06.02.2016

Sicherheit„Uns jeiht et joot“

Die Kölner Jecken schunkeln und feiern wie jedes Jahr, und doch ist es anders – Karneval in einer Stadt unter Beobachtung.
Sonntagmorgen, 11.40 Uhr, im Saal der Kronenbuschhalle sitzen 800 Männer, viele tragen lustige Kappen oder T-Shirts wie die Jungs von "Voll un doll", auf jedem Tisch steht ein Fässchen Gaffel Kölsch, die Stimmung ist gut. Die traditionelle "Herrensitzung" der Wesselinger Karnevalsgesellschaft läuft seit 40 Minuten, einige Hundert Liter Kölsch dürften schon geschluckt sein.
Auf der Bühne landet Büttenredner Fritz Schopps gerade seinen ersten Volltreffer: "Vor mir sitzen die 800 trinkfestesten Männer der Erde!" Joh! Jawoll! Johlender Applaus. Schopps, ein Urgestein des Kölner Karnevals, ist als Rumpelstilzchen verkleidet, "et Rumpelstilzche". Das ist er seit mehr als 30 Jahren, er erzählt gereimte kölsche Schwänke aus dem Märchenwald, die bitterernst sein können wie heute die Geschichte von Ali Baba und den 40 Asylanten: "Dat fremde Pack", so schimpft der böse Wolf, "friss uns dat janze Schlaraffenland weg", "dat sin alles Parasite und Kanake". Die Stelle ist eine Klippe, Schopps hofft jedes Mal, dass hier noch keiner klatscht. Er will für Flüchtlinge werben, für "Minsche en Angst, verfolgt un jehetzt", aber dann sagt er auch das: "Besonders die Ratten, die Silvester am Kölsche Hauptbahnhof wore, han en unserer Heimat nix verlore." Jetzt darf geklatscht werden, und die trinkfesten Männer tun es.
Die Ratten, das sind die Grapscher und Räuber von der Domplatte, die mutmaßlich nordafrikanischen Männer, die Frauen sexuell bedrängten, Strumpfhosen zerrissen und in Slips griffen. Die Polizei, heillos überfordert, konnte die Opfer nicht schützen. Schopps ist nicht der einzige Büttenredner in diesem Karneval, der Anfang Januar seinen Text umgeschrieben hat.
Die Silvesternacht hat die Republik aus dem Rausch der Willkommenskultur in die Ausnüchterung gestürzt, sie hat Zweifel gesät und Ängste, sie hat den Kölner Polizeipräsidenten hinweggefegt, dem Landtag einen Untersuchungsausschuss beschert und dem Innenminister eine ungewisse Zukunft, sie hat den Asylkurs der Berliner Koalition verschärft und die AfD über zehn Prozent katapultiert.
Aber jetzt ist Karneval, vor allem im Rheinland und in Kölle, "ming Stadt am Rhing", die wie kaum eine andere für die Seele des Jeckentums und den Lokalpatriotismus darin steht. Seit Anfang Januar läuft der Sitzungskarneval, die Säle sind voll, "die Leute wollen feiern", sagt der Leiter des Kölner Rosenmontagszugs, Christoph Kuckelkorn, und auch Fritz Schopps hat auf Facebook gepostet: "Wir lassen uns unseren Karneval durch nichts und niemanden kaputt machen."
Karneval, dieser Ausnahmezustand, der Menschen seltsam schwerelos macht, sie in den Rausch einer friedlichen Revolution versetzt, Blumensträußchen in die Gewehre – und sind nicht im Feiern alle gleich? Im Kostüm kann man träumen, ein anderer zu sein, es ist ein Fest, so sagt es ein altgedienter Karnevalist, das "berauschend schön sein kann".
Doch dieser Karneval in Köln ist ein anderer, er steht im Schatten der Chaosnacht am Hauptbahnhof. Dieses Jahr "hatten wir Aschermittwoch schon an Silvester", sagt ein Kölner Musiker.
"Nach Silvester ist nichts mehr so, wie es vorher war", sagt auch der Leitende Polizeidirektor Michael Temme. Der erfahrene Beamte, 40 Dienstjahre, leitet den Polizeieinsatz zu Karneval, der erstmals zentral vom Polizeipräsidium aus gesteuert wird, auch das eine Konsequenz des Debakels. Vor Temme liegt eine Bewährungsprobe, nach dem Versagen in der Silvesternacht muss er beweisen, dass die Kölner Polizei ihre Bürger schützen kann. In diesen Tagen schaut die Republik zu ihm an den Rhein. "Wir wollen zeigen, dass Köln eine sichere Stadt ist", sagt Temme, "wir wollen verhindern, dass sich die Vorfälle von Silvester wiederholen." Er war in der Nacht nicht im Einsatz, aber es nage an ihm, sagt er, "dass wir da unseren Auftrag nicht erfüllen konnten".
Die Polizei hat aufgerüstet: Mehr als 2000 Beamte sind im Einsatz, doppelt so viele wie sonst. Es gilt eine "deutlich niedrigere Einschreitschwelle", das heißt: Es wird schneller festgenommen und in Gewahrsam gebracht, 400 Plätze in Gefangenensammelstellen sind dafür bereit. Unter besonderer Beobachtung stehen nicht nur nordafrikanische und arabische junge Männer, das mutmaßliche Täterspektrum der Silvesternacht, sondern auch Hooligans, die früher schon mal "Kontroll-Spaziergänge" angekündigt hatten, und junge Männer, "die den Karneval als Bühne für Krawall suchen".
Es ist eine gigantische Operation: Allein rund um den Rosenmontagszug ist in der Regel eine Million Besucher unterwegs. Am Donnerstag, zum Beginn des Straßenkarnevals an Weiberfastnacht, kamen schon am Morgen die ersten Karnevalsfans am Hauptbahnhof an. 50 Sexualdelikte bis hin zur Vergewaltigung würden jedes Jahr zu Karneval angezeigt, so die Polizei. Wie wird diesmal nun jede neue Tat bewertet?
Auch die Bundespolizei, zuständig für das Innere des Hauptbahnhofs und Teile der Vorplätze, setzt mehr als doppelt so viele Beamte ein wie im Vorjahr, sogar Sachbearbeiter, die sonst Innendienst schieben, wurden zum Einsatz beordert. Auch Zivilfahnder seien unterwegs, es werde "Personal und Technik eingesetzt wie noch nie", sagt Bundespolizeisprecher Jens Flören. "Es ist ein Spagat, den wir meistern wollen, größtmögliche Sicherheit bei größtmöglicher Freiheit für die Jecken."
Kann man den Schrecken der Silvesternacht einfach wegschunkeln?
Bei der Kostümsitzung der Fidelen Zunftbrüder vergangenen Samstagabend im Hotel Maritim unweit des Hauptbahnhofs hat man den Eindruck: Ja. Wenn die Mundartrocker von Paveier singen "Mir sin Kölsche us Kölle am Rhing, mir sin stolz dodrupp, un uns kritt keiner klein", dann schmettern alle mit und haken sich ein, "uns jeiht et joot, mer maache uns die Welt su, wie se uns jefällt!", dann wird der Karneval zum großen Lagerfeuer.
Grund, sich seiner selbst zu vergewissern, hat der Kölner genug. Da ist nicht nur die Silvesternacht, sondern auch das Fiasko um fehlerhafte Stimmzettel zur Oberbürgermeisterwahl, der Anschlag auf die parteilose Kandidatin Henriette Reker, heute gewählte Oberbürgermeisterin, der Bauskandal ums Opernhaus, marode Brücken, und unter dem Landeplatz für Rettungshubschrauber am Kalkberg sackt der Boden weg. Kaum ein Büttenredner versäumt es, darauf hinzuweisen, dass Köln nun auch noch Stuttgart als Stauhauptstadt überholt hat.
Et hätt noch immer jot jejange, sagt der Kölner gern, aber an Silvester war nichts gut. Deshalb steht die Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes zur Pause bei den Fidelen Zunftbrüdern auf und tauscht auf der Toilette ihr Kostüm gegen warme Kleidung. Zwei Stunden lang hat sie neben der SPD-Generalsekretärin Katarina Barley geschunkelt und gelacht, zwischendurch Honoratioren und Mitglieder des kölschen Klüngels begrüßt, nun ist sie mit der Polizei auf Streife verabredet.
Die Beamten der Innenstadtwache kennen Scho-Antwerpes gut, die Politikerin, die für die SPD auch im Bundestag sitzt, versteht ihre Arbeit auch als Streetworking. Heute will sie sich die Punkte anschauen, an denen es für Frauen gefährlich werden könnte. "Die Stadt Köln hat einen schweren Imageverlust erlitten, das müssen wir jetzt alle zusammen wieder wettmachen", sagt sie, "Frauen dürfen nicht zu Freiwild werden."
Es ist 22.30 Uhr, die Polizeistreife fährt über den Bahnhofsvorplatz, der flutlichthell erleuchtet ist. "Sehr gut", sagt die Bürgermeisterin. Ein Dutzend Polizeiwagen steht dort, seit vier Wochen ist jeden Abend eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei im Einsatz, alle sollen sie sehen. Das Sicherheitsgefühl der Bürger sei "stark angekratzt", räumt Temme ein. Streifenpolizisten bekamen anfangs Sprüche zu hören wie: "Wo wart ihr eigentlich Silvester?" Inzwischen gebe es Lob: Gut, dass ihr endlich da seid.
Überall, wo der Streifenwagen mit der Bürgermeisterin hinkommt – die Ecken rund um den Dom und das Museum Ludwig, das Rheinufer, wo sonst die Drogenhändler auf Kunden warten, sind die Gassen wie leer gefegt, nirgends ein verdächtiger Nordafrikaner. "Die sitzen in den Flüchtlingsheimen und warten, bis es vorbei ist", vermutet ein Beamter. Die Zahl der Diebstähle sei schon zurückgegangen. Die Frage ist nur: Wie lange kann die Polizei die hohe Präsenz durchhalten?
Plötzlich umringen Bereitschaftspolizisten in der Fußgängerzone eine Gruppe südländisch aussehender Männer. Haben sie Diebe erwischt, gar Straftäter aus der Silvesternacht? Tatsächlich wird ein gestohlenes Handy entdeckt, aber die Männer sind EU-Bürger, Bulgaren, zur Silvesternacht gibt es offenbar keinen Bezug.
Scho-Antwerpes beendet ihre Tour zufrieden: Die sonst schummrigen Ecken sind gut ausgeleuchtet, die Polizei ist vor Ort. "Wir wollen eine weltoffene Stadt bleiben, Köln ist nicht umsonst eine der beliebtesten Städte bei ausländischen Touristen", sagt sie, und: "Diese Stadt ist stärker als eine Gruppe Krimineller." Als Anlaufstelle für bedrängte Frauen wurde in Bahnhofsnähe ein Security-Point eingerichtet, mobile Teams sind unterwegs, an die Frauen sich wenden können.
Aber noch eine andere Gefahr lauert und bedroht die Unbeschwertheit des Karnevals. Terroristen suchen sich meist sogenannte weiche Ziele, wo viele Menschen beisammen sind. Es gebe keine konkreten Hinweise und deshalb auch keine Überlegungen, den Rosenmontagszug abzusagen, versichert die Polizei, die allgemein "erhöhte Gefährdungslage" bestehe seit Jahren.
Der neue Polizeipräsident hat die Jecken trotzdem aufgerufen, keine Dschihadisten-Kostüme sowie Waffen- oder Sprengstoffattrappen zu tragen. "Wir reden hier nicht über Cowboycolts, sondern täuschend echte Attrappen von Kriegswaffen", sagt Temme. Jeder mit einer "besorgniserregenden Ausstattung" müsse damit rechnen, dass er "schlagartig zu Boden gebracht wird", wenn Gefahr zu befürchten sei. "Wir müssen verhindern, dass ein Dschihadist zuschlägt, es könnte aber auch einfach ein Jeck in dem Kostüm stecken."
Tausende Narren und ehrenamtliche Helfer fiebern seit Monaten auf den Rosenmontagszug hin, manche haben dafür gespart, ein Platz auf dem Wagen kostet mehrere Tausend Euro. Alle zahlen die Kamelle und Strüßje, das "Wurfmaterial", aus eigener Tasche, dazu kommen Umlagen für die Wagenkosten.
Christoph Kuckelkorn, im Hauptberuf Bestatter, ist der Herr über 130 Festwagen und 12 500 Jecken im Zug. Acht feste Mitarbeiter arbeiten das ganze Jahr lang im Festkomitee des Kölner Karnevals für den Rosenmontagszug. Nun wird der Karneval zum Imagetest für die Stadt, doch Kuckelkorn bleibt gelassen: "Wir veranstalten den Karneval nicht für die Außendarstellung Kölns, sondern für die Menschen in Köln, die in ihrem festen Jahreskreis seit ihrer Kindheit eine klare Zeit zum Austicken haben."
Auf einem der Wagen schaut Mutter Colonia nun desillusioniert durch eine zerbrochene rosarote Brille. "In vielen Bereichen der Stadt hat jetzt ein Nachdenken begonnen", sagt Kuckelkorn.
In Düsseldorf, heißt es, sei der Karneval politischer als in Köln, doch die Flüchtlingskrise ist auch hier im Rosenmontagszug angekommen – in Gestalt der Kanzlerin, die sich an einer harten Nuss ("Flüchtlinge") die Zähne ausbeißt. Auf einem anderen Wagen greift ein riesiger NPD-Krake mit Hitlerfrisur nach den Grundfesten der Demokratie, Pegida, Hogesa, Salafisten, AfD steht auf seinen Krakenarmen. Die Wildpinkler am Dom haben ihren eigenen Wagen, aber der Sexmob vom Hauptbahnhof kommt nicht vor. "Das Thema ist enorm kompliziert, wir wollen nicht, dass der Zug vom rechten Lager instrumentalisiert wird", sagt Kuckelkorn.
Voriges Jahr hatten die Kölner Rosenmontagszugbauer einen Wagen zum Terroranschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" vorbereitet, er zeigte einen Karikaturisten, der mit seinem Stift die Waffe eines Selbstmordattentäters aufbohrt. Das Festkomitee hatte darüber abstimmen lassen, das Motiv erhielt den größten Beifall, die Polizei hatte keine Bedenken. Doch in letzter Minute zog die Festleitung den Wagen zurück. In der Presse seien Berichte aufgetaucht, der Rosenmontagszug werde wegen des Wagens von Scharfschützen bewacht, "das hatte keine Grundlage, aber so viele Leute riefen mit angstvollen Fragen an, ob sie mit ihren Kindern nun zum Zug gehen könnten. In dieser Lage wollten wir befrieden", so die Sprecherin des Festkomitees.
"De Zoch" ist der Höhepunkt der Saison, der krönende Abschluss für all die Jecken, die seit Wochen unterwegs sind, und da läuft es in diesem Jahr doch wie immer, auf den Kostümsitzungen und Prunksitzungen, den getrennten Herren- und Mädchensitzungen, es gibt Bauernsitzungen, zu denen man seine Verpflegung selbst mitbringt, eine Sitzung der Anonymen Alkoholiker und eine für Obdachlose. Die Traditionskorps mit ihren Spielmannszügen treten bei den Sitzungen auf, ihre einzige Frau: das Tanzmariechen.
Die Bürgergarde "blau-gold", vor über hundert Jahren gegründet, ist eines dieser Korps, in denen traditionell nur Männer Mitglieder sind. Ihre Tanzmarie Sarah Knott, 27, eine Sonderpädagogin, hört mit dieser Saison auf, sie schafft es nicht mehr, den Karneval mit ihrer Lehrerausbildung unter einen Hut zu bringen. Bei ihrer Verabschiedung weint sie, sie habe diese Zeit und ihre besondere Rolle geliebt, sagt sie.
Was der Karneval den Menschen bedeutet, welche Rolle er in ihrem Leben spielt und was es heißen würde, ihn abzusagen, ist vielleicht am besten zu verstehen, wenn die Blau-Goldenen mit drei Reisebussen unterwegs sind zu ihren Auftritten. Sie haben eine Musikanlage im Bus, alles bezahlen sie selbst, die Uniform, ihre Spesen. Die Männer sehen glücklich aus, sie singen im Bus, nach ein paar Jahren werden die Soldaten Offiziere, es ist ein Aufstieg wie beim Militär. Unter Trommeln und Flöten des Spielmannszugs und ihres Regimentsmusikzugs ziehen sie in die Säle ein, das Mariechen thront im Spitzenhöschen hoch oben auf dem gereckten Arm seines Tanzoffiziers.
2011 stellte "blau-gold" das Dreigestirn, die närrische Regentschaft des Karnevals, und Hans René Sion, Chef des Traditionsbrauhauses Sion in der Altstadt, war die Jungfrau mit Zopfperücke. "Das war für mich ein absoluter Höhepunkt meines Lebens", sagt Sion. Noch heute wollen Gäste in der Wirtschaft ein Autogramm von ihm. "Karneval ist viel mehr als Saufen in bunten Klamotten", sagt Sion, "das ist kulturelle Heimat."
Der Karneval mit all seinen Vereinen sieht sich gern als großer Integrationsmotor, doch helfen die Vereine auch, Neuankömmlinge zu integrieren? Das Festkomitee hat Flüchtlingskinder zu Workshops zu sich eingeladen, Blau-Gold hat einen Gardisten aus Brasilien, es gibt einen Deutschtürken und "Ritschie", wie ihn seine Karnevalsfreunde nennen. Reschads Eltern flohen Anfang der Neunzigerjahre aus dem Bürgerkrieg in Afghanistan, der 23-Jährige wuchs in Köln auf: "Hier ist meine Heimat." Der Bruder seiner Freundin nahm ihn mit zu den Karnevalisten, er mochte es und blieb, "ich fühle mich hier wie in einer Familie". Wenn er am Rosenmontagszug teilnehme, dann sehe er manchmal die Blicke, sagt er, was macht der im Karnevalskostüm, denken die wohl, aber das sei ihm egal.
Viele Städte geben zum Karneval Aufklärungsflyer für Flüchtlinge heraus, die Syrern, Irakern und Afrikanern erklären sollen, worum es beim Schunkeln geht, was erlaubt ist und was nicht. "Mir bütze jään, un mir fummele jään", singen die Bläck Fööss, "ävver bitte, bitte met Jeföhl." Wie soll das ein Pakistaner, ein Afghane verstehen?
Auch das Festkomitee Kölner Karneval hat einen Flyer aufgelegt, der auf Englisch und Arabisch Flüchtlingen den Karneval näherbringen soll, doch von Bützen und Kontakt zu Frauen kein Wort. "Wir haben versucht, uns vorzustellen, wie es ist, wenn ich aus Syrien komme und mitten in der Altstadt ausgesetzt werde und plötzlich lauter kostümierte Menschen sehe", sagt Sigrid Krebs vom Festkomitee. So heißt es jetzt etwas harmlos im Text: "Der Umgang ist sehr locker, Freundlichkeit und Respekt sind oberstes Gebot. Ein Lächeln des anderen zeigt dir, ob er mit dir feiern möchte."
"Mir all, mir sin nur Minsche, vür'm Herjott simmer glich ..., mir spreche hück all dieselve Sproch", 2000 haben die Bläck Fööss das komponiert, "unsere Stammbaum", ein Lied für die Verständigung über alle Nationen und Religionen hinweg. Es wirkt in diesen Tagen der Verunsicherung wie eine schöne Utopie.
Der Zentralrat der Muslime, der seine Geschäftsstelle in Köln hat, wurde nach Silvester mit Hassmails und Drohanrufen bombardiert. Schutzpersonal musste eingestellt werden, an Karneval bleibt das Büro sicherheitshalber geschlossen. Am 10. Januar machten Rocker und Hooligans, die sich über Facebook verabredet hatten, in Köln Jagd auf Syrer und Pakistaner. Es gebe eine verstärkte "Beklommenheit und Angst unter Muslimen", sagt der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek, dessen Vater aus Syrien stammt.
Über die Silvesternacht sind Gewissheiten ins Rutschen gekommen, Gutwillige sind bösgläubig geworden. "Wenn wir nicht aufpassen jetzt, kann Hilfsbereitschaft in Hass umschlagen", sagt die Kölner Schauspielerin Mariele Millowitsch. Sie hat neben anderen Prominenten wie dem Autor Navid Kermani, dem Sänger Wolfgang Niedecken und dem Schriftsteller Frank Schätzing die "Kölner Botschaft" gegen sexuelle Gewalt, Bandenkriminalität und Ausländerhass unterschrieben. "Wir müssen eben unterscheiden zwischen Flüchtlingen und den kriminellen Ausländern, die es nun mal auch gibt", sagt sie.
Empörung über kriminelle Gewalt von Migranten, Sorge vor einem Generalverdacht und der Ablehnung von Flüchtlingen, das ist der Spagat, den nun viele versuchen, auch Bernd Stelter, einer der Stars des Kölner Karnevals. Nach einem satirischen Jahresrückblick, Pointen zum ewigen Unverständnis zwischen Männern und Frauen singt er vor den Jecken über Flüchtlinge: "Wir haben ein freundliches Gesicht gemacht, und das freundliche Gesicht erwarten wir auch von ihnen, Achtung vor Frauen, eine offene Hand, wem das nicht passt, der kann gleich wieder gehen, alle anderen sind herzlich willkommen in unserem Land." Er wäge stets ab, wie viel schwere Kost er serviere, sagt Stelter, "ich muss im Karneval auch Blödsinn machen, wenn ich nur über Politik rede, sind die Leute weg".
Und so hat er Anfang Januar seinen Text aktualisiert. Jetzt, bei einem Glas Wein nach dem Auftritt, grübelt er über der nächsten Ergänzung. Das Thema: die AfD. "Denen muss man jetzt die Stirn bieten." Sein Kollege Guido Cantz hat schon vorgelegt: Der Ausdruck "Petri Heil" bekomme da eine ganz neue Bedeutung, rief Cantz am Sonntag auf der Sitzung des Kölner Rosenmontagsdivertissementchens.
Kölle, alaaf!
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Lesen Sie auch auf Seite 64 "Salam alaaf" – ein Ortstermin beim Schunkelkurs für Ausländer.

Es ist ein Spagat, größtmögliche Sicherheit bei größtmöglicher Freiheit für die Feiernden.

Gewissheiten sind ins Rutschen gekommen, Gutwillige sind bösgläubig geworden.

Über den Autor

Annette Großbongardt, geboren 1961, kam 1993 zum SPIEGEL und war seitdem viel unterwegs: als Korrespondentin in Frankfurt und Bonn, für das Auslandsressort in Jerusalem und Istanbul. Für die Recherche zum Kölner Karneval schunkelte sie auf Kostümsitzungen, begleitete ein Traditionskorps mit der Tanzmarie und fuhr mit der Polizei auf Streife.
Von Annette Großbongardt

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