30.01.2016

VerteidigungOperation Anarchist

Der britische Geheimdienst hat jahrelang israelische „Heron“-Drohnen ausgespäht. Pikant: Auch die Bundeswehr will die Flieger anschaffen.
Der Ort, von dem aus Briten und Amerikaner heimlich fremde Kriegseinsätze ausgespäht haben, liegt im Hochland der Mittelmeerinsel Zypern. Wenige Kilometer von Touristenstränden entfernt thront die Abhörstation im Troodos-Gebirge, nahe dem Berg Olympos, dem höchsten Punkt der Insel. Rund 500 Kilometer nach Südosten richten sich die Antennen für einen besonderen Zweck aus. Ein Ziel der "Operation Anarchist": ein genauer Mitschnitt israelischer Militäraktionen.
Manche Bilder der Geheimoperation sind verschwommen, andere klar und detailliert. Sie zeigen militärische Ziele im Nahen Osten. Häuser im Fadenkreuz. Nahaufnahmen von israelischen Kampfdrohnen des Typs "Heron TP" auf ihrer Jagd nach dem Feind. Das israelische Militär gibt damit unfreiwillig Einblick in streng geschützte Militäroperationen.
Gemeinsame Recherchen des US-Portals The Intercept, der israelischen Tageszeitung "Jedioth Achronoth" und des SPIEGEL zeigen, wie anfällig die Drohnen für den Datenklau der amerikanischen NSA und des britischen GCHQ sind. Die als "Top Secret" gestempelten britischen Dokumente aus dem Archiv des Whistleblowers Edward Snowden belegen, dass Israel Kampfdrohnen in den Konflikten des Nahen Ostens einsetzt und wie die Regierung gegen ihre Feinde vorgeht. Einige der Drohnenbilder nutzt die Dokumentarfilmerin Laura Poitras für eine neue Ausstellung im New Yorker Whitney Museum.
Die Erkenntnisse bedeuten aber nicht nur einen schweren Schlag für das ohnehin belastete amerikanisch-israelische Verhältnis – sondern auch für die Bundeswehr. Der Vorgang hat das Zeug, das vielleicht wichtigste Rüstungsprojekt von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) infrage zu stellen: die Entscheidung nämlich, auch für die Bundeswehr die "Heron TP" zu bestellen. Erst vor zwei Wochen hatte sich von der Leyen gegen das amerikanische Konkurrenzmodell "Predator" entschieden. Nun hat die erste Kampfdrohne der Bundeswehr offensichtlich ein Datenleck – und liefert damit sensible Informationen nicht nur nach Berlin, sondern unfreiwillig auch nach Washington und London.
In der Bundeswehr sind die Strategen alarmiert. "Das System 'Heron TP', das als Überbrückungslösung bis zur Eurodrohne genutzt werden soll, wird nicht deckungsgleich mit dem jetzigen israelischen System sein", heißt es im Berliner Verteidigungsministerium. "Es wird für den deutschen Bedarf angepasst."
Für die deutschen Militärs kommen die Enthüllungen über die erfolgreiche Spionage gegen die Fluggeräte wie bittere Ironie daher. Fast zwei Jahre lang hatten sich Experten die Köpfe zerbrochen, welche bewaffnete Drohne für die Bundeswehr am geeignetsten ist. Mehrmals flogen Luftwaffen-Delegationen und Rüstungs-Staatssekretärin Katrin Suder nach Kalifornien zu General Atomics, dem Hersteller des Konkurrenzmodells "Predator", und nach Israel, ließen sich die klandestinen Fluggeräte vorführen, verhandelten um Preise und Konditionen.
Dass man sich am Ende für die "Heron" entschied, hatte vor allem mit der Datensicherheit zu tun. Von Beginn an fürchteten die deutschen Militärs, dass die Amerikaner in sämtliche ihrer Exportdrohnen serienmäßig eine Art elektronische Hintertür für die NSA einbauen würden – und votierten für die "Heron".
Dass Briten und Amerikaner nun auch dieses System geknackt haben und möglicherweise sogar Angriffe der lautlosen Flieger live mit ansehen konnen, ist ein Schock für die Bundeswehr. Die Sicherheit von Operationsdaten, gerade bei so heiklen Einsätzen wie mit den unbemannten Fliegern, gilt als Heiligtum. Zurück aber kann die Bundeswehr kaum mehr. Noch 2016 soll der Vertrag über bis zu fünf "Herons" durch den Bundestag gebracht werden, spätestens 2018 sollen die Drohnen bei Bundeswehr-Missionen mitfliegen.
Kann die Regierung in Jerusalem die britischen und amerikanischen Geheimdienste nun zum Einlenken bringen? Die Frage stellt sich, denn die Enthüllung wird für neue Verstimmung im israelisch-amerikanischen Verhältnis sorgen.
Zwischen den beiden Regierungschefs Benjamin Netanjahu und Barack Obama herrscht bereits seit Monaten ein eisiges Klima, das Vertrauen ist weitgehend zerstört. Netanjahu hält Obama für einen Schwächling, der die Interessen der Israelis mit dem Iran-Abkommen verkauft hat. Obama wiederum sieht in Netanjahu einen Kriegstreiber, der nur Eskalation sucht.
Israel zählt zu den Ländern, über die US-Dienste möglichst viel wissen möchten – bis zum Präsidenten persönlich. In der "Streng geheim" eingestuften Prioritätenliste des National Intelligence Priorities Framework rangiert Israel in der Gruppe jener Staaten, die zu den wichtigsten Spionagezielen zählen.
Bei Gegenspionage, aber auch bei militärischen Fähigkeiten und bei den politischen Zielen der Regierungsspitze ist das Land auf einer Skala von 1 bis 5 jeweils mit "2" markiert. Die Einstufung wird vom Weißen Haus autorisiert, die höchsten Kategorien "1" und "2" bedeuten, dass die Erkenntnisse für den US-Präsidenten persönlich gedacht sind. Unlängst berichtete das "Wall Street Journal", dass die US-Dienste auf Geheiß des Weißen Hauses bis hinauf zu Netanjahu die israelische Regierung überwachten. Auch der frühere israelische Verteidigungsminister Ehud Barak zählte zu den Spionagezielen der Amerikaner. Die Drohnenenthüllungen haben Unruhe in Jerusalem ausgelöst. Einen offiziellen Kommentar lehnt die israelische Armee mit Verweis auf Geheimhaltung ab.
Bei einem derart hohen Interesse der Amerikaner an allem, was auf israelischem Boden militärisch geschieht, dürften die Einsätze deutscher Drohnen kaum ausgenommen sein. Entsprechend groß sind die Sorgen unter den Generälen der Truppe.
Bei der Luftwaffe schwant den Verantwortlichen bereits, dass man für die Sicherheit der eigenen Daten nachlegen muss. Schon vor den Enthüllungen über das "Anarchist"-Programm war geplant, dass Airbus der Bundeswehr ein Verschlüsselungssystem für die "Heron" programmieren sollte. Bisher galt das jedoch eher als Routine. Nun werden sich deren Experten noch einmal ganz neu über die Verschlüsselung der Bilder aus der bewaffneten Version Gedanken machen müssen. Aus den Enthüllungen werden sie versuchen zu lernen, wie der GCHQ vorging.
Über die Erfolgschancen macht man sich bei der Bundeswehr wenig Illusionen. "Die Amerikaner können alles knacken", so ein Offizier, "wir müssen vor allem sicherstellen, dass nicht auch andere Nationen unsere Daten anzapfen können."
Von Matthias Gebauer, Gordon Repinski und Holger Stark

DER SPIEGEL 5/2016
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