23.01.2016

KommentarBevor es zu spät ist

Warum jeder über seine letzten Tage nachdenken sollte
Gäbe es die Palliativmedizin als Medikament, könnten Pharmakonzerne auf Werbung dafür verzichten. Die Erfolge dieser Wunderpille wären so beeindruckend, dass jeder diese am Lebensende haben wollte.
Palliativpatienten erleben weniger Schmerzen und Ängste, dafür mehr schöne Momente im Beisein ihrer Liebsten – dank vieler Gespräche, intensiver Pflege und Schmerzmittel. Unter Umständen leben sie sogar länger als mit manch waghalsiger Krebstherapie. Aber der Verzicht auf Chemotherapie und Bestrahlung in hoffnungslosen Fällen lässt sich nun einmal schlecht verkaufen. Nur so lässt sich erklären, warum das besagte Wundermittel so lange vernachlässigt wurde.
Nun endlich will Deutschland 200 Millionen Euro zusätzlich in die Palliativmedizin investieren. Es ist an der Zeit. Zwei Drittel aller Deutschen wünschen sich, zu Hause zu sterben – nicht im Krankenhaus und schon gar nicht im Heim. Dass nur jedem fünften dies gelingt, liegt auch am Mangel an Palliativmedizinern: Dort, wo sich viele Ärzte darauf spezialisiert haben, sterben weit mehr Menschen daheim.
Doch die Schuld liegt auch bei uns. Wir schieben auf, wofür es irgendwann zu spät ist. Es geht um die Frage: Was ist wichtig, wenn die Zeit knapp wird? Wie viel Therapie will ich mir zumuten? Wer das für sich klärt, hat bessere Chancen auf ein friedliches Ende. Diejenigen, die das am besten wissen, sind die Ärzte. Sie sehen jeden Tag, wie sehr die Apparatemedizin das Leiden noch kurz vor dem Tod verlängert, dass am Lebensende weniger oft mehr ist. Ärzte in den USA, so eine aktuelle Studie, verbringen ihre letzten Monate seltener im Krankenhaus und müssen weniger OPs erdulden als der Rest der Bevölkerung.
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 4/2016
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