23.01.2016

Utopien„Unser Universum ist nicht real“

Was ist Wirklichkeit? Das war das Lebensthema des legendären Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. Nun spricht seine letzte Ehefrau über seine bizarre Gedankenwelt.
1982 starb der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick nach mehreren Schlaganfällen mit 53 Jahren. Zu Lebzeiten war er häufig nur knapp dem Bankrott entgangen. Erst nach seinem Tod wurde er zum Kultschriftsteller. Seine Bücher wurden in 33 Sprachen übersetzt und erreichten eine Millionenauflage. Fans verehren ihn heute als kreativen Erzähler und visionären Denker. Viele seiner Werke wurden verfilmt, darunter "Träumen Roboter von elektrischen Schafen?" (als "Blade Runner"), die Kurzgeschichte "Minority Report" oder aktuell der Roman "The Man in the High Castle", der als Vorlage für eine TV-Serie diente. Wer war dieser Mann, dessen faszinierende Gedankenwelt das Genre Science-Fiction für ein breites Publikum öffnete? Kaum jemand stand ihm so nahe wie Tessa Dick, 61, die fünfte und letzte Ehefrau des Schriftstellers. Sie lebt in Crestline, einem gottverlassenen Ort gut eine Autostunde von Los Angeles entfernt. Für sie gilt das Vermächtnis, das Philip K. Dick ihr kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab: "Du wirst dich an alles erinnern, und du wirst es allen erzählen."
SPIEGEL: Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht ein Philip-K.-Dick-Buch verfilmt wird. Aktuell läuft mit großem Erfolg die TV-Serie "The Man in the High Castle", die auf seinem gleichnamigen Roman basiert. Wie finden Sie die Verfilmung?
Dick: Ich habe schon die erste Folge nicht überstanden. Diese fürchterlichen Szenen von folternden Nazis waren zu viel für mich. In der Vorlage geht es vorwiegend um die Besetzung der amerikanischen Westküste durch die Japaner. Phil wollte eine Fortsetzung schreiben über die Besetzung der Ostküste durch die Deutschen. Aber als er sich dann intensiver mit den Nazis beschäftigt hatte, war er so angewidert, dass er das Thema fallen ließ und ein anderes Buch geschrieben hat.
SPIEGEL: Dick hat in seinen Büchern oft übertrieben, aber war nicht der Sieg der Achsenmächte Deutschland und Japan über die Alliierten im Zweiten Weltkrieg die größte Übertreibung seiner Karriere?
Dick: Im Gegenteil. Für Phil war dieses Buch viel mehr Realität als Fantasie. In Deutschland wurde der Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen Chef des Geheimdienstes. Und in den Vereinigten Staaten trieb mit Wernher von Braun ein deutscher Ingenieur das Mondlandeprogramm voran, der zuvor für Hitler zerstörerische Raketen gebaut hatte. Phil war schockiert und sagte: Die Deutschen haben den Krieg verloren, aber die Nazis haben gewonnen!
SPIEGEL: Wie hätten ihm selbst die aktuellen Verfilmungen seiner Werke gefallen?
Dick: Ach, ich glaube, er wusste ganz gut, dass zu viel Treue zur Vorlage keinen guten Film hervorbringt. Ich finde es bemerkenswert, dass die besten Philip-K.-Dick-Filme ausgerechnet jene sind, die gar nicht auf seinen Büchern beruhen – Werke wie "Matrix" oder "Inception" sind wunderbare Beispiele.
SPIEGEL: Inwiefern entsprechen diese hochgelobten Filme seiner Gedankenwelt?
Dick: Es geht darin um die Auflösung von dem, was wir für Realität halten. Dieses Universum, in dem wir leben, kann nicht real sein – und dennoch werden wir dazu gezwungen, es für real zu halten.
SPIEGEL: Das ist ein Grundmotiv, das viele seiner Bücher durchzieht.
Dick: Phil war überzeugt davon, dass es sich wirklich so verhält. Wir Menschen und alles um uns herum bestehen aus Atomen, aber Atome sind erwiesenermaßen nur leere Hüllen. Phil hat dieser Gedanke verrückt gemacht, und er hat daraus eine völlig neue Form der Science-Fiction geschaffen. Bei ihm ging es nicht so sehr um utopische Technik, nicht darum, was in ferner Zukunft für faszinierende Raumschiffe durchs All fliegen, sondern um Philosophie. Was ist Wirklichkeit?
SPIEGEL: War er ein ängstlicher Mensch?
Dick: Zumindest fürchtete er sich davor, dass moderne Technologien außer Kontrolle geraten könnten. Er schrieb über Maschinen, die die Herrschaft über unser Leben übernehmen. Seine Hauptfiguren waren Jedermänner, die mit der Welt nicht zurechtkamen, in die sie geworfen wurden. Aber das hatte auch eine humorvolle Seite: Dieser unverdrossene Versuch seiner Figuren, sich in dieser fremden, bizarren Welt zurechtzufinden, verlieh seinen Romanen einen reizvollen Aberwitz.
SPIEGEL: Und das hat er auch alles so gemeint?
Dick: Ja, Phil stellte alles infrage, er hielt selbst viele Leute, mit denen er zu tun hatte, nicht für real existierende Menschen. Gleichzeitig plagten ihn schreckliche Phobien. So hatte er im Wortsinne Platzangst: Öffentliche Plätze jagten ihm einen Mordsschrecken ein. Sagen wir so: Er versuchte mühsam, sich aufrecht zu halten.
SPIEGEL: Ihr Mann lebte fast sein Leben lang am Rande der Armut. Ist es nicht verwirrend, dass er heute ein ziemlich reicher Bestsellerautor wäre?
Dick: Phil sehnte sich nach Sicherheit, aber nicht nach Reichtum. Gegen Ende seines Lebens kam erstmals etwas Geld rein, und er kaufte ein rotes Sportcoupé. Aber der Wagen stand meistens in der Garage. Wahrscheinlich hätte Phil das meiste Geld weggegeben an wohltätige Organisationen.
SPIEGEL: Sie waren seine fünfte und letzte Ehefrau, haben sich aber 1977 von ihm scheiden lassen. Bereuen Sie das im Nachhinein?
Dick: Ja, aber nicht so sehr wegen des Geldes. Ich werde von den Erben behandelt wie eine Fremde, die Phil niemals kannte. Phils Töchter Laura und Isa sind eigentlich nette Ladys, aber sie haben aus irgendeinem Grund Angst, mit meinem Namen in Verbindung gebracht zu werden.
SPIEGEL: Einer der Erben ist immerhin ihr gemeinsamer Sohn Christopher.
Dick: Christopher ist ein guter Junge. Er besucht mich mehrmals im Jahr. Gerade lässt er sich zum Sheriff ausbilden. Über seinen Vater kann er bis heute nicht sprechen, ohne zu weinen. Er vermisst ihn sehr.
SPIEGEL: Könnten die Erben Ihnen nicht wenigstens einen bequemen Ruhestand finanzieren? Die müssten ziemlich viel verdient haben mit den Rechten am Werk ihres Vaters.
Dick: Sie geben mir jedes Jahr eine kleine Summe, mehr können sie nicht tun. Anders, als man glauben könnte, sind sie nicht reich geworden. Sie haben ein paar falsche Entscheidungen getroffen, deshalb landet viel Geld in den Taschen irgendwelcher Anwälte.
SPIEGEL: Wie verlief denn das wirkliche Leben mit einem so exzentrischen Mann? Sie haben sich nach vier Jahren von ihm scheiden lassen, das deutet auf ein wenig harmonisches Zusammensein hin.
Dick: Ich wollte mich gar nicht von ihm trennen, aber er hatte ein neues Apartment angemietet, neue Möbel gekauft und eine neue Freundin dort hineingesetzt. Und ich saß daheim mit unserem kaum fünfjährigen Jungen ...
SPIEGEL: Also hat er Sie auf klassische Weise sitzen lassen? Das klingt nicht sehr verantwortungsbewusst.
Dick: Ich war vor allem sauer darüber, dass er aller Welt erzählte, ich wäre es gewesen, die ihn verlassen hätte. Und das Verrückte war: Alle haben ihm geglaubt. Phil besaß einfach nicht die Fähigkeit, ehrlich zu sein. Er flirtete mit Frauen jeden Alters, jeder Form und jeder Größe. Er war ein Womanizer.
SPIEGEL: Was fanden Frauen an ihm attraktiv?
Dick: Er war sehr klug und unterhaltsam, aber da war noch etwas anderes. Er wirkte sehr schutzbedürftig, wie ein großer Junge. Das ist eine Versuchung, der viele Frauen nicht widerstehen können.
SPIEGEL: Sie sind selbst Schriftstellerin. Haben Sie sich gegenseitig Ihre Romane vorgelesen?
Dick: Von wegen! Die Aufteilung war so: Ich kümmerte mich um den Haushalt, während Phil schrieb. Das war wohl auch besser so, denn Phil war ein lausiger Hausmann. Er hinterließ überall eine Riesenschweinerei. Als er allein lebte, gab seine Stereoanlage den Geist auf. Ein Techniker schraubte das Gerät auf und fand darin Unmengen von Katzenhaaren und Schnupftabak. Wenn ich mit dem Putzlappen durch die Wohnung lief, rief er: Komm, setz dich zu mir und hör dir an, was ich geschrieben habe. Das führte leider häufig dazu, dass die Wohnung unaufgeräumt blieb.
SPIEGEL: Hörten Sie ihm gern zu?
Dick: Ich hörte nicht nur zu, wir diskutierten nächtelang über das Konzept von Realität und Halluzinationen. Phil konnte in einer Minute seine Überzeugung darlegen, dass Hitler an Syphilis erkrankt war, und in der nächsten Minute ließ er sich über die Güte eines bestimmten Schnupftabaks aus. Dann nahm er ein paar Schlucke Kaffee und erfand aus dem Nichts die Handlung für einen neuen Roman. Das war faszinierend. Manchmal hatte ich allerdings auch die Nase voll davon, mir anzuhören, was Gott diesmal wieder zu ihm gesagt hatte.
SPIEGEL: Kenner führen seine ungewöhnliche Kreativität auf den Konsum von Amphetaminen zurück.
Dick: Das ist totaler Quatsch. Phil hat schon Anfang der Sechzigerjahre aufgehört, Amphetamine zu nehmen. Er war damals an einer Pankreatitis erkrankt. Oft sahen ihn Leute Pillen einwerfen, aber das waren harmlose Vitamintabletten. Als wir zusammen waren, war er sauber. Er war ungeheuer produktiv, auch wenn die Verleger seine Bücher lange Zeit als billige Paperbacks verramschten. In den Siebzigerjahren rief einmal John Lennon bei ihm an und sagte ihm, den Song "Paperback Writer" hätten die Beatles ihm zu Ehren geschrieben.
SPIEGEL: In den Siebzigerjahren hat er längst nicht mehr so viele Bücher geschrieben wie in den Sechzigern. War seine Schaffenskraft aufgebraucht?
Dick: Nein, sicher nicht. Er war schwermütiger geworden, hatte schwere Lebenskrisen hinter sich und einen schlimmen Selbstmordversuch. Der Humor war aus seinen Büchern verschwunden. Aber er schrieb weiter wie ein Besessener. Seine Exegese, in der er seine religiösen Visionen darlegte, umfasste mehr als 8000 Manuskriptseiten. Sein Literaturagent sagte ihm: Phil, wer um Gottes willen soll das lesen?
SPIEGEL: War Philip K. Dick in seinen letzten Jahren ein religiöser Spinner?
Dick: Phil experimentierte viel mit Meditation und versuchte, mit Geistern Kontakt aufzunehmen. Dabei hat er etwas Beunruhigendes gesehen, und es ist für mich unwichtig, ob das eine Projektion seines Unterbewusstseins war oder ein wirklich vorhandenes Wesen. Es war in jedem Fall beängstigend.
SPIEGEL: Brach nach ihrer Trennung der Kontakt zu ihm ab?
Dick: Nein, wir stellten bald fest, dass wir beide nicht mit irgendeinem anderen Menschen zusammen sein wollten. Phil warb intensiv darum, dass ich wieder zu ihm zurückkehre. Weihnachten 1981 überreichte er mir zwölf rote Rosen und hielt um meine Hand an. Wir beschlossen, dass wir im neuen Jahr wieder heiraten wollten. Ein paar Wochen später ist er gestorben.
Interview: Frank Thadeusz
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 4/2016
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