klingt gleich, bis er eine Frau auf dem Hotelflur hört. Es ist Lisa, die sein Buch gelesen hat. Lisa, die am liebsten Apple Mojitos trinkt und manchmal Lieder von Cyndi Lauper singt. Lisa, die nicht sagen will, woher ihre Narbe stammt, die Fremdsprachen mag und ihre Stimme in Jahren am Kundentelefon darauf trainiert hat, so freundlich und verbindlich zu klingen, dass Stone ihr augenblicklich verfällt. Es ist Lisa, eine Anomalie im Ewiggleichen. Für Stone ist sie Anomalisa.
Eine Figur wie Stone braucht ein Gegenüber wie Anomalisa, um das Leben zu ertragen. Eine Figur wie Stone braucht ein Genre wie das Stop-Motion-Genre, um erträglich zu sein. Darin liegt die seltsame, verstörende Zauberkraft von "Anomalisa". Die ruckelige Stop-Motion-Ästhetik tüncht die herablassende Gleichmacherei dieses Stone mit einer Unschuld, die er längst verloren hat. Große Kunstwerke basieren oft auf großen Gegensätzen wie die Popsongs, die man hundertmal mitsummt, bis man versteht, dass sie von großem Schmerz und Liebeskummer handeln. Demnach müsste "Anomalisa" eines der größten Leinwandkunstwerke des Jahres sein. Denn es wurde von dem Filmemacher erschaffen, der das Besondere im Banalen sieht. Und es handelt von einer Puppe, die in allem Besonderen nur das Banale sehen kann.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 3/2016
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