23.08.1999

KARRIEREN„Der Job ist supergenial“

Die Arbeit bei privaten Fernsehsendern oder in freien TV-Produktionsbüros gilt vielen jungen Leuten als Traumberuf. RTL, Sat 1 und Pro Sieben erhalten Bewerbungen en masse - und profitieren von der Arbeitswut und den Karrierehoffnungen des Medien-Nachwuchses.
Wer die Sicherheitsschranken einer der Sendezentralen in Köln, München oder Berlin hinter sich lässt, darf sich mitunter fühlen wie im Science-Fiction-Film "Gattaca": Eine nach Idealmaß erschaffene neue Menschengattung führt die Vorzüge reibungslosen Zusammenlebens vor; über die Gänge eilen lauter blendend gelaunte, blendend aussehende und blendend motivierte junge Menschen.
Alexander Mazza, 26, zum Beispiel findet seine Arbeit "superaufregend". Es ist noch nicht allzu lange her, da durfte er in Tauchermontur von der Reling eines vor den Bahamas kreuzenden Ausflugsbootes springen, um den Zuschauern des Boulevardmagazins "taff. Extra" auf Pro Sieben eine Haifischfütterung vorzuführen - dabei hatte Mazza zuvor gerade mal einen Crash-Tauchkurs in einem österreichischen See absolviert.
Lohn für die bestandene Mutprobe: Mazza, früher Model, trägt heute kostenlose Boss-Klamotten, weil das Modehaus ihn sponsert, er fährt als Dienstwagen einen Audi TT und soll von Herbst an bei Pro Sieben groß herauskommen - mit einer eigenen Show namens "Amore", in der Verflossene und Verlassene aufeinander losgehen. "Rache ist bekanntermaßen süß", verspricht die Vorschau. Der zukünftige Talk-Star jubelt: "Der Job ist supergenial."
Derlei Heldengeschichten sind es, die tausende junger Menschen von einer Karriere im Privatfernsehen träumen lassen. Unter den Wunschberufen haben die Jobs bei den TV-Anstalten mittlerweile die Kreativposten in Werbeagenturen abgelöst - und die Sender und Redaktionen profitieren vom Andrang ehrgeiziger Anfänger.
Allein bei RTL, Sat 1 und Pro Sieben, den großen drei des Privatfernsehens, laufen jährlich jeweils bis zu 8000 Bewerbungen ein; wer nicht direkt bei einem Sender unterkommt, versucht es meist bei einer von hunderten privater TV-Produktionsfirmen. "Es gibt eine rasante Nachfrage von jüngeren Leuten", sagt Gesine Dähn vom Deutschen Journalisten-Verband, "weil diese Berufe Glamour bedeuten, die Aura des Besonderen haben und schon deshalb einen enormen Reiz ausüben."
Was die jungen Leute, die oft gerade erst das Abitur hinter sich haben, anlockt, ist neben dem Glamourfaktor der Medienberufe auch die Durchlässigkeit der Hierarchie.
Der Mythos, dass man es innerhalb weniger Jahre vom Kabelträger zum Programmchef bringen könne, wird zumindest durch ein paar Fakten genährt: So beträgt das Durchschnittsalter der fest angestellten Belegschaft in den privaten Sendern 34 Jahre. Und tatsächlich gibt es nicht wenige, die sich noch vor ihrem 30. Geburtstag Chef nennen dürfen; wer es bis vor die Kamera schafft, ist ruck, zuck, wenn nicht berühmt, so doch, wie Alexander Mazza von sich sagt, "zumindest bekannt". Manchmal kicherten fremde Mädchen auf der Straße, weil sie ihn erkennen, berichtet er.
Rund 3000 feste Stellen gibt es insgesamt bei den großen drei Privaten. Zweifel werden bei denen, die es in diesen innersten Fernsehkreis geschafft haben, zumindest offiziell nicht laut. Man arbeitet - freiwillig - bis zum Umfallen und ist dabei immer gut drauf. "Insgeheim frage ich mich schon manchmal: Sind hier eigentlich alle bei einer Sekte?", berichtet eine Pro-Sieben-Praktikantin.
Die erfolgreicheren der jungen Medienmacher werben für den Beruf, als handle es sich um eine Art verschärften Erlebnisurlaub. "Beim Frühstücksfernsehen treten wir alle 15 Minuten auf", schwärmt etwa Sat-1-Moderatorin Bettina Müller, "das ist dann die totale Konzentration. Unten an meinen Füßen wird alles fest, angespannt wie beim Leistungssport vor dem Hochsprung."
Müller ist ausgebildete Außenhandelskauffrau und Betriebswirtin und war vor ihrem TV-Job bei der Kosmetikfirma Estée Lauder angestellt. Vor ein paar Jahren stornierte sie einen Skiurlaub, um ein auf die Schnelle vermitteltes zweiwöchiges Praktikum bei "17:30 Live aus Berlin" anzutreten, den täglichen regionalen Boulevard-Nachrichten von Sat 1. "Es war Liebe auf den ersten Arbeitstag", sagt die 29-Jährige. Nach dem Hospitieren nahm die zierliche Brünette auf eigene Faust Sprechunterricht und bewarb sich erfolgreich für ein Volontariat. Über ihre jetzige Arbeit als Redakteurin und Moderatorin sagt sie: "Ich hatte immer den Traum, ein erfülltes Leben zu führen. Jetzt sage ich: Das ist geil."
Wenn sie mit einem Team losziehe, um einen der Kurzbeiträge für "17:30" zu drehen, dann sei das "wie ein Wandertag", anschließend im Schnitt "darf man basteln", aber bei all diesen Tätigkeiten erwartet Bettina Müller von sich selbst und ihren Helfern vollen Einsatz: "Wenn einer auf die Uhr guckt, ob er endlich in die Pause gehen darf, kriege ich einen Anfall."
Hundertprozentiges Engagement ist oberstes Gebot unter den jungen Bildschirmstürmern. Melanie Hillmann, 26, beispielsweise schreibt ihre Prüfungsarbeiten in Französisch oder Betriebswirtschaft gelegentlich in der Mittagspause oder vor Dienstbeginn. Ihr Studium der Medienberatung will sie neben dem täglichen Zehn-Stunden-Job auf jeden Fall abschließen: "Disziplin ist das Codewort."
Hillmann ist bei Sat 1 in Berlin "Redaktionsassistentin in der Unternehmerkommunikation", angefangen hat sie mit 22 als so genanntes Best Girl, Mädchen für alles, gearbeitet hat sie "oft für lau". Auf einen selbst gebastelten Werbe-Flyer schrieb sie damals: "Not an der Frau? Ruft Melanie, kompetent und schlau".
Was sie später genau machen will, weiß Hillmann nicht: vielleicht in eines der Auslandsbüros, Hauptsache beim Fernsehen. Ihr Privatleben integriert sie in die Arbeit. Mit Kollegen rollt sie auf die Blade-Parade oder spürt nachts halblegale Clubs auf, die in Abbruchhäusern oder Baulücken das Berliner Nachtleben bereichern.
Häufig ist Kollege Alexander Broicher dabei. Der 26-Jährige trat nach dem Studium der Film- und Medienwissenschaft in Mainz sein erstes Praktikum bei Sat 1 an und blieb hängen. Schon nach einem Vierteljahr bekam er einen Redakteursvertrag. In der Marketingabteilung des Senders hat er Sätze gelernt wie: "Man muss ein Top-Produkt machen."
Die Bereitschaft zum totalen Engagement muss fast jeder zuerst in einem Praktikum beweisen. Bei RTL West in Köln, wo das Boulevard-Magazin "Guten Abend RTL" produziert wird, sagt Geschäftsführer Jörg Zajonc: "Wir könnten die Sendung ohne Praktikanten und Volontäre nicht machen." Regionalsender dürfen nicht viel kosten, bei RTL West kommen auf 7 fest angestellte Redakteure 15 Praktikanten und 4 Volontäre.
Der Nachwuchs drängt sich in einem engen Zimmer und studiert zuerst den elfseitigen Leitfaden. Darin gibt es einen kleinen Tipp vorab: "Den Satz 'Das habe ich nicht gewusst' oder 'Das geht nicht' sollte unser Chef nie hören. Er reagiert darauf sehr allergisch."
Nach nur einer Woche Hospitieren wird entschieden, wer rausfliegt. Wer als Praktikant anfangen darf, kassiert für den Knochenjob 400 Mark monatlich - anderswo sind es meist 600 Mark. Die Konterfeis der Anfänger sind inklusive Kurzlebenslauf auf der - so nennt man das Schwarze Brett hier -"Frischfleischbank" ausgehängt. "Guten Abend"-Anchorfrau Claudia Hessel weiß, wer brauchbar ist: All jene, die zuvor bei "Bild" waren, seien gut und vertrügen auch einen härteren Ton, "die vom Radio sind Schnarcher".
Die Praktikanten arbeiten täglich freiwillig zehn bis zwölf Stunden und versehen Wochenenddienste. "Abends bin ich total kaputt", sagt Nicole Brinkmann, 22. Aber es zählen die Erfolgserlebnisse, so habe sie einmal mit der Digitalkamera einen Brand gefilmt, "das wurde gesendet".
Zu den hässlicheren Details des Praktikantenalltags im Nachrichtenteam gehört es, Angehörige von Mord-, Totschlags- oder Unfallopfern zu Statements vor der Kamera überreden zu müssen. "Manche werden ziemlich sauer, wenn man anruft", berichtet Andrea Wiehager, 19. Kollegin Nicole Brinkmann klagt, dass sie nach derlei Arbeit mit Gräuel-News schlecht abschalten könne. Chef Zajonc winkt ab: "Witwen schütteln hab ich früher gern gemacht."
"Privatfernsehen ist wie auf der Überholspur fahren. Das ist Adrenalin pur", begeistert sich Martin Calsow, 29. Auf seiner Sat-1-Visitenkarte steht "Bureau chief", und tatsächlich leitet er das Büro des Sat-1-Chefredakteurs Jörg Howe. Zunächst habe Howe ihn "als Kettenhund" für besondere Aufgaben zum Infotainment-Format "Blitz" geholt, sagt Calsow. Wenn er, von der Leine gelassen, in die Küche der Redaktion kam, verstummte das Gespräch. Jetzt ist er zuständig für das Ein- oder Ausstellen von Mitarbeitern, die Entwicklung neuer Sendungen, Relaunchs und vieles mehr. Mit seinem in Thailand genähten Anzug und den zurückgegelten Haaren ginge Calsow jederzeit als Yuppie-Karikatur in einer Sat-1-Vorabendserie durch.
"Worte wie Urlaub, Freizeitausgleich oder Gehaltserhöhung tun mir weh", sagt er; selber sei er gerade trotz Urlaub im Büro, weil er "Hummeln im Hintern" verspürte. Sein Vater sei Polizist gewesen, und nun säßen im Sender Leute, die verdienten ein Gehalt, das Calsows Vater im Leben nicht bekommen konnte: "Das fängt hier bei 6000 an." Da braucht ihm nur einer jämmerlich kommen, "dann kann er sich das Ganze von draußen angucken". Seine Leute, "fast alle unter dreißig", müssen "extrem flexibel und engagiert" sein. Er selbst sei 24 Stunden für seinen Chef verfügbar, arbeite zwischen 70 und 80 Wochenstunden: "Ich lebe für Sat 1."
Calsow macht die Droge Privatfernsehen offenbar glücklich. Doch wie lange kann ein Mensch extrem flexibel, kämpferisch und engagiert sein Leben nahezu vollständig dem Job widmen? Calsow räumt ein, dass es in seiner Abteilung bei den stets reisebereiten Reportern etliche Scheidungsfälle gebe, "die haben arge Probleme, ein Sozialleben aufzubauen". Er selbst glaubt, "dass man diese Jobs nur bis zu einem gewissen Alter machen kann". Noch haben nur ein paar Ausnahme-Oldies die Vierzig überschritten.
Bei den Moderatoren, noch mehr den Moderatorinnen, hängt das berufliche Überleben sowieso vom faltenfreien Gesicht ab. "Ich weiß nicht, wie lange das hier geht, es gibt hier kaum alte Leute", sagt die 33-jährige RTL-Moderatorin Claudia Hessel. "Darüber nachzudenken ist nicht unsere Philosophie."
Sat-1-Frau Bettina Müller setzt auf die Durchsetzungskraft der Frauenbewegung: Immerhin gebe es jede Menge alter, hässlicher Männer vor der Kamera, deshalb werde Ähnliches auch bald den Frauen erlaubt sein. Hofft sie.
Unter den Angestellten und den Chefs der Privaten werde über das Älterwerden wenig nachgedacht, heißt es bei den zuständigen Gewerkschaften DJV, DAG und IG Medien. "Wenn die das Wort Altersversorgung hören", sagt Peter Völker von der IG Medien, "dann sagen die, wir haben hier nur junge, dynamische Mitarbeiter." Tarife und Ausbildung in den Privatsendern sind längst geregelt, aber erst dieses Jahr konnten die Gewerkschaften einen "Einstieg in die betriebliche Altersversorgung" beim Tarifverband Privater Rundfunk durchsetzen. 52 Mark pro Monat und Mitarbeiter zahlen die Verbandsunternehmen, bei den Printmedien gibt es ein Vielfaches.
Aufs Altern ist man nicht eingestellt beim privaten TV. Moderatoren könnten nach ihrer Ausmusterung beim Supermarktfernsehen unterkommen oder auf Betriebsfesten, heißt es. Und ansonsten stehe jedem Ex-Mitarbeiter die freie Fernsehwelt offen: "Es gibt ehemalige Chefredakteure von Sat 1, die als freie Produzenten ihr Geld verdienen", sagt Büroleiter Calsow nicht ohne Häme.
Rüdiger Jung, 42, ist einer jener TV-Unternehmer, die sich selbständig gemacht haben und die Privaten beliefern. Mehr als ein Jahrzehnt war er bei RTL, unter anderem als Korrespondent in Bonn und dann beim Daily Talk mit Hans Meiser. "Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, Talkshows zu machen", sagt er, "ich wollte schreiben" - Drehbücher für Sitcoms.
So gründete er in Köln-Zollstock mit Unterstützung der Mutterfirma RTL die kleine, aber erfolgreiche Firma Clou Entertainment, stellte ein paar junge Leute an und suchte sich Autoren. Seine Sitcom "Höllische Nachbarn" sei der erfolgreichste Serienstart des letzten Jahres gewesen. Derzeit bastelt er an einem Polit-Klamauk: "Wie war ich, Doris?", die Comedy aus Kanzlers Wohnstube.
Ganz vom Traumjob Fernsehen lassen will kaum einer freiwillig: "Jeder weiß, dass die Leute gut verdienen, die haben ein Dienst-Handy, viele einen Dienstwagen", sagt Tobias Wolff, 38. Er hat sein Handy trotzdem abgegeben. Seit 1989 machte Wolff für verschiedene Sender Nachrichten. Noch vor zwei Jahren war er Studioleiter in Frankfurt für Pro Sieben und stolz darauf. Zuletzt arbeitete er als Chef vom Dienst in der Münchner Zentrale. Jetzt kritisiert er den schnellen "Industrie-Journalismus" und die hohe Fluktuation: "In dreieinhalb Jahren hatte ich vier Chefs in der Nachrichtenredaktion." Da könne kein Mensch ruhig arbeiten, meint er.
Nun will Wolff ganz aussteigen und als rechte Hand eines befreundeten Gutsbesitzers arbeiten - in der sonnigen Toskana. EVA MESCHEDE
Von Eva Meschede

DER SPIEGEL 34/1999
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