06.02.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteRuhig Blut, Bruder

Wie ein amerikanischer Pastor einen Amokläufer während seines Gottesdienstes bekehrte
In eigener Sache: Die Berichterstattung von Claas Relotius steht nach SPIEGEL-Recherchen unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor. (mehr dazu hier: http://www.spiegel.de/relotius) Der SPIEGEL geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de
Es war der letzte Gottesdienst des Jahres, ein paar Minuten noch bis Mitternacht, und Larry Wright, in schwarzem Talar, stand in seiner Kirche, vor 60 Mitgliedern seiner Gemeinde, er sprach über Liebe, Barmherzigkeit und darüber, wie viele Menschen durch sinnlose Gewalt ums Leben kämen. Er erinnerte gerade an jene neun Christen im Nachbarstaat South Carolina, die im vergangenen Sommer, während einer Bibelstunde, von einem Rassisten getötet worden waren, da sah er, wie durch die Eingangstür der Kirche, am anderen Ende eines langen Flurs, ein bewaffneter Mann über die Schwelle trat.
Larry Wright ist 57 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Söhne, seit 16 Jahren Pastor einer afroamerikanischen Gemeinde in Fayetteville, einer 200 000-Einwohner-Stadt in North Carolina. Es war, solange er hier ist, immer alles friedlich abgegangen in seinem Gotteshaus.
Einen Monat nachdem er hier ein Blutbad verhindert hat, erzählt er am Telefon von jenem Moment, in dem Gott ihn prüfte wie nie zuvor. Er habe nicht lange nachgedacht, sondern einfach gehandelt. Er habe nicht an das Böse im Menschen geglaubt, sondern an das Gute, und nur so, sagt er mit ruhiger Stimme, "war ein wahrhaftiges Wunder möglich".
Larry Wright hatte den Mann, der wie ein Einbrecher in seine Kirche kam, noch nie zuvor gesehen, er war schwarz, keine 30 Jahre alt, trug eine Militärweste und atmete schwer. In seiner linken Hand hielt er ein Magazin mit Munition, in der rechten ein halbautomatisches Gewehr. "Es sah aus", sagt Larry Wright, "als würde er in eine Schlacht ziehen."
Die Menschen in der Kirche, darunter viele Kinder und Familien, dachten zuerst an eine Aufführung. Sie glaubten, Wright habe den Mann bestellt, um den Worten seiner Predigt Kraft zu verleihen. Aber Larry Wright erkannte sofort: Dieser Fremde war kein Schauspieler, das Gewehr in seiner Hand war echt. Er zögerte kaum eine Sekunde, dann ging er eilig auf den Mann zu und fragte: "Kann ich dir helfen?"
Der Fremde kam ihm entgegen, er lief langsam an den Gebetsbänken vorbei, dem Altar entgegen. Dabei sprach er, erst leise, dann immer lauter, vom Krieg und vom Leid, das ihm als Soldat widerfahren sei. Dieser Krieg, sagte er, habe sein Leben und seine Familie zerstört, auch Gott habe sich von ihm abgewendet. Er sei gekommen, sagte der Mann und hielt sein Gewehr in die Luft, "um furchtbare Dinge zu tun".
Es war dieser Augenblick, sagt Larry Wright, als in seiner Kirche Geschrei losbrach und "blanke Panik". Die meisten Besucher sprangen zur Tür, sie versuchten zu fliehen, andere warfen sich vor ihre Kinder oder zu Boden, um unter den Bänken Schutz zu finden. Nur Larry Wright blieb einfach stehen, die Hände gefaltet. Er baute sich vor dem Fremden auf und sah ihm direkt ins Gesicht.
Wright ist ein kräftiger Mann mit breiten Schultern. Früher, ehe er Pastor wurde, hatte er selbst mehr als 20 Jahre lang in der US-Armee gedient, als Marinesoldat hatte er im Krieg um Kuwait gekämpft. Die Angst vor dem Tod, das Gefühl, auf Menschen zu schießen, die Bilder im Kopf, die einen von der Front bis in die Heimat verfolgen: Wright hatte all das selbst einmal durchlebt. Am Telefon erzählt er von düsteren Jahren, in denen er Drogen genommen und getrunken habe, um seine Erinnerungen zu betäuben. "Das Schlimmste", sagt er, "war, mit meinen Dämonen allein gewesen zu sein."
Larry Wright schossen Bilder aus jener Zeit durch den Kopf, als er dem bewaffneten Mann in seiner Kirche gegenüberstand. Er, der Veteran und Prediger, sah nun zwei Möglichkeiten. Die eine war, den Fremden zu attackieren, wie er es bei der Armee gelernt hatte, ihn gewaltsam zu überwältigen. Die andere, sagt Wright, bestand darin, ihm die Hand zu reichen, ihn in seiner Gemeinde willkommen zu heißen, ihm mit Wärme zu begegnen. Larry Wright sah dem Mann prüfend in die Augen, er konnte Verzweiflung darin erkennen, auch blinde Wut, die er selbst einmal empfunden hatte, aber keinen Hass auf unschuldige Menschen. Er holte sehr tief Luft, ging noch einen Schritt auf den Mann zu, dann, vorsichtig, legte er seine Arme um ihn wie ein Vater um einen verlorenen Sohn.
Der Fremde, zitternd vor Anspannung, fiel auf die Knie. Er legte das Gewehr beiseite, ließ den Munitionsgürtel fallen und brach in Tränen aus. Es war dieser Moment, sagt Larry Wright, "in dem er sein Leben in Gottes Hände gab".
Zwei Mitglieder der Gemeinde halfen dem Mann auf, sie setzten sich mit ihm auf die Bank in der ersten Reihe, und Larry Wright begann zu beten. Durch die Kirchenfenster sah er bald, dass draußen auf dem Parkplatz Polizeiwagen hielten, Wright unterbrach sein Gebet, ging zur Kirchentür und gab den Beamten ein Zeichen, nicht hereinzukommen, seine Predigt nicht zu stören. Erst nach einer halben Stunde, als das neue Jahr angebrochen war und Larry Wright den Fremden gesegnet hatte, nahmen sie ihn fest.
Es handelte sich, so viel weiß Larry Wright mittlerweile, um einen jungen Mann, der drei Jahre im Irak stationiert gewesen war, an posttraumatischen Belastungsstörungen gelitten, aber nie psychologische Hilfe erhalten hatte. Er wurde nicht in ein Gefängnis gebracht oder angeklagt, sondern, im Einvernehmen mit der Kirchengemeinde, in eine Klinik eingewiesen.
Larry Wright besucht ihn dort jeden Sonntag.
Von Claas Relotius

DER SPIEGEL 6/2016
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