30.01.2016

KinoBazooka im Schrebergarten

Til Schweiger, Filmstar, Reizfigur und „Tatort“-Ermittler, will große Actionfilme drehen – und kämpft immer wieder gegen die deutsche Wirklichkeit.
Das Jahr war keine 70 Stunden alt, da war Til Schweiger schon wieder Wutbürger. Und Facebook-Troll. Kritiker? "Trottel", "schwach und klein". Warum? "Ich als Filmemacher / Schauspieler / Produzent / Writer / Cutter / Composer habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft (Materie) KUNST."
Nicht Kunst. Sondern KUNST. Es ging um den "Tatort", für den Schweiger seit fast drei Jahren den Hamburger Ermittler Nick Tschiller spielt. Am 1. und 3. Januar lief die Doppelfolge "Der große Schmerz" und "Fegefeuer". Die Quoten waren enttäuschend, manche Kritiken hämisch, Schweigers Nerven lagen blank.
In dieser Woche nun läuft in den deutschen Kinos der Actionfilm "Tschiller: Off Duty" an, der auf Schweigers "Tatorten" aufbaut. Eine aufwendige Produktion, überwiegend in Istanbul und Moskau entstanden, finanziert unter anderem mit Fernseh- und Fördermitteln und Schweigers eigenem Geld.
Bei seinem Wutausbruch kam, wie immer bei Schweiger, viel zusammen: gekränkte Eitelkeit, Hang zum Größenwahn, Lust am Rabaukentum, ein über Jahre gewachsener Zorn auf das Feuilleton, das seine Arbeit nur selten schätzt, und eine für ihn ungewohnte Frustration über sein an sich sehr treues Publikum, das ihn beim "Tatort" im Stich gelassen hat.
Vor allem reagierte Schweiger deshalb so gereizt, weil ein Traum von ihm zu scheitern droht. Seit langer Zeit versucht er, ein anderes deutsches Kino zu machen, ein Kino, das nichts zu tun hat mit den Komödien, mit denen er so großen Erfolg hat: harte Filme mit echten Kerlen, packende Thriller, rasante Actionspektakel.
"Meine Freunde waren dagegen, als ich die 'Tatort'-Rolle übernommen habe", erzählt er. "Die haben gesagt: Warum gehst du ins Fernsehen? Du hast so viel Erfolg im Kino. Genau um die Sachen zu machen, die ich im Kino nicht machen kann, habe ich erwidert. In keinem Land hat es der Actionfilm so schwer wie bei uns."
Seine Komödien "Keinohrhasen", "Kokowääh", ihre Fortsetzungen und der Alzheimer-Blockbuster "Honig im Kopf" fanden in Deutschland fast 25 Millionen Zuschauer. Meist spielt Schweiger darin den Macho, der bekehrt wird, den Frauenhelden, der lernt, was Frauen wirklich wollen, den Hallodri, der Verantwortung übernehmen muss. Schweiger wurde ein Star, weil er sich in seinen Filmen geschickt demontierte und den Mann immer wieder als Mängelwesen vorführte. Er hatte nie Angst davor, sich zum Affen zu machen. Wahrscheinlich ist da nun, bei einem Mann, der die Fünfzig überschritten hat, der Wunsch nach einer wirklich heldenhaften Rolle umso größer. Ein cooler Held also, den er auf der Leinwand geben kann. Interessant, dass er aber jenseits der Leinwand ein wenig zur Uncoolheit neigt.
Den ersten Schweiger-"Tatort" im März 2013 sahen fast 13 Millionen Zuschauer. Beim vierten und bislang letzten schalteten nur noch knapp 7,8 Millionen ein. Der Kino-"Tatort" nun erzählt eine in sich geschlossene Geschichte, schließt aber an die Fernsehfilme an. Die Voraussetzungen für "Tschiller: Off Duty" könnten besser sein.
Schweiger ist schon einmal schwer auf die Nase gefallen, vor zehn Jahren, als er den Thriller "One Way" drehte. Schweiger spielt darin einen rücksichtslosen Werbefachmann. Es kamen nur knapp 200 000 Zuschauer. Mit keinem Film, sagt Schweiger, habe er so viel Geld verloren.
2012 drehte er den Actionfilm "Schutzengel". Schweiger spielt darin einen Leibwächter, Moritz Bleibtreu einen Afghanistan-Veteranen im Rollstuhl, Heiner Lauterbach einen Gangsterboss. Der Film fand rund 700 000 Zuschauer, etwa ein Zehntel von "Honig im Kopf". Den Frauen, sagt Schweiger, wurde zu viel geballert, den Männern zu viel gelabert.
Die deutschen Kinogänger lieben Bruce Willis und Daniel Craig, selbst in die Actionkracher des Österreichers Arnold Schwarzenegger strömten sie in Massen. Doch über deutsche Helden lachen sie lieber. Das liege auch an unserer Geschichte, sagt Schweiger.
Tatsächlich kämpft er für etwas, was es im deutschen Kino kaum noch gibt: männliche Genres, die vom Heldentum ihrer Hauptfiguren leben. Und wenn Schweiger nicht so verdammt dickköpfig wäre, hätte er sich schon lange geschlagen gegeben und sich viele Blessuren erspart.
Schon als Jugendlicher im hessischen Heuchelheim, wo er als Sohn eines Gymnasiallehrer-Ehepaars aufwuchs, hielt der Teenager Schweiger vergebens nach starken deutschen Helden Ausschau. Vielleicht gab es sie gar nicht mehr, aber wenn, dann sicher nicht auf der Leinwand. "Ich habe mein ganzes Taschengeld ins Kino getragen", erzählt er. "Jede Woche musste ich mir die Frage stellen: Gehe ich jetzt in einen deutschen Film oder in einen französischen wie ,Wespennest'. Und natürlich wusste ich, dass ich bei den Franzosen viel mehr Spektakel bekomme."
Eigentlich hat das Spektakelkino Wurzeln in Deutschland. Den Stummfilm "Die Finanzen des Großherzogs", 1924 von Friedrich Wilhelm Murnau inszeniert, könnte man als Vorläufer der "Indiana Jones"-Reihe sehen. Deutsche Regisseure wie Robert Siodmak prägten den Film noir, den düsteren Thriller, der in Hollywood bis heute Tradition hat. Doch viele der talentiertesten deutschen Filmemacher, oft Juden, wurden von den Nazis vertrieben oder getötet. Mit dem Rest machte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels staatstragendes Erheiterungs- und Durchhaltekino. Nach dem Krieg kam der Heimatfilm. Ein Held, der mit der Waffe Probleme löst, war ein Tabu – und ist es bis heute.
Und der "Tatort"? Seit November 1970 lösen sonntagabends um 20.15 Uhr deutsche Kommissare Kriminalfälle, sie stoßen auf Leichen, finden die Täter und bringen sie hinter Gitter. Das Böse hat seit über vier Jahrzehnten einen Ort und eine feste Zeit. Es ist ein Schrebergarten der Niedertracht. "Am Anfang des Krimis gibt's die Unordnung, und dann kommen die Polizisten und räumen auf", sagt Christian Alvart, der die vier "Tatorte" mit Schweiger und auch den Kinofilm inszeniert hat. "Til und ich wollen für Unordnung sorgen, mit der Bazooka auf den 'Tatort' schießen."
Schon einmal ist das gelungen, in den Achtzigerjahren, als Götz George den "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski spielte, schmuddelig, prollig, raubeinig. Schimanski prügelte sich durch die Gegend und schoss aus der Hüfte. Endlich fing auch im deutschen Fernsehkrimi der Spaß dort an, wo die Dienstordnung aufhört. Er löste Empörung aus und verbuchte Traumquoten. Nach elf Fernseh-"Tatorten" kam 1985 der erste Kinofilm "Zahn um Zahn" heraus und fand in Deutschland fast drei Millionen Zuschauer.
Das Erfolgsmodell Schimanski nahmen sich Schweiger, Alvart und der NDR zum Vorbild, als sie zusammen mit dem Autor Christoph Darnstädt die Figur des Ermittlers Nick Tschiller entwickelten. Sie wollten im Fernsehen eine neue Marke kreieren, um sie dann im Kino zu nutzen.
Im klassischen "Tatort" ist das Spannendste immer schon passiert, wenn die Handlung anfängt: der Mord. Schweiger, Alvart und Darnstädt machten von Beginn an klar, dass es in ihren "Tatorten" nicht um die Aufklärung, sondern um die Bekämpfung von Kriminalität gehen sollte.
In Tschillers Hamburg droht an jeder Ecke Gefahr. Die Schweiger-"Tatorte" zeigen eine Stadt in Angst, in der Schwerverbrecher aus dem Knast heraus die Fäden ziehen und ein Innensenator den Hafen an die russische Mafia verscherbeln will. Die Political Correctness stirbt schnell, zahllose Figuren mit Migrations- und Korruptionshintergrund überbieten sich in Gemeinheiten. Wer in dieser Welt überleben will, muss als Erster schießen.
"Ich habe an meine Twitter-Gemeinde geschrieben: 'Achtung: Der nun folgende #Tatort ist keine realistische Darstellung alltäglicher Polizeiarbeit!'", erzählt Alvart. "Wir wollten einen Achtzigerjahre-Actionhelden ins Hamburg von heute schmeißen und sehen, was passiert. Da ist viel Lust am gehobenen Unsinn dabei."
Schweiger und Alvart taten so, als hätten sie in den Wohnzimmern dieses Landes sturmfreie Bude. Aber da saßen noch Leute, "Tatort"-Fans, die entgeistert zusahen, wie in der zweiten Folge, "Kopfgeld", 19 Menschen starben – und irgendwann ausschalteten. Zwar gewann Schweiger junge Zuschauer hinzu, verlor aber viele alte. Ein Typ wie Tschiller sei, sagt Schweiger, in der "entmilitarisierten Zone" des "Tatorts" eigentlich "total absurd".
Ursprünglich sollte der Doppel-"Tatort" im vergangenen November ausgestrahlt werden. Für die zweite Folge, in der ein schwer bewaffnetes Kommando die "Tagesschau" überfällt und vor laufenden Kameras Geiseln nimmt, war der totale Affront geplant: Die "Tagesschau" sollte nahtlos in den "Tatort" übergleiten, ohne "Tatort"-Vorspann, ohne Titeleinblendung, und Judith Rakers, die gerade eben erst die reale "Tagesschau" moderiert hätte, von Killern überwältigt werden. Für ein paar Sekunden sollte der Zuschauer tatsächlich glauben, die "Tagesschau" werde überfallen.
Geplant war also der Angriff auf gleich zwei deutsche Institutionen, die "Tagesschau" und den "Tatort", eine großartige, aber auch verstörende Vermischung von Realität und Fiktion. Aber dann wüteten gut eine Woche vor der Ausstrahlung Terroristen des IS in Paris. Der Zweiteiler wurde in den Januar verschoben. Statt Rakers sprach Jan Hofer die "Tagesschau"-Nachrichten, und auch der alte Vorspann sorgte als Trenner wieder für klare Verhältnisse.
"Wir haben echt gelitten", sagt Schweiger. "Und dabei hätten wir Fernsehgeschichte schreiben können." Deutsche Zaghaftigkeit, Bedenkenträgertum, das alles sah Schweiger in dieser Entscheidung und pöbelte wieder durch die Gegend.
Dass Schweiger sich so wenig im Griff hat, dass er sagt, was er denkt, ohne Rücksicht auf Verluste, dass er so extrem emotional ist, kann man sympathisch finden oder nicht. Es zeigt allerdings einen gewissen Hang zur Selbstvernichtung.
Immer wieder will er mit dem Kopf durch die Wand, doch die Wand ist härter und lässt sich eben nicht, wie in der "Tatort"-Folge "Fegefeuer", von einer Bazooka durchlöchern, so groß, dass Tschiller mit einem Wagen hindurchrasen kann.
Schweiger hat den "Tatort" zerlegt und wieder zusammengesetzt. Und er hat sich den Weg freigeschossen für die Leinwand. Sein Kinofilm "Tschiller: Off Duty" lässt alles hinter sich, was vom "Tatort" übrig blieb: Hamburg, Präsidium, Vorschriften. Die Handlung beginnt mit Tschillers Tochter Lenny (gespielt von Schweigers Tochter Luna), die in Istanbul in die Gewalt von Gangstern gerät. Tschiller macht sich mit seinem Partner (Fahri Yardım) auf den Weg, sie zu befreien.
Der Film, eine Mischung aus Rachethriller, Entführungsdrama und Buddy-Movie, nimmt selbstbewusst und ironisch an amerikanischen Vorbildern Maß. In einer lustigen Szene fährt Tschiller mit einem Mähdrescher auf dem Roten Platz vor – ein deutscher Held marschiert in Moskau ein.
Es ist ein wilder Ritt durch Europa, mit Verfolgungsjagden, Schießereien, harten Zweikämpfen und amüsanten Wortgeplänkeln. Ein Betriebsausflug für den "Tatort", sagt Regisseur Alvart. Man könnte auch sagen: ein Abenteuerurlaub.

Jenseits der Leinwand wirkt der coole Filmstar Schweiger manch-mal erstaunlich uncool.

Sparring mit Til Schweiger

Lars-Olav Beier, 1965, geriet schon einige Male mit Schweiger aneinander. Hatte er etwas geschrieben, was dem Star missfiel, musste er mitten in der Nacht mit einem Anruf rechnen. Doch eine große Liebe teilt er mit Schweiger: den Actionfilm. Klar also, dass Beier mit Schweiger über seinen Kino-"Tatort" "Tschiller: Off Duty" reden musste.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 5/2016
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