13.02.2016

MarkusFeldenkirchenDer gesunde MenschenverstandSPD ohne Duzen

Wenn Historiker später die Frage beantworten müssen, wer den Niedergang der deutschen Sozialdemokratie verschuldet hat, werden sie bei Klaus Ulbricht aus Köpenick landen. Nicht bei Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010, nicht bei Oskar Lafontaine mit seiner Agenda 1891. Dabei hatte es Ulbricht, der mit Walter weder verwandt noch verschwägert ist, nur gut gemeint, als er Angela Merkel im Herbst 1989 zu einer Veranstaltung der Sozialdemokraten mitnahm. "Wir beide interessierten uns für die SPD, weil diese ein Programm hatte", verriet Ulbricht später. Obwohl er selbst an jenem Abend Mitglied wurde und später sogar Bezirksbürgermeister, ermunterte er Merkel, sich noch bei anderen Parteien umzusehen. Er verwies auf den neuen Pluralismus, den Wettbewerb der Parteien. Aus demokratischer Sicht war das vorbildlich, aus sozialdemokratischer eine Rieseneselei.
Denn Merkel sah sich tatsächlich um. Später, als sie bereits Vorsitzende der CDU war, erklärte sie, dass ihr das Geduze bei der SPD auf den Keks gegangen sei – und das ständige "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit"-Gesinge. Dass aber der Demokratische Aufbruch, bei dem sie schließlich hängen blieb, von der CDU geschluckt werden würde und mit ihm all seine Mitglieder, hatte Merkel auch nicht geahnt. "Mit der CDU will ich nichts zu tun haben", hatte sie im Herbst 1989 gesagt. Aber sie rebellierte nicht. Sie wählte den reformatorischen Weg, die CDU so zu ändern, bis sie ihre Partei wurde: eine SPD ohne Geduze.
Das hat gut geklappt. Es würde den ohnehin sehr dünnen Rahmen sprengen, hier alle sozialdemokratischen Erfolge Angela Merkels aufzuführen. Seit Willy Brandt war Deutschland jedenfalls nicht mehr so sozialdemokratisch. Merkel wusste, dass Konservative lieber an der Macht leiden, als in der Opposition mit sich im Reinen zu sein. Bei den Sozialdemokraten ist das umgekehrt. Mit ihrer Willkommenskultur für Flüchtlinge aber hat Merkel es nun übertrieben. Ihre Partei ist kreuzunglücklich über so viel christliche Nächstenliebe. Wenn es so weitergeht, werden aus der Union bald die ersten Kim-Jong-Un-Vergleiche kommen.
Merkel, man muss es so sagen, hat inzwischen alle unglücklich gemacht. In der SPD hat man ihretwegen längst die Hoffnung aufs Kanzleramt aufgegeben. Die Stimmung ist so verzweifelt, dass sogar erwogen wird, den eigenen Parteichef als Spitzenkandidaten ins Rennen zu schicken. Vieles spräche dafür, den historischen Irrtum von 1989 endlich zu korrigieren. Ein Parteiwechsel wäre ungewöhnlich, aber möglich, zumal Merkel nie einen Mitgliedsantrag bei der CDU unterschrieben hat. Mit einer Kanzlerkandidatin Merkel hätte die SPD 2017 plötzlich eine realistische Chance auf das höchste Regierungsamt und müsste sich nur das Singen und Duzen verkneifen. Und die Union müsste endlich nicht mehr leiden. Am glücklichsten aber wäre wohl ein gewisser Klaus Ulbricht.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Markus Feldenkirchen und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 7/2016
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