23.01.2016

TiereDrama in zwei Akten

Für die Männchen mancher Spinnenarten ist der erste Sex oft auch der letzte: Danach werden sie vom Weibchen verspeist. Warum lassen sie sich darauf ein?
Fehler bei der Partnerwahl können das eigene Leben ruinieren – selten aber ist das Fiasko so endgültig wie im Fall der Wespenspinne.
"Gleich frisst sie ihn", sagt Jutta Schneider, Verhaltensbiologin an der Universität Hamburg. Auf dem Computerbildschirm läuft ein Videodrama, bei dem zwei ihrer Studienobjekte die Hauptdarsteller sind. Deren Liebesakt gerät zur Bluthochzeit. Das Weibchen fesselt den Partner mit Spinnenseide, später wird es ihn verspeisen.
Vater kann das Männchen trotzdem werden. Es hatte immerhin das Glück, nicht bereits vor der Paarung gefressen zu werden.
"Spinnen sind Kannibalen", sagt Schneider, "wenn sie Artgenossen fressen können, dann tun sie das auch." Vor allem die Männchen bringt jeder Annäherungsversuch in Lebensgefahr, da sie im Spinnenreich meist kleiner und schwächer sind als die Weibchen – ein Dilemma, ist doch die Fortpflanzung nahezu der einzige Zweck ihrer nur wenige Monate währenden Existenz.
Genau dieses Drama macht Spinnen wie Argiope bruennichi zum spannenden Forschungsgegenstand für Zoologen: Wie überzeugt ein Männchen ein Weibchen, sich ausgerechnet mit ihm einzulassen? Wie gelingt es, die Konkurrenten im Wettlauf um die Vaterschaft zu übertrumpfen? Und schließlich: Wie glückt es einigen Männchen, nach dem Sex unverspeist zu flüchten?
Alles beginnt damit, dass Wespenspinnen in einem bestimmten Rhythmus am Netz ihrer Auserwählten zupfen. Das Anklopfen soll signalisieren, dass ein potenzieller Partner ins Netz gegangen ist und nicht eines der bevorzugten Beuteinsekten wie Biene, Wespe oder Heuschrecke.
Lässt das Weibchen sich auf das Liebesspiel ein, gerät das Überleben des Partners zu einer Frage des Timings. Nach sechs Sekunden Koitus hat das Weibchen genug – eben noch Geliebte, jetzt Fressmaschine. Paarungen, die länger als sechs Sekunden dauern, überleben die Männchen so gut wie nie. Auch das ist für sie ein Problem; denn je kürzer der Sex, desto weniger Spermien lässt das Männchen zurück.
Vor Kurzem haben Schneider und ihre Greifswalder Kollegin Gabriele Uhl eine verblüffende Strategie beobachtet, mit der Wespenspinnenmännchen auch nach ausgedehnteren Liebesakten mit dem Leben davonkommen können.
Wie die Forscher in "Scientific Reports" berichten, muss das Männchen ein Weibchen in dessen schwächstem Moment erwischen: unmittelbar nach einer Häutung. Da ihr Außenskelett nicht dehnbar ist, müssen Spinnen regelmäßig ihre schützende Hülle abwerfen, um zu wachsen. Die neue Haut muss dann erst aushärten – eine Phase, in der die Weibchen potenziellen Feinden schutzlos ausgeliefert sind.
Auch für Männchen stellen sie während der Häutung keine Gefahr dar, wie Schneider beobachtet hat: "Die Paarung mit noch nicht ausgehärteten Weibchen überlebten 97 Prozent der Partner." Bei einer normalen Paarung entging höchstens jeder fünfte der Fressattacke.
Warum aber wählen dann nicht alle Männchen diesen Weg des geringsten Widerstands? Im Freiland machen Paarungen während der Häutung weniger als die Hälfte aller sexuellen Begegnungen aus.
Eine mögliche Erklärung: Das Verspeisen des Partners kommt dem Nachwuchs zugute – ein verdauter Papa stellt womöglich wichtige Proteine zur Verfügung, die den Spinnenbabys beim Start ins Leben helfen. Der Opfertod wäre demnach eine selbstlose Investition in die eigenen Nachkommen.
Bei Wespenspinnen scheint allerdings der wichtigere Grund zu sein, dass es gar nicht so einfach ist, ein sich häutendes Weibchen aufzuspüren. Das mussten auch die Forscher um die Biologin Schneider feststellen, als sie im Sommer rund um die Uhr auf einer spinnenreichen Versuchswiese im wendländischen Pevestorf hockten und warteten. "Wir wussten ja nicht, wann am Tag die Häutung stattfindet", sagt die Verhaltensforscherin.
Diese Frage ist nun immerhin geklärt: Argiope fährt stets frühmorgens aus der Haut: "Als wir das erkannt hatten, ließen wir die Tiere nicht mehr aus den Augen."
Genau das ist offenbar auch die einzige Chance der Spinnenmännchen. "Die Paarungen während der Häutung fanden nur dann statt, wenn das Männchen ohnehin schon in der Nähe war", berichtet Schneider. Ob die Männchen sich nur auf ihr Glück verlassen oder ob es doch subtile Signale der Weibchen gibt, an denen sie sich orientieren, wollen die Forscher als Nächstes ergründen.
Ähnlich hohen Aufwand musste auch Madeline Girard betreiben, um den Liebestanz einer weiteren kannibalischen Spinnenart zu analysieren. Die Biologin von der University of California in Berkeley interessiert sich für die wenige Millimeter großen Pfauenspinnen. Für ihre Forschung sammelte Girard zunächst im Umland der australischen Metropole Sydney Männchen und Weibchen verschiedener Arten ein. In ihrem Labor in Berkeley setzte sie die Tiere dann in eine mit Kameras und Sensoren überwachte Paarungsarena.
Dann ließ die Forscherin die Männchen um ihr Leben balzen: Um die Weibchen zu beeindrucken, ziehen Pfauenspinnenmännchen eine beeindruckende Show ab. Sie schwenken ihr knallbuntes Hinterteil – irisierend wie die Federn eines Pfaus – und winken mit ihrem übergroßen dritten Beinpaar. Dazu erzeugen sie rhythmische Vibrationen. Kommt die Darbietung nicht gut an, endet der Verehrer als Snack statt als Sexpartner.
In Girards Experimenten hatten meist die buntesten Männchen Erfolg, die zugleich den eindrucksvollsten Tanz hinlegten. Die Vibrationen hingegen schienen eher dazu zu dienen, überhaupt die Aufmerksamkeit der Angebeteten zu erregen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings B": "Offenbar hat die starke sexuelle Selektion durch die Weibchen zur Ausbildung derart komplexer Merkmale geführt", vermutet Girard.
Jutta Schneiders Wespenspinnen haben eine andere Strategie entwickelt, um Konkurrenten auszubooten. Die Männchen bewahren ihre Spermien in zwei Tastorganen auf, die sich aus einem Beinpaar entwickelt haben. Beim Sex bricht einer der beiden Samenspeicher ab, bleibt in einer der zwei Geschlechtsöffnungen des Weibchens stecken und versiegelt diese damit. Höchstens ein weiteres Männchen vermag dann noch das Weibchen zu befruchten.
Wer ganz sichergehen will, hat sogar zweimal Sex mit demselben Weibchen – verstopft also beide möglichen Sameneingänge. Das Risiko ist überschaubar: Ob der zweite Liebesakt tödlich endet, spielt keine Rolle für das Männchen. Da es beide Samenspeicher verbraucht hat, war das ohnehin sein letztes Mal.
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 4/2016
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