16.01.2016

Der AugenzeugeRiesige Hügel im Watt

Hans Uhlmann, 62, arbeitet seit drei Jahren beim Naturschutzverein "Der Mellumrat" in Ostfriesland. Er zählt Tierbestände und kontrolliert Küstenabschnitte. Einen Wal hatte Uhlmann bis zum 8. Januar noch nie in freier Natur gesehen. Und dann gleich zwei. Aber tot.
"Wir machten gerade unsere Kontrollrunde am Strand der Insel Wangerooge, wie jeden Tag bei Ebbe, als wir in der Ferne zwei große, dunkle Hügel im Watt sahen. Die gehören da aber nicht hin, dachte ich mir noch, und wir rätselten, was das wohl sei. Als wir uns dann bis auf 200 Meter genähert hatten, wurde uns klar, dass das Pottwale sind, so 12, 13 Meter lang. Wir wussten nicht, ob die noch lebten, ob sie gestrandet waren oder bei Flut angespült wurden. Beide lagen regungslos auf der Seite, das eine Auge verdeckt, das andere zugefallen. Der etwas größere der beiden blutete heftig aus einigen Wunden am Maul. Kein schöner Anblick.
Als wir feststellten, dass die beiden Wale tot sind, war ich erleichtert. Sonst hätten sie nur noch länger leiden müssen. Die kriegen ja an Land keine Luft. Retten hätte man sie sowieso nicht können. Die waren riesig, bis zu 30 Tonnen schwer, man hätte die dort niemals weg- und zurück ins Wasser bekommen. Dafür war der Untergrund zu weich, und die Tiere waren zu schwer.
Wir wussten erst nicht, was wir tun sollten. Wie oft hat man schon einen toten Wal vor sich liegen? Als wir endlich Handyempfang hatten, riefen wir die Nationalparkverwaltung an, maßen die beiden Tiere ab und fotografierten ihre Schwanzflossen. Über die sogenannte Fluke kann man Wale unterscheiden, auch über Formen, Färbungen und Abschürfungen auf der Haut. In den vergangenen Tagen sind noch etliche andere Pottwale an der Nordseeküste gestrandet. Wieso das so ist, weiß man nicht. Manche sagen, dass es etwas mit Magnetismus zu tun hat, mit Schiffslärm, mit speziellen Winden oder Strömungen.
Die beiden Kadaver werden nun weggeschafft und zerlegt. Die Skelette stellt man dann vielleicht im Museum aus. Ich wollte immer schon einmal in meinem Leben einen Wal sehen, lieber wäre mir aber ein lebender gewesen."
Von Josef Saller

DER SPIEGEL 3/2016
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