16.08.1999

REVOLTE IM WOHLSTAND

Im zweiten Teil des SPIEGEL-Vorabdrucks aus seinen Memoiren erzählt Marcel Reich-Ranicki, 79, von der Begegnung mit Ulrike Meinhof, einem Treffen der „Gruppe 47“ und seiner Einsamkeit als „Zeit“-Mitarbeiter. Das Buch „Mein Leben“ (DVA) kommt diese Woche in den Handel.
VON MARCEL REICH-RANICKI
Am 25. August 1964 wurde ich im Schwurgerichtssaal des Justizpalastes in München als Zeuge im Strafverfahren gegen den ehemaligen SS-Obergruppenführer Karl Wolff vernommen. Ich fragte zunächst die Staatsanwaltschaft, die mich vorgeladen hatte, ob ihr vielleicht ein Irrtum unterlaufen sei. Denn ich hatte Wolff, den Chef des Persönlichen Stabes des Reichsführers-SS Himmler, nie gesehen, ich hatte auch nichts über seine Tätigkeit gehört. Das nahm man zur Kenntnis und wollte mich dennoch vernehmen. Ich sollte über die Verhältnisse im Warschauer Ghetto aussagen. War es möglich, mehrfach durch die Straßen des "Jüdischen Wohnbezirks" zu fahren, ohne zu merken, was sich dort täglich abspielte?
Berichte über meine Zeugenaussage waren in verschiedenen Zeitungen zu lesen. Das hatte zur Folge, dass ich von einer Mitarbeiterin des Norddeutschen Rundfunks um ein Interview über das Ghetto gebeten wurde. Wir trafen uns in Hamburg im Café "Funkeck", schräg gegenüber dem Rundfunkgebäude. Die Journalistin, vermutlich noch keine 30 Jahre alt, war keineswegs besonders schön, aber nicht ohne Reiz. Vielleicht rührte dieser Reiz von ihrem offenkundigen Ernst, der mit ihrer Jugendlichkeit zu kontrastieren schien. Sie wollte ein 30-Minuten-Gespräch aufnehmen. Ihre Fragen waren exakt und intelligent, sie kreisten um ein zentrales Problem: Wie konnte das geschehen? Kein einziges Mal haben wir die Aufnahme unterbrochen.
Als das Gespräch beendet war, sah ich zu meiner Verblüffung, dass wir beinahe 50 Minuten geredet hatten. Wozu brauchen Sie so viel? Sie antwortete etwas verlegen: Sie habe zum Teil aus privatem Interesse gefragt. Ich möge ihr den Wissensdurst nicht verübeln. Ich wollte etwas über sie erfahren. Aber sie hatte es jetzt sehr eilig. Ich schaute sie an und sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ich fragte noch rasch: "Entschuldigen Sie, habe ich Ihren Namen richtig verstanden - Meienberg?" - "Nein, Meinhof, Ulrike Meinhof."
Als ich um 1970 hörte, dass die inzwischen bekannte Journalistin Ulrike Meinhof in die Illegalität gegangen war und zusammen mit Andreas Baader eine terroristische Gruppe gegründet hatte, als sie polizeilich gesucht und schließlich gefasst worden war und als sie 1976 im Gefängnis Selbstmord verübt hatte - da musste ich immer wieder an das Gespräch im Café Funkeck denken. Warum hat sich Ulrike Meinhof, deren Zukunft ich nicht ahnen konnte, so tief meinem Gedächtnis eingeprägt? Könnte dies damit zu tun haben, dass sie die erste Person in der Bundesrepublik war, die aufrichtig und ernsthaft wünschte, über meine Erlebnisse im Warschauer Ghetto informiert zu werden? Und wäre es denkbar, dass es zwischen ihrem brennenden Interesse für die deutsche Vergangenheit und dem Weg, der sie zum Terror und zum Verbrechen geführt hat, einen Zusammenhang gibt?
Mitte der sechziger Jahre änderte sich das politische Klima in der Bundesrepublik zusehends: Durch die "Große Koalition" von 1966 war eine ganz neue Situation gegeben. Die sozialistischen und marxistischen Kräfte und im weiteren Sinne die junge Generation sahen sich durch die Opposition im Bundestag nicht vertreten, sie waren enttäuscht und fühlten sich im Stich gelassen. In den Diskussionen fielen zwei neue Begriffe auf: "Außerparlamentarische Opposition" und "Studentenbewegung".
Was sich da abspielte, konnte mir nicht gleichgültig sein: Natürlich war ich auf Seiten jener, die eine radikale Hochschulreform anstrebten und wirkungsvoll mit dem Slogan "Unter den Talaren Muff von tausend Jahren" operierten. So unseriös und gelegentlich sogar abstoßend manche Manifestationen der neuen, der mit dem Jahre 1968 assoziierten und nicht selten wirr anmutenden politischen Bewegung auch waren, so hat sie doch - und das ist ein historisches Verdienst - die längst fällige und bis dahin bestenfalls schleppende Auseinandersetzung mit dem "Dritten Reich", vor allem mit den Nationalsozialisten im öffentlichen Leben der Bundesrepublik, durchgesetzt und beschleunigt. Das gilt für die Politik, die Justiz und besonders für die Universitäten, namentlich für die Germanistik und die Medizin, für die Kunstgeschichte und die Musikwissenschaft.
Dennoch hielten sich meine Sympathien für diese lautstarke und chaotische Revolte in Grenzen - und mein Misstrauen wurde immer größer. Jedenfalls war ich bei keinem "Sit-in", "Go-in" oder "Teach-in" dabei, ich habe kein Happening miterlebt, ich war bei keiner einzigen Versammlung oder Kundgebung zugegen, ich habe mich keiner Demonstration angeschlossen. Von alldem habe ich nicht wenig gesehen, aber ich sah es ausschließlich auf dem Bildschirm. Die brüllenden Agitatoren, die skandierenden Sprechchöre, die sich in langen Formationen fortbewegenden Kolonnen - das alles kannte ich hinreichend, das alles war mir seit meiner Jugend zuwider.
Dass die Theoretiker und Führer der Revolte politische Ziele verfolgten, versteht sich von selbst. Aber die immer wieder verkündeten und oft gereimten Parolen konnten einen etwas beunruhigenden Sachverhalt nicht verbergen: Die lautstarke Bewegung hatte einen nicht ausschließlich, doch vornehmlich emotionalen, wenn nicht intuitiven Untergrund. Die sich an ihr beteiligten, protestierten gegen die Verhältnisse in der Bundesrepublik, deren sie längst überdrüssig waren. Doch war es für die meisten von ihnen nur ein ganz vager Protest gegen das, was man mit Ekel das "Establishment" nannte, also gegen die Welt der Väter. Wogegen sich dieser ganze Aufruhr richtete, war also klar; was er erreichen wollte, ließ sich schon weniger deutlich erkennen; und auf welche Weise dies erreicht werden sollte, blieb vollends im Dunkeln.
Sprösslinge der Wohlstandsgesellschaft, die sich fortwährend auf Marx und Engels beriefen, hatten sich offensichtlich die Revolution als pikante Freizeitbeschäftigung auserwählt, als Hobby mit nur geringem Risiko. Die Vokabeln "bürgerlich" und "proletarisch", "Kapitalismus" und "Ausbeutung" wurden immer häufiger verwendet und oft sinnlos deklamiert. Die Begriffe "Utopie" und "Dialektik" avancierten zu Zauberworten, deren man sich wie des Jokers im Kartenspiel bediente. Sehr bald trat ein arges Missverhältnis zu Tage - zwischen den hochfahrenden Zielen und den bescheidenen Möglichkeiten, zwischen den großen Worten und der noch größeren Ratlosigkeit.
Was mich am meisten berührte und verwunderte, war die Rolle der Schriftsteller in diesem Aufruhr. Viele von ihnen hatten keine Hemmungen, sich einer politischen und gesellschaftlichen Bewegung anzuschließen, deren Verhältnis zu Kunst und Literatur im Grunde geringschätzig war. Jetzt sollten die Schriftsteller nicht mehr im Namen des Individuums sprechen und das Individuum gegen jene Institutionen und Mächte verteidigen, die es für ihre Zwecke gebrauchten und missbrauchten. Vielmehr sollte die Literatur das Individuum vor allem politisch mobilisieren: Sie hatte als Werkzeug von Ideologien zu dienen, sie hatte zur angestrebten Weltveränderung beizutragen. Die dies am lautesten forderten, waren paradoxerweiße gerade jene, die an der Autonomie der Literatur am meisten interessiert sein sollten: eben die Schriftsteller. Das alles kam mir sehr bekannt vor. Ich hatte es schon einmal erlebt und vor gar nicht so langer Zeit - in Polen. Über diese neuesten Strömungen des Zeitgeists in der Bundesrepublik wurde mir bald und ganz überraschend ein Anschauungsunterricht erteilt, der heiter und traurig zugleich war.
Im Oktober 1967 fand in dem zwischen Nürnberg und Bayreuth idyllisch gelegenen Gasthaus "Pulvermühle" eine Tagung der "Gruppe 47" statt. Wie üblich lasen Autoren aus ihren neuen Arbeiten vor - unter anderen Günter Eich, Günter Grass, Siegfried Lenz, Jürgen Becker, Horst Bienek. Aber auch viele andere Autoren (so Dorst, Hildesheimer, Schnurre, Heißenbüttel, Wohmann, Kluge, Rühmkorf, Härtling) waren gekommen und nahmen meist an der Kritik der gelesenen Texte teil. Es war wie eh und je bei der Gruppe 47. Doch etwas Ungewöhnliches war nicht zu übersehen: Die Texte, die man zu hören bekam, waren fast alle unpolitisch, und die kritische Auseinandersetzung mit ihnen kümmerte sich wenig um inhaltliche Elemente, zielte hingegen vorwiegend auf deren Form und Sprache. Anders in den vielen, meist erregten Unterhaltungen und Debatten in den Pausen: Hier standen im Mittelpunkt eindeutig politische Fragen.
Um die Mittagszeit wurden die Tagungsteilnehmer, die einem Prosastück des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson über den Anarchisten Bakunin aufmerksam lauschten, plötzlich aufgeschreckt. Trotz der geschlossenen Fenster hörten wir laute Sprechchöre. Unermüdlich wurden zwei Losungen wiederholt: "Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger" und "Dichter! Dichter!". Zwischen den höhnischen Rufen ließ man offenbar Luftballons zerplatzen. In den Tagungssaal drang ein als Clown kostümierter junger Mann mit einem Plakat in der Hand: "Hier tagt die Familie Saubermann". Er wurde aber rasch hinausgedrängt. Hans Werner Richter ordnete eine Pause an. Alle gingen hinaus und sahen zahlreiche, meist junge Menschen mit Transparenten, Schrifttafeln und Lautsprechern, den so genannten Flüstertüten. Es waren eigens zu dieser Demonstration (man nannte das damals eine "Demo") angereiste Studenten der unweit gelegenen Universität Erlangen, zum Teil verkleidet - sie trugen Faschingskostüme. Angelockt von dem Spektakel, waren auch Bewohner des benachbarten Dorfs zugegen, darunter nicht wenige Frauen mit kleinen Kindern.
Viele Teilnehmer der Tagung beobachteten das Ganze belustigt, manche, vor allem entschieden linke Autoren, wie Martin Walser, Erich Fried und Reinhard Lettau, wünschten dringend den Dialog mit jenen, von denen sie auf Transparenten als "Dichtergreise" verspottet wurden. Sie beeilten sich, die jugendlichen Demonstranten ihrer wärmsten Sympathien zu versichern und ihrer Bereitschaft zum aufrichtigen, ja, zum brüderlichen Gespräch. In den kurzen Ansprachen der Schriftsteller kehrte refrainartig eine geradezu flehentliche Beteuerung wieder: Freunde, Gefährten, Kameraden, Genossen - wir sitzen doch alle in einem Boot, wir ziehen doch alle an einem Strang. Die Studenten reagierten darauf mit dem nächsten Sprechchor: "Wir wollen diskutieren."
Aber es kam zu keinem Dialog - vielleicht deshalb, weil man von den Studenten nicht erfahren konnte, worüber sie eigentlich diskutieren wollten. Sicher war nur, dass sie die Autoren der Gruppe 47 für zu wenig links hielten und von ihnen ein stärkeres politisches Engagement verlangten, vor allem - so hieß es in ihren Flugblättern - gegen die "Disziplinierungstendenzen im Gesamtprozess der spätkapitalistischen Gesellschaft". Statt des Gesprächs mit den Schriftstellern gab es eine kleine Bücherverbrennung: Die Demonstranten warfen die "Bild"-Zeitung und andere Druckschriften in die Flammen.
Über diese Tagung schrieb ich sofort einen kurzen Bericht für die "Zeit", eine Woche danach erschien mein zweiter, nun erheblich größerer Aufsatz. In beiden Artikeln habe ich mich - ebenso wie in den vorangegangenen Jahren - mit den Lesungen und mit der Kritik der gelesenen Texte beschäftigt. Dass mir dabei ein großer Fehler unterlaufen war, habe ich erst viel später begriffen: Denn mit keinem einzigen Wort war ich auf die Demonstration der Studenten eingegangen.
Ich hatte die Vorgänge vor dem Gasthaus Pulvermühle überhaupt nicht ernst genommen, ich hielt sie für lächerlich - und manche Begleitumstände sogar für widerwärtig. In meinen Artikeln habe ich sie ignoriert. Ich wollte mich von dem nicht ablenken lassen, was ich für viel wichtiger hielt - von der zeitgenössischen deutschen Literatur, deren Zustand im Jahre 1967 gerade diese Tagung der "Gruppe" schlagartig hatte sichtbar werden lassen. Aber so albern diese unerwartete Konfrontation auch war, ihren gleichnishaften Charakter sollte man nicht verkennen. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre folgten ähnliche Spektakel. Sie zeigten immer wieder die Unsicherheit und die Ratlosigkeit vieler Intellektueller: Meist fürchteten sie, in eine Sackgasse geraten zu sein, und nahmen sich den beschwörenden Appell der oppositionellen Studenten und ihrer Gesinnungsgenossen zu Herzen. Manche Schriftsteller gingen prompt und forsch auf die Suche nach einer Barrikade. Vernachlässigten sie jetzt die Literatur, um sich der Politik stärker als bisher widmen zu können? Oder suchten sie vielleicht nur deshalb so intensiv Zuflucht bei der Politik, weil sie mit dem Dichten nicht mehr recht vorankamen?
Mich jedenfalls hat die damals entstehende Literatur enttäuscht. Doch dachte ich nicht daran, mich von ihr abzuwenden. Aber ich wollte mich häufiger als bisher mit der deutschen Literatur von gestern befassen, mit jener also zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg. Und die Feuilleton-Redaktion der "Zeit"? Sie behandelte mich nach wie vor ausgezeichnet: Meine zahlreichen Rezensionswünsche wurden erfüllt, man kam mir immer entgegen.
Über die großen deutschen Schriftsteller der unfernen Vergangenheit konnte ich schreiben, wie oft und wie viel ich wollte. So schrieb ich über Fontane und Thomas Mann, über Hofmannsthal und Schnitzler, über Döblin, Hermann Hesse und Arnold Zweig, über Horváth, Tucholsky und Joseph Roth. Daraus ist entstanden, was ich stets vor Augen hatte, mein 1977 veröffentlichtes Buch "Nachprüfung". Die neuen Bücher der Gegenwartsautoren, auf die es mir ankam, erhielt ich ebenfalls zur Besprechung, also Frisch, Dürrenmatt und Böll, Grass, Eich und Andersch, Johnson und Handke, Christa Wolf oder Franz Fühmann.
Wenn ich ohne aktuellen Anlass einen überdimensionalen Aufsatz über Arno Schmidt lieferte, stöhnte der für die Literatur zuständige Redakteur Dieter E. Zimmer leise, druckte aber das riesige Manuskript sofort und ungekürzt. Ich hatte Lust, mich mehr mit der angelsächsischen Prosa zu befassen, und prompt erhielt ich, was ich wollte: Hemingway und Graham Greene, Bellow und Malamud, John Updike und Philip Roth. Wie war es mit der Lyrik, der deutschen vor allem? In einem nächtlichen telefonischen Meinungsaustausch, der fast zwei Stunden dauerte - es war 1967 -, beteuerte Rudolf Walter Leonhardt, dass er mich schätze und bewundere und ganz besonders meine Kritiken von Romanen, Erzählungen und Essays. Das gefiel mir gar nicht, ich witterte sofort einen versteckten Tadel. Und in der Tat: Leonhardt gab zu verstehen, dass die zarten Schwingungen der holden deutschen Poesie wohl nicht ganz meine Sache seien. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen.
Am nächsten Morgen bat ich Dieter E. Zimmer, einen Gedichtband besprechen zu dürfen. Ich rezensierte das gerade erschienene Buch "Ausgefragt" von Günter Grass. Kaum war dieser sehr lange und sehr lobende Aufsatz gedruckt, da rief mich Erich Fried an: Das gehe nun doch zu weit, denn bei meinem Artikel handle es sich unzweifelhaft um "Personenkult". Er dürfe wohl erwarten, dass nun auch seine Lyrik von mir so ausführlich abgehandelt werde. Gleich meldeten sich weitere Poeten, die indes nicht etwa das Bedürfnis hatten, sich über die Qualität oder Miserabilität der Verse von Grass oder meiner Darlegungen zu äußern, wohl aber, ähnlich wie Fried, eine genauso ausführliche Würdigung ihrer Lyrik anmahnten.
Ging es mir also bei der Wochenzeitung "Die Zeit" wunderbar? Ja und nein. Nach wie vor hatte ich es nicht nötig, in der Redaktion zu arbeiten. Nach wie vor wurde mir dies als eine ganz besonders großzügige Vergünstigung dargestellt, für die ich ganz besonders dankbar sein solle. Man wolle mir, hörte ich immer wieder, den mühseligen und bisweilen langweiligen Redaktionsalltag ersparen, damit ich mich ausschließlich meiner für die "Zeit" so wichtigen Schreibarbeit widmen könne. Ich brauchte also nicht in die Redaktion zu kommen; aber durfte ich es, war ich dort erwünscht? Meine Manuskripte schickte ich mit der Post. Und wenn sie besonders eilig benötigt wurden, lieferte ich sie persönlich ab, was leicht zu machen war.
Doch bald erfuhr ich, dass ich mir keine Mühe mit der Zustellung geben solle, ein Fahrer werde das Manuskript abholen, was denn auch sofort geschah. Redaktionskonferenzen fanden damals in der "Zeit" zweimal wöchentlich statt, eine große Konfe-
* Mit Erich Fried (vorn l.) und Fritz J. Raddatz (M.).
renz, bei der alle Redakteure zugegen waren, auch die Volontäre oder Hospitanten, und eine kleine, in der die Feuilleton-Redakteure die nächste Nummer vorbereiteten. Mich hat man nie eingeladen, und ich wollte nicht aufdringlich sein. So habe ich in den 14 Jahren bei der "Zeit" an keiner Konferenz teilgenommen, an keiner einzigen.
Wonach ich mich so sehnte, das hatte ich gefunden: eine Heimstätte - allerdings nur für meine Arbeit, nicht für meine Person: Ich wurde ausgegrenzt, ich fühlte mich ausgeschlossen - und je länger und erfolgreicher ich für die "Zeit" schrieb, desto mehr steigerte sich dieses Gefühl. Ich saß isoliert und vereinsamt in unserer kleinen Wohnung im Hamburger Vorort Niendorf und produzierte ein Manuskript nach dem anderen. Aber mein Kontakt mit der Welt ging nur selten über Telefongespräche hinaus. Daher war ich zufrieden, dass ich von Zeit zu Zeit Vorträge zu halten hatte, in der Bundesrepublik und in anderen Ländern. Sie vermochten das Monologische meines Daseins zu mildern, vorübergehend jedenfalls.
1968 habe ich ein Semester lang deutsche Literatur an der Washington University in St. Louis gelehrt. Zu meinen nicht sehr anstrengenden Verpflichtungen gehörten Vorlesungen und Seminare. Da ich noch nie an einem Seminar teilgenommen hatte, wollte ich von einem in akademischen Diensten schon ein wenig ergrauten Kollegen wissen, was das denn eigentlich sei. Er reagierte mit einer Gegenfrage: Wie ich mir ein Seminar vorstelle? Ich sagte es, temperamentvoll und wohl unbeholfen. Er antwortete, genauso solle man ein Seminar machen. Sonderbar: Wieder einmal musste ich andere belehren, ohne selbst etwas gelernt zu haben.
Die Leser der "Zeit" haben meine Abwesenheit überhaupt nicht bemerkt, denn auch aus St. Louis versorgte ich die Redaktion mit Manuskripten, zumal über die junge deutsche Literatur - von Hubert Fichte bis Rolf Dieter Brinkmann. Nach meiner Rückkehr stellte sich aber heraus, dass sich für mich nichts geändert hatte und nichts ändern werde: Man konnte mich in der Redaktion nicht brauchen, man wollte mich in den Konferenzen nicht sehen.
"Erlaubst Du wohl, Dir ein Geschichtchen zu erzählen?" - so fragt Nathan, der Weise, den Sultan Saladin. Nun denn, auch ich erlaube mir, hier ein Geschichtchen einzufügen. Vor vielen Jahren lebte ein Mann in Polen, ein Jude namens Chajim Selig Slonimski. Er wurde 1810 in Bialystok geboren und starb 1904 in Warschau. Nachdem er in seiner Jugend ausschließlich den Talmud und die rabbinische Literatur studiert hatte, widmete er sich später mathematischen und astronomischen Studien. Um 1840 gelang es ihm, eine Rechenmaschine zu konstruieren. Die Kunde von der außerordentlichen Erfindung erreichte Zar Nikolaus I. Er wünschte die Maschine zu sehen. Also wurde Slonimski nach Sankt Petersburg eingeladen und vom Zaren in Audienz empfangen. Doch bevor man ihn vorließ, schärfte man ihm ein, dass er nur die Fragen Seiner Majestät beantworten dürfe, ansonsten aber unbedingt schweigen müsse. Die Audienz verlief gut, doch wollte der Zar wissen, wie er sich davon überzeugen könne, dass die Maschine auch tatsächlich korrekt rechne. Er möge ihm, schlug der Mathematiker untertänigst vor, eine arithmetische Aufgabe stellen. Diese geruhe Majestät auf die herkömmliche Weise zu lösen, also mit Bleistift und Papier, er hingegen werde es mit der neuen Maschine versuchen. Majestät könne ja dann die Ergebnisse vergleichen. Das leuchtete dem Zaren ein. Kaum hatte das Rechnen der beiden ungleichen Herren begonnen, schon rief der glückliche Erfinder der Rechenmaschine: "Ich hab'' es." Der Zar blickte zornig auf, denn da hatte jemand gewagt, in seiner Gegenwart zu reden, obwohl er nicht gefragt worden war. Im Audienzsaal herrschte eine eisige Atmosphäre. Der verärgerte Zar schwieg und wandte sich wieder seiner ihn offenbar sehr anstrengenden Rechenaufgabe zu. Endlich konnte er die beiden Ergebnisse miteinander vergleichen - und mürrisch ließ sich Seine Majestät vernehmen, knapp und klar: "Maschine gut, Jude schlecht." Übrigens erhielt Slonimski für die Erfindung dieser Rechenmaschine 1844 einen hohen russischen Preis. Wenig später wurde ihm das Ehrenbürgerrecht der Stadt Sankt Petersburg verliehen.
Diese kleine Geschichte erzählte mir 1948 in London der hervorragende polnische Lyriker und Essayist Antoni Slonimski, ein direkter Nachkomme des Mathematikers aus dem 19. Jahrhundert. Ich habe sie nie vergessen, und leider wurde ich oft gezwungen, an sie zu denken. Sollte es mir in der "Zeit" ähnlich ergangen sein wie einst dem Chajim Selig Slonimski? Gilt das Wort des Zaren, nur entsprechend abgewandelt, etwa auch für mich, also: Manuskripte gut, Jude schlecht? Kurz gefragt: Antisemitismus?
Ähnlich den Angehörigen anderer Minderheiten, sind auch viele Juden bisweilen gar zu schnell geneigt, für die Schwierigkeiten, die ihnen das Leben bereitet, die Abneigung oder die Feindschaft der nichtjüdischen Umwelt verantwortlich zu machen. Das ist bedauerlich, aber vielleicht sollte man den Juden diese Mischung aus Misstrauen und Überempfindlichkeit nicht zu sehr verübeln. Überreizte Reaktionen haben ja immer ihre Gründe, hier liegen sie auf der Hand: Es sind die Jahrhunderte, Jahrtausende währenden Schikanen und Verfolgungen. Ich war fest entschlossen, mich dem Verdacht zu widersetzen, ich hätte es hier und da mit antisemitischen Ressentiments zu tun. Doch konnte mir nicht entgehen, dass mir, der ich mittlerweile zehn, zwölf oder noch mehr Jahre in der Bundesrepublik lebte und viel Anerkennung fand, die hiesigen Zeitungen, Verlage oder Rundfunksender, die alle meine Manuskripte brauchten und gern veröffentlichten, niemals einen Posten angeboten hatten, nicht einmal den bescheidensten.
Den Redakteuren der "Zeit", auch den leitenden, wurden in diesen Jahren verschiedene Posten in anderen Institutionen sehr wohl angeboten. Überdies fiel mir auf, dass das Personal der Feuilleton-Redaktion der "Zeit" damals mehrfach erweitert wurde. Aber mich wollte man nicht haben. In einem aus dem Jahre 1792 stammenden Brief des jungen Friedrich Schlegel an seinen Bruder August Wilhelm fand ich folgende Sätze: "Längst habe ich bemerkt, welchen Eindruck ich fast immer mache. Man findet mich interessant und geht mir aus dem Wege ... Am liebsten besieht man mich aus der Ferne, wie eine gefährliche Rarität."
Was traf nun auf mich zu? Erinnerte mein Fall an die Situation des jüdischen Mathematikers oder eher an den Kummer des großen deutschen Kritikers, der sich beschwerte, dass er, durchaus kein Jude, gemieden und nur aus der Ferne besehen werde, dass er, ganz einfach, unbeliebt sei. Ich hatte keinen Zweifel: Mir erging es wie einst Friedrich Schlegel - mit meinem Judentum hat das also rein gar nichts zu tun.
1996 erhielt ich ein Buch, dessen offizieller Charakter unverkennbar ist. Es versteht sich als "Festschrift und zeithistorische Darstellung". Sein Titel: "Die Zeit in der ZEIT - 50 Jahre einer Wochenzeitung". In diesem Buch verblüffte mich eine knappe, eine nüchterne Information. Als ich in der "Zeit" tätig gewesen sei - ist da zu lesen -, habe man sich sehr wohl Gedanken gemacht, ob man mich in der Redaktion beschäftigen sollte. Doch hätten die Redakteure des Feuilletons - erfuhr ich jetzt, 1996 - "größte Bedenken" gehabt, "ob sie einen so machtbewussten, rabulistischen Mann aushalten würden". Ich erschrak, denn das Wort "Rabulistik" hat keinen angenehmen Klang. Es bedeutet so viel wie "Wortverdreherei" und wird heute nur noch selten verwendet. Aber man konnte es häufig in der nationalsozialistischen Kampfpresse finden, vor allem in den Artikeln von Joseph Goebbels. Er gebrauchte diese Vokabel beinahe immer mit einem Adjektiv - entweder hieß es bei ihm "jüdische Rabulistik" oder "jüdisch-marxistische Rabulistik". Ich gebe zu, ich war nicht mehr ganz so sicher, ob es mir tatsächlich ergangen ist wie einst dem genialen deutschen Kritiker Friedrich Schlegel oder vielleicht doch eher wie dem jüdischen Erfinder der Rechenmaschine Chajim Selig Slonimski.
Meine Zusammenarbeit mit der "Zeit" blieb makellos. Doch da ich für eine Tätigkeit in der Redaktion nicht die geringsten Chancen hatte, musste ich die "Zeit" verlassen. Aber wohin gehen? Antichambrieren wollte ich auf keinen Fall. Andererseits konnte ich nicht mehr lange warten, denn ich war schon über 50 Jahre alt. Ein Ruf aus Schweden kam mir sehr gelegen: Von 1971 bis 1975 lehrte ich - zunächst einige Monate, später einige Wochen im Jahr - als ständiger Gastprofessor für Neue Deutsche Literatur an den Universitäten Stockholm und Uppsala.
1972 erhielt ich die erste Auszeichnung meines Lebens: die Ehrendoktorwürde der Universität Uppsala. Die Zeremonie war überaus feierlich: Es läuteten die Glocken, Kanonenschüsse wurden abgefeuert. Ich war gerührt - und ich dachte darüber nach, dass ich für Verdienste um die westdeutsche Literatur (das war die offizielle Begründung) nicht von einer deutschen, sondern von einer schwedischen Universität geehrt wurde.
Die weiteste Vortragsreise meines Lebens konnte ich 1973 absolvieren - nach Australien und Neuseeland. Damals hatte ich in der "Zeit" schon gekündigt und, was freilich niemand wissen durfte, den Vertrag für eine neue Tätigkeit unterschrieben: Noch im selben Jahr sollte ich die Leitung des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen" übernehmen.
* Mit Erich Fried (vorn l.) und Fritz J. Raddatz (M.).
Von Marcel Reich-Ranicki

DER SPIEGEL 33/1999
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