06.02.2016

ManagerArm dran

Gläubiger wollten Thomas Middelhoff offenbar die Pleite ersparen und ihm Millionen lassen. Haben seine Verteidiger ihn ins Unglück getrieben?
Es gibt so viele Wege, sich zu ruinieren, da ist natürlich auch der Rechtsweg nicht ausgeschlossen. Zumindest wenn man Thomas Middelhoff heißt und sich mit Anwälten umgibt, die nach Stundensätzen jenseits der 500-Euro-Marke abrechnen. Über Jahre zogen sie mit ihm von einem Streit zum nächsten. Fertigten Schriftsätze und Klagen. Referierten, repetierten, replizierten. Ließen Firmen eintragen, Grundstücke umschreiben, Wohnsitze ändern. Mit jeder Stunde, die sie aufschrieben, wurde Thomas Middelhoff etwas ärmer, wurden sie selbst etwas wohlhabender.
Dass Middelhoff heute arm ist, davon darf man ausgehen, seit er vor knapp einem Jahr in die Privatinsolvenz gegangen ist. Dass er aber schon länger arm dran war, mit seinen geschäftstüchtigen Anwälten nämlich, darauf deuten bisher unbekannte Papiere hin. Demnach hatte Middelhoff noch im Jahr 2013 gute Chancen, sich aus seinem Schlamassel zu retten, 200 Millionen Euro Schulden loszuwerden und unterm Strich sogar ein paar Millionen zu behalten, um seinen Lebensabend zu sichern.
Ein Vergleich mit der Bank Sal. Oppenheim, dem größten Gläubiger, und anderen, denen Middelhoff Geld schuldete, schien greifbar nahe, wenn man den Schreiben glauben darf. Aber dann soll der Crashkurs seiner beiden wichtigsten Anwälte diesen Ausweg verbaut haben. Mit bekanntem Ausgang: Middelhoff finanziell am Ende. Die Anwälte jeweils um mehrere Millionen Euro reicher.
Wie es sich für einen Mann gehört, bei dem auch in den besten Jahren Genie und Größenwahn Hand in Hand gingen, hatte Middelhoff nicht nur einen, sondern gleich vier Anwälte: den Stuttgarter Winfried Holtermüller und den Düsseldorfer Sven Thomas, beide Strafrechtler, die Berliner Hartmut Fromm und Willy Holz, beide Gesellschaftsrechtler.
Während die ersten drei aus Großkanzleien kamen, passte Holz mit seinen beiden Kanzleikollegen nicht so recht in die Big-Business-Welt des ehemaligen Arcandor-Chefs. Middelhoff hatte ihn eher zufällig kennen- und als Problemlöser schätzen gelernt, als eine Berliner Wohnungsbaugesellschaft ins Kriseln geriet, in die Middelhoff Geld gesteckt hatte.
2011 ersann Holz für Middelhoff eine Firma, die Middelhoff & Cie. Asset Management, die für den finanziell angeschlagenen Manager immer wichtiger wurde: Die von Holz geführte Gesellschaft sollte die Einnahmen des Ehepaars Middelhoff aus Immobilienfonds einsammeln und dafür sorgen, dass die Familie mit ihrem aufwendigen Lebensstil flüssig blieb. 35 000 Euro sollte die Middelhoff & Cie. jeden Monat nach Bielefeld schicken – trotz all der Gläubiger, die nachdrücklich ihre Kredite zurückverlangten.
So war Holz zunächst auch der Mann, der das Ehepaar Middelhoff bei den Gläubigern heraushauen sollte: bei Sal. Oppenheim, jener Bank, der die Middelhoffs mehr als 100 Millionen Euro schuldeten. Und beim Troisdorfer Projektentwickler Josef Esch, der die Fonds aufgelegt hatte und gleichzeitig Middelhoffs Vermögensverwalter war – er forderte 2,5 Millionen, vor allem aus der Vermietung einer Luxusjacht. Beim Münchner Unternehmensberater Roland Berger, der nach einem Geschäft, das schiefgelaufen war, noch 7 Millionen von seinem Expartner Middelhoff zu bekommen hatte. Und bei der Stadtsparkasse KölnBonn – der das Paar ebenfalls etliche Millionen schuldete.
Schulden über Schulden, trotzdem schien die Sache nicht hoffnungslos. Keiner der Gläubiger wollte im Jahr 2012 den früheren Wundermann der deutschen Wirtschaft mit einem Insolvenzantrag in den Abgrund stoßen. Denn bei allen Problemen war Middelhoff immer noch gut vernetzt in Wirtschaft und Medien. Welcher Gläubiger wollte sich schon den Ruf des eiskalten Killers anhängen lassen, der in der ersten Krise gleich die Nerven verliert und seinen Kunden, Partner, Freund gnadenlos fallen lässt? Vielleicht, so die Hoffnung, würde Middelhoff eines Tages ja sogar wieder Geld verdienen. All seine Gläubiger waren schließlich auch mal seine Gläubigen gewesen, und ein bisschen waren sie das wohl immer noch.
Also setzte Holz am 12. Dezember 2012 einen Vergleichsentwurf mit Sal. Oppenheim und der Sparkasse KölnBonn auf, den beiden größten Kreditgebern. Über die wichtigsten Punkte für ein "außergerichtliches wirtschaftliches Lösungsmodell" hätten beide Seiten "in den vergangenen Monaten intensiv verhandelt", wie es im Papier heißt. Auch Esch hätte sich angeblich bereit erklärt, den Middelhoffs entgegenzukommen, und mit Berger würde man sich wohl auch einigen können: Zwei Millionen statt sieben, damit könnte die leidige Sache erledigt sein.
Alle Vergleichspartner sollten sich für den Kompromiss weit strecken. Geplant war, dass Middelhoff und Ehefrau Cornelie ihre Fondsanteile verkaufen, um Geld heranzuschaffen. Allerdings rechnete man in diesem Fall mit einem Wertverlust von 59 Millionen Euro, den die Banken, Esch und die Middelhoffs sich teilen sollten. Dazu würden die Middelhoffs ihre Villa in Saint-Tropez verkaufen und den erhofften Überschuss – 16 Millionen nach Abzug der Hypothekenbelastung – in den Topf werfen. Eingefrorene Festgelder des Paares in Höhe von 27,5 Millionen würde Sal. Oppenheim zwar freigeben, allerdings 21 Millionen Euro davon gleich zur Schuldentilgung einbehalten.
Natürlich sollten auch die Anwälte der Middelhoffs ihren Beitrag leisten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Fromm, Holtermüller und Thomas laut Vergleichsentwurf schon Honorare in Höhe von 3,2 Millionen Euro aufgerufen. Davon sollten sie nun zunächst 500 000 Euro streichen, "weitere Reduzierung wird angestrebt", hieß es im Papier. Alle hätten also bluten müssen; am Ende aber, so hatte es Holz ausgerechnet, wären den Middelhoffs rund 11,5 Millionen geblieben. Den meisten Menschen reicht das.
Dass es dazu nicht kam, hat wohl auch mit Middelhoff selbst zu tun. Vor die Wahl gestellt, ob er den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach wolle, neigte der Manager schon immer dazu, nach dem Adler in der Luft zu greifen.
Aber allem Anschein nach lag es auch an den Anwälten Fromm und Holtermöller, die offenbar ebenfalls nach dem Höchsten greifen wollten. Eine Entscheidung auf Kosten ihres Mandanten, zum Wohl ihrer eigenen Konten.
Diesen Verdacht legt ein mit "Memo" überschriebenes Papier nahe, das Holz am 18. November 2014 an Middelhoffs Sohn Jan schrieb. Zu diesem Zeitpunkt hatte Fromm bereits die Gespräche mit den Gläubigern übernommen.
Holz hatte nicht mehr viel zu sagen, umso mehr aber in diesem Schreiben: Er zog darin Bilanz, wie nah Middelhoff der Rettung angeblich war – und woran dann doch alles scheiterte. Bis in den Mai 2013, so Holz, habe der "weitestgehend verhandelte Vergleich" vorgelegen. Dann habe Fromm die Sache übernommen, ein neues Konzept vorgelegt, und "in Reaktion" darauf habe die Bank weitere Gespräche abgelehnt und fortan Härte gezeigt.
Holz vermutet persönliche Interessen, aufgrund deren Fromm den alten Vergleichsvorschlag torpediert habe: Der habe am Ende nämlich einen "Haircut" – eine Kürzung – der Anwaltsgehälter um 40 Prozent vorgesehen. Tatsächlich aber nahmen die Anwaltskosten dann eine ganz andere Kurve: von 3,2 Millionen im Mai 2013 auf mehr als 6 Millionen im November 2014. "Dies sind bei einem Stundensatz von 300 Euro 20 000 Stunden beziehungsweise mehr als 13 Mannjahre. Versuche (auch im Businessplan), dem entgegenzuwirken, sind leider erfolglos geblieben", beklagte Holz in seinem Memo die Gier der Kollegen.
Ihre materiellen Interessen verfolgten die Anwälte offenbar mit Nachdruck: Als der Fonds "Köln-Ossendorf VII" 2014 verkauft wurde und die Middelhoffs für ihre Anteile 4,84 Millionen Euro ausgezahlt bekamen, ging die eine Hälfte an Fromm, die andere an Holtermüller. Und das, obwohl die Middelhoffs das Geld an Sal. Oppenheim hätten zahlen müssen. Die Banker hatten sich den Anspruch gerichtlich gesichert und waren empört, als sie merkten, dass das Geld woanders gelandet war. "Anstatt damit die von Sal. Oppenheim immer wieder geforderte ,Vergleichsfähigkeit' herzustellen, wurde das Geld an die Anwälte weitergeleitet und steht damit zur Befriedigung von Gläubigern nicht mehr zur Verfügung", kritisierte Holz.
Damit aber nicht genug: Statt die Villa in Saint-Tropez schnell zu verkaufen und damit wie versprochen Geld für den Vergleich mit den Banken heranzuschaffen, kümmerte sich Fromm erst mal um eine Umschuldung der Villen-Hypothek. Für die Banken und Esch war klar: Wer umschuldet, will gar nicht verkaufen – für sie das Signal, dass Middelhoff den rettenden Vergleich nicht mehr wollte. Rechtsanwalt Fromm aber gewann nicht nur Zeit; er nutzte sie auch, um eine Hypothek über sechs Millionen Euro zugunsten einer ihm zuzuordnenden Gesellschaft in das Grundbuch der Südfrankreich-Villa eintragen zu lassen – offenbar um so seine Honorarforderungen abzusichern.
Dass Fromm und Holtermüller die Arbeit nicht ausging, dafür war laut Holz gesorgt: "Es wurde eine Vielzahl von ebenfalls kostenträchtigen Rechtsstreitigkeiten begonnen (und in der Regel verloren)", schreibt er.
Wie es scheint, bremste Middelhoff die beiden nicht. Sie ihn aber auch nicht. Besonders Holtermüller verstand es offenbar, Exmanager Middelhoff mit englischen Macherfloskeln auf Spur zu halten.
Die Mission, sämtliche Fonds ohne Verlust an Sal. Oppenheim zurückzuverkaufen, lief angeblich unter "Return to sender". Die eingefrorenen Festgelder bei Sal. Oppenheim freizubekommen: "Safe haven". Und der Versuch, seinen ehemaligen Vermögensverwalter Esch strafrechtlich zu verfolgen: "Go to Jail".
"To Jail", ins Gefängnis, ging bekanntlich nur einer: Middelhoff, im Strafprozess vertreten durch Holtermüller. Und auch pleite ist heute nur einer der Beteiligten: Middelhoff, vertreten durch Fromm. Die Anwälte haben SPIEGEL-Fragen zu den Vorgängen nicht beantwortet.
Zumindest Middelhoffs Frau Cornelie soll nicht länger auf das Gespann Fromm/Holtermüller vertrauen. Angeblich hat sie Holtermüller durch einen Anwalt aus Köln ersetzt.

"Das Geld steht zur Befriedigung von Gläubigern nicht mehr zur Verfügung."

Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 6/2016
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