06.02.2016

ZeitgeschichteMärchenonkel im Kanzleramt

Helmut Kohl hat in seiner Zeit als Kanzler (1982 bis 1998) im Ausland ein merkwürdiges Bild von der Bundesrepublik verbreitet. Argentiniens Präsident Raul Alfonsín erzählte er, die Bundesrepublik sei von Spionen durchsetzt ("circa 20 000 Agenten auf allen Ebenen"). Der britischen Premierministerin Margaret Thatcher vertraute er an, die 2,3 Millionen westdeutschen Erwerbslosen suchten gar nicht alle Arbeit ("Es wird hier viel Missbrauch getrieben"). Und US-Präsident Ronald Reagan berichtete er, es gebe hier Linke, die sich antiamerikanisch äußerten und gleichzeitig "über eine Ranch in Kalifornien" verfügten. Die Zitate stammen aus Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes von 1985, die der De Gruyter Verlag nun veröffentlicht (siehe auch Seite 48). Danach verbreitete Kohl auch über Redakteure des SPIEGEL, sie seien Großgrundbesitzer. Vor Vertretern der jüdischen Organisation B'nai B'rith lästerte er, die Hamburger Journalisten seien "gegen die Amerikaner, aber haben vorsichtshalber eine Ranch in Arizona". Kohl warnte ausdrücklich vor dem Blatt: Dieses sei "absolut destruktiv", geprägt von "brutalem Nihilismus" und vertrete "eine Pseudophilosophie des Kulturpessimismus und der Hoffnungslosigkeit". Aus Sicht Kohls gab es in der westdeutschen Gesellschaft nur vier "intakte Säulen": Bauern, Beamte, Facharbeiter, Mittelständler.
Von Klw

DER SPIEGEL 6/2016
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