23.01.2016

EssayRequiem für eine Revolution

Der Arabische Frühling hat Kriege und neue Diktaturen gebracht, aber es ist zu früh, um sein endgültiges Scheitern auszurufen. Von Erich Follath
Es war einmal ein Volksaufstand, und welche Euphorie, welche Hoffnungen mit ihm verbunden waren, wird keiner vergessen, der damals in Kairo dabei war. Am 25. Januar 2011 hatte eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Studenten und Unternehmern, Facharbeitern und Ärzten den "Tag des Zorns" proklamiert und zu landesweiten Demonstrationen aufgerufen. Präsident Hosni Mubaraks Schergen hatten wieder einmal einen Unschuldigen gefoltert und später in die protestierende Menge geschossen – es war ein Dutzend Tote zu viel. Mit etwa 10 000 Teilnehmern rechneten die Initiatoren, es wurden Hunderttausende. Die Angst war gewichen, sie hatte sogar die Seiten gewechselt. Die Staatsmacht wirkte wie gelähmt, sie schickte statt eigener Truppen bezahlte Provokateure los, die peitschenschwingend auf Pferden und Kamelen die Menge überfielen.
Doch die Aufständischen ließen sich nicht vertreiben, nicht an diesem Tag und nicht danach, vor allem nicht vom Tahrir-Platz, vom "Platz der Freiheit". Zwei Wochen später stürzte Mubarak. Der Weg schien frei für eine bessere Zukunft, in Ägypten und in der gesamten arabischen Welt, wo die Menschen gegen ihre unfähigen Politiker, gegen Vetternwirtschaft, Armut und politischen Stillstand aufstanden.
Fünf Jahre und sechs Revolutionen später ist die Bilanz niederschmetternd, ist nirgendwo ein Happy End in Sicht. Libyen wurde zu einem gescheiterten, von Milizen zerstückelten Staat; das Golfkönigreich Bahrain unterdrückt heute noch brutaler als zuvor oppositionelle Denker und Schiiten; in Syrien und im Jemen toben Kriege, die mehr als eine Viertelmillion Menschen das Leben gekostet und Millionen weitere zur Flucht gezwungen haben. Lediglich in Tunesien, dem Ausgangspunkt der Arabellion, gibt es noch Ansätze einer demokratischen Entwicklung, aber auch da sind Reformen stecken geblieben, terrorisieren Islamisten die Bevölkerung, sitzen noch immer Vertreter des alten Regimes in wichtigen Positionen.
"In Ägypten ist die Menschenrechtssituation heute schlimmer als unter Mubarak, es gibt mehr Pressezensur, mehr Polizeiwillkür", klagt verzweifelt mein Bekannter Alaa Al Aswany, der auf dem Tahrir immer an vorderster Front dabei war. Aswany ist einer der meistgelesenen Schriftsteller des Landes, seine Prominenz schützt ihn vor Verhaftung. Aber immer wieder wird ihm durch staatsnahe Medien unterstellt, für ausländische Geheimdienste zu arbeiten, wahlweise den israelischen oder den iranischen. Man will ihn einschüchtern und mundtot machen, wie alle Kritiker im Land.
Selten hat die Mehrheit der Araber in bedrückenderen Zeiten gelebt. Die Hoffnungen des politischen Frühlings sind einer neuen Eiszeit gewichen; was sich an Zivilgesellschaft gebildet hatte, ist wieder zersplittert, die Arbeitslosigkeit immer noch hoch. Von "good governance", einer Rechenschaft ablegenden, ihren Bürgern Mitbeteiligung einräumenden Regierungsführung – nirgendwo eine Spur. Was also ist schiefgelaufen? Warum erwiesen sich die Kräfte der alten Regime letztlich als so beharrlich? Und lässt sich aus diesem Desaster lernen?
In Ägypten hatte die Revolution drei große Defizite, die ihr zum Verhängnis wurden. Das erste war, dass die Revolutionäre kein Programm besaßen, keine politische Agenda. Sie wussten nur, was sie nicht wollten – eine Fortsetzung der Mubarak-Diktatur. Bei der Organisation des Protests erwies sich die Vielfalt der Teilnehmer noch als nützlich, aber für die Zeit danach fehlte es an gemeinsamen Zielen und Prioritäten. Viele Aufständische unterlagen zudem einer fatalen Fehleinschätzung: Sie glaubten die Armee an ihrer Seite. Richtig war, dass die Generalität den Diktator Mubarak zwar nicht mehr unterstützte, aber zugleich keineswegs daran dachte, die Macht abzugeben – und so weiterhin alle Fäden zog.
Der zweite Fehler war, dass die Revolutionäre keine politische Führungspersönlichkeit hatten. Mohamed ElBaradei, der in Kairo geborene Jurist und Friedensnobelpreisträger, schien geeignet für die Rolle und inspirierte viele der jungen Idealisten. Doch er sah sich nur als "Katalysator des Wandels", nicht als Mann an der vordersten Front. Bei seinen wenigen Auftritten auf dem Tahrir-Platz blieb der stets Integre blass – und nach Mubaraks Sturz scheute er sich, eine Partei zu gründen und die Präsidentschaft anzustreben.
Und schließlich setzten die Revolutionäre auf schnelle Wahlen statt auf den Ausbau demokratischer Institutionen, das war der dritte Fehler. Dabei hätte es zuerst noch viel mehr gebraucht, um das zutiefst autokratische, durch einen konservativen Islam und eine korrupte Oberschicht geprägte Land zu reformieren: unabhängige Gerichte, Pressefreiheit, starke Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen. In den überhastet anberaumten Wahlen konnten sich daher die gut organisierten Muslimbrüder durchsetzen; sie ruinierten das Land innerhalb eines Jahres so gründlich, dass die Mehrzahl der Ägypter den Militärputsch im Sommer 2013 fast als Befreiung empfand. Seither regiert das Militär wieder ganz offen das Land, mit dem Exgeneral Abdel Fattah el-Sisi an der Spitze. Der neue "Pharao" verteilt mit Milliardenhilfe aus Saudi-Arabien Wohltaten, mehr an die Armee als an sein Volk. Er sieht sich aber einer Welle des Terrors gegenüber, auch eine Folge davon, dass er die Muslimbrüder brutal verfolgt und in den Untergrund getrieben hat.
Ägypten, im Januar 2016, ist ein Land am Abgrund: Exdiktator Mubarak ist vielleicht bald wieder frei, und Mohamed Morsi, sein immerhin demokratisch gewählter Nachfolger als Präsident, ist wegen Mordes zum Tode verurteilt. Diplomat ElBaradei hat inzwischen seine Memoiren geschrieben und lebt fern der Heimat in Südfrankreich und in Wien. Rockmusiker Ramy Essam, dessen Lied "Irhal" ("Zieh Leine") zu einer Hymne der Revolution wurde, hat nach Folter und Auftrittsverbot Kairo verlassen, er lebt jetzt im schwedischen Malmö, wo er für zwei Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat. Und der Apotheker Moaz Abdelkarim, einer der wenigen Muslimbrüder, die an Pluralismus geglaubt haben, hofft im türkischen Exil weiterhin auf politischen Wandel.
Viele der namenlosen Revolutionshelden sind verbittert, zynisch, zukunftsverzagt. Wer aus der Innenstadt von Kairo in Richtung der Pyramiden von Gizeh fährt, kann an einer Hauswand das Graffito des Tahrir-Aktivisten Kareem Shaheen lesen: "Freunde, erinnert ihr euch an das Morgen, das niemals kam?"
Die Revolution küsst ihre Kinder, die Revolution frisst ihre Kinder, die Revolution vergisst ihre Kinder – dieser Ablauf ist nicht neu, keineswegs beschränkt auf den Arabischen Frühling. So war es in der Geschichte (fast) immer – und was wir im Nachhinein als dramatische Veränderungen wahrnehmen, ging oft nur im Schneckentempo und im Zickzackkurs voran.
"Amerikas Gründungsväter stützten ihre Unabhängigkeitserklärung auf die unveräußerlichen Rechte auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück, doch Amerika brauchte danach noch fast ein Jahrhundert, um die Sklaverei abzuschaffen, und ein weiteres Jahrhundert, um Bürger aller Hautfarben vor dem Gesetz gleichzustellen", schreibt der Nahostkenner Thanassis Cambanis in seinem Buch "Once Upon a Revolution" und plädiert für mehr Geduld mit Ägypten. Auch nach 1848 hatten in Europa die revolutionären Bewegungen erst einmal wenig Effekt, vielerorts sogar konservative Rückschläge ausgelöst, bevor sie dann Jahrzehnte später Politik und Gesellschaft voranbrachten. Selbst bei der Studentenrevolte von 1968 war es letztlich nicht anders. Als der chinesische Ministerpräsident Zhou Enlai einmal gefragt wurde, was er denn von der Französischen Revolution halte, sagte der kommunistische Führer nach gründlichem Nachdenken: "Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen."
Fehlt uns womöglich nur der lange Atem der in größeren historischen Dimensionen denkenden Chinesen, um Ägyptens Revolution richtig zu beurteilen? Verdient der Arabische Frühling eine zweite Chance oder wenigstens doch eine vorsichtigere, nicht durchweg verdammende Beurteilung?
Neue Medien wie Facebook und Twitter erwiesen sich als ideale Mobilisierungsmittel, als Beschleuniger des Aufstands – aber sie waren keine Wunderwaffe für die Zeit nach dem Umbruch. Das Problem aller Revolutionäre in der heutigen Zeit ist die Erwartungshaltung, der Beschleunigungsdruck, der Zwang zur Sofortbelohnung: Während Umstürze in den neuen Medien im Zeitraffer abzulaufen scheinen, hinkt die reale Politik in Zeitlupe hinterher, besonders beim Schaffen neuer Jobs oder besserer Lebensbedingungen. Das muss zu Enttäuschungen und zu Rückschlägen führen. Auf die Tage der Euphorie folgt wohl unvermeidlich ein Übergangschaos; das auszuhalten, es in eine positive, stetige Entwicklung zu überführen, wird immer schwieriger. Fast unmöglich.
Das ist die pessimistische Sicht der Dinge. Die optimistische geht so: Während die Gaddafis, Mubaraks und Ben Alis sich noch ihrer Gewaltherrschaft über Jahrzehnte sicher sein konnten, ist die Überlebensdauer solcher Regime heute nicht mehr garantiert. Jeder Autokrat, auch Ägyptens Präsident Sisi, muss mit revolutionären Umwälzungen und mit seinem Sturz rechnen, wenn er auf die Dauer keine Fortschritte aufweisen kann, wenn er korrupt ist und sich zu diktatorisch gebärdet. Die arabische Revolution ist keine Erfolgsgeschichte. Aber sie ist, vielleicht, eine Fortsetzungsgeschichte. ■

Jeder Autokrat muss heute mit seinem Sturz rechnen, wenn er keine Fortschritte aufweisen kann.

Von Erich Follath

DER SPIEGEL 4/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 4/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Essay:
Requiem für eine Revolution

Video 02:41

Jever statt Westeros Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil

  • Video "Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger" Video 03:17
    Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger
  • Video "Nach Brandkatastrophe: Schätze aus Notre-Dame im Louvre untergebracht" Video 01:06
    Nach Brandkatastrophe: Schätze aus Notre-Dame im Louvre untergebracht
  • Video "Gesang als Waffe: Die Singing Cops von Buffalo" Video 02:03
    Gesang als Waffe: Die "Singing Cops" von Buffalo
  • Video "Hafenkräne stürzen ins Wasser: Unfall auf Werft" Video 00:51
    Hafenkräne stürzen ins Wasser: Unfall auf Werft
  • Video "Notre-Dame-Kathedrale: So wurde der Brand im Inneren bekämpft" Video 01:23
    Notre-Dame-Kathedrale: So wurde der Brand im Inneren bekämpft
  • Video "Premiere der Formel W: Eine Rennserie nur für Frauen" Video 01:45
    Premiere der Formel W: Eine Rennserie nur für Frauen
  • Video "Gesang als Waffe: Die Singing Cops von Buffalo" Video 02:03
    Gesang als Waffe: Die "Singing Cops" von Buffalo
  • Video "Video aus Australien: Schlange auf der Scheibe" Video 01:01
    Video aus Australien: Schlange auf der Scheibe
  • Video "Brandkatastrophe in Notre-Dame: Video vom Einsatz der Feuerwehrleute" Video 01:32
    Brandkatastrophe in Notre-Dame: Video vom Einsatz der Feuerwehrleute
  • Video "Regierungsflieger: Funktionsstörung und Probleme bei Landung" Video 01:12
    Regierungsflieger: Funktionsstörung und Probleme bei Landung
  • Video "US-Polizeivideo: Da bewegen sich Schatten im Bad!" Video 01:32
    US-Polizeivideo: "Da bewegen sich Schatten im Bad!"
  • Video "Feuer in Pariser Kathedrale Notre-Dame: Die Franzosen fühlen sich tief getroffen" Video 01:37
    Feuer in Pariser Kathedrale Notre-Dame: "Die Franzosen fühlen sich tief getroffen"
  • Video "Brand von Notre-Dame: In Trauer vereint" Video 01:57
    Brand von Notre-Dame: In Trauer vereint
  • Video "Notre-Dame-Großbrand: Kathedrale in Flammen" Video 01:26
    Notre-Dame-Großbrand: Kathedrale in Flammen
  • Video "Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil" Video 02:41
    Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil