16.08.1999

RUMÄNIENIm Haus des toten Herrschers

Die Versteigerung des Ceausescu-Nachlasses in Bukarest gewährt Einblick in eine bizarre Kollektion - vom Jagdgewehr des Diktators bis zur Limousine kommt unters Volk, was einst dem Volkseigentum entzogen wurde. Der Erlös fließt in den Staatshaushalt.
Als nachmittags um kurz nach vier der erste Pelzmantel aus Elena Ceausescus Sammlung aufgerufen wird, zeigt das Thermometer in Bukarest 44 Grad im Schatten.
"Position 1.02, Damenmantel aus Nerz" - schon stolziert ein brünettes Modell in den alten Sitzungssaal der Ceausescu-Villa am Boulevard des Frühlings. Das kokett ausschwingende Hinterteil der Pelzbehangenen im Blick, ergreift der Auktionator das Wort: "15 Millionen 575 000 Lei, wer bietet mehr?" Es geht nur um den Mantel.
Im Saal sind an die hundert gelbe Kärtchen verteilt, die mehrheitlich heftig geschwenkt werden. Das Gros des Publikums bekämpft so das Fehlen einer Klimaanlage. Wer sich nur Luft zufächern, nicht aber bieten wolle, mahnt der Auktionator, solle zur Vermeidung von Missverständnissen mit etwas anderem wedeln.
Keiner lacht. Im Gange ist immerhin eine hochoffizielle Veranstaltung unter der Schirmherrschaft der rumänischen Regierung. Mit der Dringlichkeitsverordnung 101/1999 hat sie den Startschuss zum Ausverkauf in der alten Residenz von Nicolae und Elena Ceausescu gegeben.
Seit vergangenem Montag steht der bewegliche Nachlass des Ehepaars, das Rumänien bis 1989 ein Vierteljahrhundert lang beherrscht hat, zum Verkauf: vom Jagdgewehr bis zur Limousine, vom Diktatoren-Schlüpfer bis zum Perserteppich. Knapp zehntausend Objekte sollen bis zum Jahresende versteigert und zu Gunsten der Staatskasse versilbert werden.
"Verbindung mit der Zukunft" verspricht am Eingang zum Machtzentrum der Vergangenheit, der Ceausescu-Villa, die Werbebanderole eines Sponsors aus der Internet-Branche. Dahinter steht bunt aufgereiht, was Nicolae Ceausescu, das selbst ernannte "Genie der Karpaten", seinem Volk hinterlassen hat.
Der schwarze Buick Electra im Vorgarten ist ein Geschenk des US-Präsidenten Richard Nixon - originalgetreu erhalten haben sie ihn aus der Garage gerollt. Nahebei steht ein Dacia 1100, ausweislich einer Plakette dem "Genossen Nicolae Ceausescu mit ehrerbietigster Dankbarkeit für den Aufbau der Autoindustrie" von den Werktätigen in Pitesti gewidmet. Es ist das erste in Nachkriegs-Rumänien hergestellte Fahrzeug überhaupt.
Ein hölzernes Schachbrett, scheinbar achtlos zwischen kitschigen Vasen und heroisierenden Gemälden des Herrscherpaars im Inneren der Villa platziert, gewinnt durch die Widmung: Der mehrmalige Schachweltmeister Anatolij Karpow hat es dem werten "Genossen Nicolae Ceausescu" 1983 vermacht.
Nachmittag für Nachmittag fällt der Hammer im Minutentakt. Der Buick verschwindet, der Dacia, auch das Schachbrett. Pflichtschuldig vermelden die Zeitungen den Erlös für die Staatskasse. Eine Million Mark soll am Ende der ersten Woche zusammenkommen. Die in diesem Jahr fälligen Auslandsschulden betragen 5,5 Milliarden Mark.
Nicht alles verkauft sich wie erwartet. Während ein geschmeicheltes Abbild der Quasi-Analphabetin Elena Ceausescu - in akademischem Aufputz mit fliederfarbenem Talar und Doktorhut - zum Mehrfachen des Listenpreises weggeht, wandert ein Paar sandfarbener Keilpumps samt passendem Täschchen zurück ins Lager.
Die wenigen Rumänen, die nicht als Zwischenhändler tätig sind und sich dennoch den Eintritt in Höhe eines halben Wochenlohns leisten, begleiten das Spektakel mit der landeseigenen Mischung aus Frohsinn und Fatalismus.
Keiner schreit Skandal im Angesicht der Pelzmäntel, die Elena Ceausescu angehäuft hat. Nur eine elegante alte Dame aus dem Banat steht wutschnaubend zwischen Vasen, Porzellan und Ölgemälden. Sie sagt: "Nichts als Kitsch. Unglaublich, wie sich ein Mensch mit diesem Geschmack eine ganze Kulturnation unterwerfen konnte."
Den Nachlassverwaltern von Ceausescus Raubzug gegen das eigene Volk ist das egal. Sie sitzen im ehemaligen Büro des großen Führers und beglaubigen zweisprachig die Echtheit der Exponate. Der Alte würde sich im Grabe drehen wie ein hochfrisierter Ventilator, wüsste er, was nun an seinem Schreibtisch geschieht, flüstert ein junger Mann.
"Personal belongings seized from the Ceausescus" steht auf den Zertifikaten über einem regierungsamtlichen Stempel - es sind Siegerurkunden für die ehemals Kalten Krieger jenseits des Atlantiks. Vor allem Amerikaner, sagt Petre Bunei, bestünden auf diesem Passus.
Bunei, der alle Objekte katalogisiert hat, ist der heimliche Hausherr im verlassenen Reich des oltenischen Schusters Ceausescu. Keiner findet sich zurecht wie er in diesem Phantasiebau, einer klassizistischen Villa mit Anbauten im altrumänischen Stil, die einen orientalisch anmutenden Innenhof mit hoheitsvoll paradierenden Pfauen umschließt.
3206 größtenteils ungelesene Bücher haben sie nach der Revolution hier beschlagnahmt, wandschrankweise Kleider und Schuhe, 4 Säbel, 71 Waffen, 1056 Schuss Munition, 1739 Flaschen unterschiedlich hochprozentigen Inhalts. Alles ist auf Bürokratenpapier registriert, selbst die Unterwäsche soll demnächst noch unters Volk kommen. Finden sich keine Bieter, werden die Diktatoren-Schlüpfer ab Dezember preisreduziert in Geschäften ausliegen.
Während im Erdgeschoss der Villa weiter der Hammer über dem Hausrat fällt, ist im Großteil der Flure und Zimmerfluchten noch alles wie früher. Zwei der drei Dienstmädchen stammen noch aus der Ära Ceausescu, beide Gärtner desgleichen.
Sie putzen güldene Wasserhähne blank, wienern schweres Parkett, stutzen Oleander im Garten und schweigen hartnäckig über ihren früheren Herrn. Der liegt nun seit fast zehn Jahren auf dem Friedhof im Bukarester Stadtteil Ghencea. Barmherzige haben auf seiner Grabplatte inzwischen einen Christuskopf unter den roten Stern der internationalen Arbeiterbewegung montiert.
Noch ist Rumänien nicht im Reinen mit sich und seiner Vergangenheit. Ein einzelner, unscheinbarer Besucher der Auktion am Boulevard des Frühlings immerhin tut für sich selbst einen Schritt. Es ist ein Mann von Mitte fünfzig, der am Dienstag in Ceausescus Büro den Kaufvertrag für eine Vase und ein Bild unterschreibt.
Als junger Künstler, so sagt er, habe er die beiden Stücke dem großen Genossen geschenkt. Nun wollte er sie wiederhaben. Und wie er mit den zwei Päckchen unter dem Arm aus dem Haus des toten Herrschers hinaustritt in die Bukarester Augusthitze, sieht er aus, als sei ihm wohler. WALTER MAYR
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 33/1999
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DER SPIEGEL 33/1999
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