30.01.2016

KarrierenDr. Tweed

Der 74-jährige Alexander Gauland galt als Paradebeispiel des nachdenklichen Konservativen. Jetzt steht er auf dem Marktplatz und schreit: „Merkel muss weg.“ Von Jan Fleischhauer
An einem klaren Dezembertag ist Alexander Gauland aus Potsdam nach Passau geeilt, um eigenhändig die Sicherung der deutschen Außengrenze voranzutreiben. 5000 Flüchtlinge, oder wie man in der AfD sagt: "Invasoren", wurden hier schon am Tag gezählt. Der stellvertretende Parteivorsitzende blinzelt erwartungsfroh in die Mittagssonne, als er aus dem Wagen steigt.
Außer Gauland sind der Vorsitzende des bayerischen Landesverbandes und der Vorsitzende der AfD Niedersachsen angereist. Die Presse ist in Form des Regionalsenders TRP1 und eines Internetdienstes vertreten. Von den größeren Medien ist niemand erschienen, aber das ist für die AfD nichts Neues. Solange die Bilder stimmen, findet der Termin auch so seinen Weg in die Öffentlichkeit.
Es gibt nur ein Problem: Es ist weit und breit kein Flüchtling zu sehen.
"Offenbar sind die Flüchtlinge heute in Neuhaus", sagt die AfD-Mitarbeiterin, die für die Organisation zuständig ist. Sie schaut etwas betreten.
Es ist wirklich sehr ruhig in Passau. Der Verkehr fließt ungehindert über die B 130. Hin und wieder biegt ein Wagen in den Parkplatz vor der "Turmöl"-Tankstelle ein, auf dem die Grenztruppe der AfD Aufstellung genommen hat.
Alle blicken zu Gauland. 590 Kilometer liegen zwischen Potsdam und dem Übergang, sechseinhalb Stunden hat ihn die Fahrt gekostet. Aber Gauland konzentriert sich auf die Spitzen seiner englischen Halbschuhe. Nur seine Mundwinkel verraten, was er davon hält, dass sie hier nicht einmal in der Lage sind, einen einzigen verdammten Flüchtling aufzutreiben, wenn es darauf ankommt.
Es folgt eine kurze Beratung über das weitere Vorgehen. Der Vorschlag, den Standort zu wechseln, um sich den Invasoren in Neuhaus in den Weg zu stellen, muss leider verworfen werden: Es drängt ein Anschlusstermin, der sich nicht verschieben lässt. Also versammelt man sich unter einem einsam am Straßenrand stehenden deutschen Grenzschild, nachdem es der bayerische Vorsitzende von Schmutz befreit hat.
So endet der Tag immerhin mit einem kleinen Erfolg: An der Grenze zwischen Österreich und Deutschland auf Höhe des Zollamts Achleiten strahlt das deutsche Hoheitszeichen wieder so frisch, als wenn es dort tags zuvor aufgestellt worden wäre.
Parteiarbeit ist Kärrnerarbeit, das gilt erst recht in einer jungen Partei wie der AfD. Wenn es nicht die Altparteien oder irgendwelche Autonomen sind, die mit Boykottaktionen drohen, dann kämpft man mit den Widrigkeiten des Alltags. Andererseits scheint es für die AfD unaufhaltsam voranzugehen: Falls nichts dazwischenkommt, wird sie in sechs Wochen zweistellig in die Parlamente von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg einziehen. Würde am Sonntag gewählt, säße die AfD sogar mit einer komfortablen Stimmenzahl im Deutschen Bundestag.
Gauland wird in einigen Tagen 75 Jahre alt. Er ist jetzt in einem Alter, in dem andere mit einer vergleichbaren Karriere im Rücken ihre Zeit auf dem Golfplatz zubringen oder vor dem Haus in Florida den Hund ausführen. Hinter Gauland liegen 40 Jahre CDU-Mitgliedschaft, die Leitung der hessischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Walter Wallmann, 13 Jahre als Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen" sowie mehrere Bücher über den Wert des Konservativen.
Mit seiner Gesundheit steht es nicht zum Besten. Im vergangenen Jahr, auf dem Höhepunkt der großen Lucke-Auseinandersetzung, war er so angeschlagen, dass er eine mehrwöchige Auszeit nehmen musste. Aber er schont sich nicht. Wenn es um die Partei geht, ist ihm kein Weg zu weit und kein Termin zu klein. Anfang Januar war er in Stuttgart und Umgebung im Wahlkampf. Vergangene Woche stand er in Jena auf der Bühne, um an der Seite des thüringischen AfD-Stars Björn Höcke gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu trommeln. Kommende Woche ist er wieder in Baden-Württemberg unterwegs.
Für die AfD ist Gauland von großem Wert. Er erinnert daran, dass die Partei mal als Professorenverbund begann und nicht als politische Kirmesbude. Am liebsten würden sie das "Dr." vor seinem Namen doppelt so groß schreiben wie den Namen selbst.
In Gauland können sich auch Leute wiedererkennen, die bei Jena und Auerstedt nicht an eine Sektmarke denken und für die das Kreuz, das sie im Osten hochhalten, mehr ist als ein Dekorationsobjekt. Deshalb wird ihm verziehen, dass er in seinen Reden zum Einstieg tote preußische Generäle aus dem 18. Jahrhundert zitiert und immer so aussieht, als käme er gerade von der Fuchsjagd.
Den britischen Landadelstil hat er sich so perfekt angeeignet, dass selbst Leute, die es besser wissen, schwören könnten, er habe Jahre in Großbritannien verbracht, obwohl es nur ein paar Monate nach dem Studium waren.
Seit 30 Jahren trägt er schottische Tweedjacketts und Lammwollpullover, die einander so gleichen, dass Leute wie der ehemalige Parteikollege Hans-Olaf Henkel behaupten, es seien seit 30 Jahren dieselben. Schon als Staatssekretär fuhr er im Mini Cooper vor, was angesichts seiner Leibesgröße ein wirkliches Schauspiel war. Der Mini wurde mit Rücksicht auf die nachlassende Gelenkigkeit gegen einen Jaguar eingetauscht, britisch motorisiert ist Gauland bis heute.
Man kann mit Gauland einen angenehmen Abend verbringen. Es lässt sich mit ihm wunderbar über Bücher und den Lauf der Geschichte parlieren, Geschichte hat ihn schon immer interessiert. Er wird nie böse oder ausfallend; alles, was er zu sagen hat, trägt er in einem melancholischen Plauderton vor. Er lässt sich auch ungerührt Fragen stellen, bei denen andere Politiker sofort eingeschnappt wären.
Er lädt immer in dasselbe Lokal: einen Italiener mit Blick auf den Tiefen See in Potsdam, Fenster bis zum Boden, gestärkte Tischdecken, das Glas Rosé steht auf dem Tisch, bevor der "Herr Doktor" ein Zeichen geben muss. Nach einiger Zeit könnte man fast vergessen, dass man dem Kopf einer Partei gegenübersitzt, deren Anhänger alle anderen Politiker am liebsten dem Volksgericht überstellen würden und in der die Redner ihre Zuhörer regelmäßig ermahnen müssen, keine verfassungsfeindlichen Symbole und Fahnen zu zeigen und sich auch ansonsten an die Gesetze zu halten.
Wie landet jemand, der sein Leben lang den bürgerlichen Auftritt gepflegt hat, in einer so unbürgerlichen Umgebung?
Gauland kann den Moment genau benennen, an dem seine 40-jährige Beziehung zur CDU zerbrach. Es war im Februar 2012 während eines Abendessens mit dem CDU-Generalsekretär, der damals noch Hermann Gröhe hieß. Gröhe hatte in die Parteizentrale am Berliner Tiergarten eingeladen, um über die Zukunft des "Berliner Kreises" zu reden, eines Zusammenschlusses konservativer CDU-Mitglieder, zu denen auch Gauland gehörte. Schon das Essen sei eine Zumutung gewesen, sagt Gauland. Die Teilnehmer hätten gehofft, Gröhe würde ihrem Kreis eine Art offiziellen Status verleihen, aber er habe sie behandelt "wie den letzten Dreck, und das Essen war entsprechend".
So wie Gauland den Abend schildert, hätte sich die CDU viel Ärger erspart, wenn die Führungsspitze zu ihm ein wenig netter gewesen wäre. Eine Partei hat viele Möglichkeiten, Leuten, die am Ende ihrer Laufbahn stehen, etwas anzubieten: Es gibt so viele Gremien, die besetzt werden müssen. Aber für solche Postenschmeichelei hatte Angela Merkel nie ein Händchen. Jetzt steht Gauland statt an einem Rednerpult der Adenauer-Stiftung auf den Marktplätzen der Republik und ruft so lange "Merkel muss weg, Merkel muss weg", bis die Leute grölend einfallen.
Leider rufen sie auch noch ganz andere Sachen. Dass Journalisten "Volksfeinde" sind etwa und Politiker "Volksverräter". In Jena, wo Gauland vor einer Woche war, reckten seine Anhänger in Sichtweite der Bühne ein Plakat mit den Köpfen aller Bundesminister in die Höhe. Unter den Fotos stand in Druckbuchstaben: "Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt, dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk, dann gnade euch Gott."
In Erfurt hatten die Demonstranten ein paar Tage zuvor neben den Satz "Angela muss weg" zwei Davidsterne gemalt, wie ein Redakteur der "FAZ" notierte. Im Internet findet sich die Behauptung, dass die Kanzlerin Jüdin und eine Agentin der amerikanischen Hochfinanz sei. "Nun wird diese These offenbar auch unter AfD-Anhängern vertreten", schrieb der Journalist.
Gauland hat eine unnachahmliche Begabung, selbst bei den größten Widerwärtigkeiten so zu wirken, als sei er darüber genauso bekümmert wie seine Kritiker. Dabei hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass Leute wie Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel in der AfD ihre Macht verloren und aus der Partei gedrängt wurden. Als Björn Höcke im Dezember wegen seiner Ausführungen zum Reproduktionsverhalten der Völker ein Parteiausschluss drohte, war es Gauland, der ihn vor dem Rauswurf bewahrte. Aber wenn man ihn darauf anspricht, hebt er entschuldigend die Hände, als wolle er sagen: Ist es nicht verrückt, womit man sich in meiner Position herumschlagen muss?
"Gauland ist immer dabei und nie beteiligt", sagt Henkel, der neben ihm im Vorstand saß, als noch Lucke das Sagen hatte. Henkel hatte ursprünglich gedacht, Gauland sei ein Garant gegen den Rechtsruck. Entgeistert musste er feststellen, dass keiner ihn so zielstrebig betrieb wie der Schöngeist aus Potsdam.
Wie alles bei Gauland ist auch sein Ehrgeiz in Tweed eingeschlagen. Er würde niemals sagen, dass er selbst den Parteivorsitz anstrebt. Das muss er gar nicht. Es reicht völlig aus, dass er das Personal an der Spitze einer Bewertung unterzieht.
Das Agieren der Parteivorsitzenden Frauke Petry: "ungeschickt". Petrys Lebensgefährte Marcus Pretzell, Chef des mächtigen Landesverbandes NRW: "ein bisschen windig". Über den Parteimitbegründer Konrad Adam, den er einen Satz zuvor noch als einen "Freund" bezeichnet hat, erklärt er seufzend, wie "schwer der sich in der Politik" tue. Selbst zu Höcke, über den er schützend die Hand hielt, findet Gauland, gewissermaßen im Aufstehen begriffen, einen nahezu tödlichen Vergleich: "Der lässt mich immer ein bisschen an ,Aus dem Leben eines Taugenichts' denken. Eine romantische Gestalt, bei der man meinen könnte, sie habe Jahre ihres Lebens ganz woanders zugebracht." Am Ende schaut man verstohlen an die Decke, ob sich in einer der Ecken der Schwefel gesammelt hat.
Natürlich hat Gauland auch mit dem Rechtsruck seiner Partei nur am Rande zu tun. Dass er bei Pegida vorbeischaute, als sie sich in der AfD-Spitze noch einig waren, dass man zu den Apokalyptikern in Dresden besser Abstand halten sollte, darf man ihm nicht ankreiden: "Ich war da nur als Zaungast." Seinen Einsatz für Höcke solle man, bitte, nicht als Bekenntnis in der Sache verstehen: "Ich finde es einfach unanständig, wenn Menschen ausgegrenzt werden." Die Schlachtgesänge gegen die "Lügenpresse", die Attacken gegen Journalisten? Unschön, "aber man muss die Menschen verstehen, wenn ihnen die Galle überläuft". So geht es immer weiter.
"Biedermann und die Brandstifter" heißt ein berühmtes Stück von Max Frisch. Irgendwann wünscht man sich im Gespräch mit Blick auf den Tiefen See, man säße vor einem Brandstifter. Dann könnte man sich über Brände, Brandbekämpfung und Brandbeschleuniger unterhalten. So landet man immer nur bei der Sicht des Biedermanns.
Einer, der Gauland gut kennt, attestiert ihm ein "merkwürdig verengtes emotionales Spektrum". Auch in kritischen Situationen sei er immer beherrscht, selbst Animositäten seien ihm kaum anzumerken. Die Kehrseite dieser Beherrschtheit ist eine große Kälte bis ins Persönliche.
Als sein Stiefsohn Stefan kurz nach dem Einzug in den Brandenburger Landtag dabei erwischt wurde, den SPIEGEL mit Interna versorgt zu haben, verfügte er als Landesvorsitzender dessen Fraktionsausschluss. Dass kaum jemand an dem Wahlsieg der AfD in Brandenburg so viel Anteil hatte wie der Stiefsohn, hat Gauland zugestanden. Dennoch sitzt er jetzt auf sein Geheiß am Rande des Parlaments, an einem Einzelpult, entfernt von den anderen.
Auch Freundschaft ist für Gauland keine Kategorie, aus der sich Loyalitätspflichten ergeben. Für seinen Freund Konrad Adam hat er auf dem Parteitag in Essen im vergangenen Sommer keine Hand gerührt. Am Ende reichte es bei Adam nicht einmal für einen der sechs Beisitzerposten, dabei war er neben Lucke und Petry zuvor einer von drei Parteisprechern der AfD gewesen. Wenn Adam ihn ansprach, ob er etwas für ihn tun könne, zuckte Gauland nur bedauernd mit den Schultern.
Gauland hat öfter erzählt, wie Ministerpräsident Wallmann ihn einst einen guten Verwaltungsfachmann nannte, der aber von Politik und Menschen nichts verstehe. Jetzt steht er auf der Bühne und beschreibt so eindringlich, warum die Flüchtlinge Deutschlands Unglück seien, dass die Menge ihm stehende Ovationen bereitet. Wenn Wallmann noch leben würde, müsste er eingestehen, wie falsch er mit seiner Einschätzung gelegen hat.
Es gibt Leute, die auf die andere Straßenseite wechseln, wenn sie Gauland in Potsdam sehen. Er ist seine Kolumne im "Tagesspiegel" los. Auch den Salon, in dem er jedes halbe Jahr zusammen mit dem Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung", Jens Schneider, und dem kürzlich verstorbenen Brandenburger SPD-Fraktionschef Klaus Ness politische Bücher vorstellte, gibt es nicht mehr. Ness habe es nie so deutlich gemacht, sagt Schneider, aber er sei enttäuscht und wohl auch entsetzt über den Weg gewesen, den Gauland genommen habe.
Als er in Wiesbaden mit Wallmann regierte, gehörte Gauland zum liberalen Flügel der CDU. In Potsdam war er der bürgerliche Intellektuelle, der mit seinem nachdenklichen Konservativismus das Publikum für sich einnahm. Jetzt ist er der Schutzherr von Leuten wie Höcke, die ihre Nase etwas zu tief in Rassenkunde stecken. "Die Verwandlung" hat Schneider ein Porträt Gaulands überschrieben, das vor einigen Wochen in der "Süddeutschen" erschien. Manchmal fragt Schneider sich allerdings, ob wirklich eine Verwandlung stattgefunden hat oder ob sein Gesprächspartner sich nicht auf unheimliche Weise treu geblieben ist.
Gauland hat gelegentlich seine Bewunderung für den französischen Diplomaten Talleyrand eingestanden. Talleyrand ist als Vorbild für einen Konservativen eine überraschende Wahl: Der Name des Fürsten, der nach der Französischen Revolution vier Regime überstand, steht für Opportunismus und politische Anpassungsfähigkeit schlechthin.
Talleyrand hat immer behauptet, seinen Überzeugungen treu geblieben zu sein. Aber wie schon die Zeitgenossen bemerkten, diente er so vielen Herren, dass er am Ende selbst nicht mehr zu sagen vermochte, worin genau diese Überzeugungen eigentlich bestanden.
* Am 13. Januar mit dem thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke.
Von Jan Fleischhauer

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